Wenn die Stärke zur Schwere wird

von Alexandra von Arx

Basel, 23. November 2007. Antonius und Cleopatra – das skandalöse Liebespaar ist beim breiten Publikum vor allem dank Liz Taylor und Richard Burton bekannt. In ihrem monumentalen Hollywoodfilm aus dem Jahr 1963 ist Cleopatra eine betörende, dunkelhaarige Schönheit, mit tief ausgeschnittenen Gewändern und schwarz umrandeten Augen. Eine Mischung aus Traum, Märchen und Historie.

Am Theater Basel zeigt nun Hausregisseurin Christina Paulhofer, die selbst Film studiert hat, das Gegenteil. Eine blonde, kurzhaarige Cleopatra, die wenig exotisch, dafür reichlich abgefuckt ist. Auf einer weit geöffneten Bühne steht sie da. Durch einen langen Laufsteg von ihrem Geliebten Antonius getrennt.

Königin der Lüste auf dem Laufsteg
Er, einer der drei Herrscher über das Römische Reich, ist ihr, der ägyptischen Königin, vollkommen verfallen und vernachlässigt darum seine politische Pflicht. Statt dessen widmet er sich der Lust und dem Genuss, bis ein Bürgerkrieg ihn zur Rückkehr nach Rom zwingt. Dort geht er, um einen Streit zu schlichten, eine Vernunftehe mit Octavia ein, der Schwester seines Rivalen und Triumviratpartners Caesar. Doch die Liebe zu Cleopatra ist stärker. Antonius kehrt zu ihr nach Alexandria zurück. Es kommt zum Bruch und zum Krieg mit Caesar. Die Seeschlacht bei Actium wird für Antonius zur großen Niederlage, weil Cleopatras Flotte ihn im entscheidenden Moment im Stich lässt. Damit ist sein politisches Schicksal besiegelt.

Die blinde Leidenschaft zu Cleopatra hat ihm nichts als Schande gebracht, und er wendet sich enttäuscht von ihr ab. Doch als sie die falsche Nachricht verbreiten lässt, sie habe sich getötet, schlitzt sich Antonius in Verzweiflung die Brust auf. Sterbend erfährt er, dass Cleopatra lebt, lässt sich zu ihr tragen und stirbt versöhnt. Mit Hilfe einer Giftschlange folgt sie ihm in den Tod.

Verblasst neben dem Film
In der von William Shakespeare zwischen 1606 und 1607 verfassten Tragödie werden Ländereien erobert und verloren, Loyalitäten gesichert und verspielt und ganze Völker dem Willen Einzelner ausgeliefert. Doch über das Politische hinaus werden zwei gegensätzliche Welten einander gegenüber gestellt: das geordnete Römische Reich einem sinnlich-lustvollen Ägypten.

Regisseurin Christina Paulhofer sucht hierfür nach einer heutigen Entsprechung. Rom wird zur (trotz reichlichem Alkoholkonsum) trockenen Businesswelt, der Osten zum Ort von Vergnügen und Dekadenz (wo Diskos und Konzerte stattfinden). So ist Renate Jett als Cleopatra ein hysterisch-theatralisches Glamourgirl, was wenig mit der machtvollen Gebieterin gemein hat. Ihr Reich, eine U-förmige Versenkung im Boden, löst bloß aufgrund der Wandmalerei die Assoziation ans antike Königreich aus (Bühne: Alex Harb). Trotz Wärme suggerierender Lichterketten wird überwiegend oben, im grellen Licht, auf der in den Zuschauerraum hinein ragenden Plattform, gespielt.

Kleine Schlachten in der Businesswelt
Die Textvorlage wirft die Frage auf, ob Cleopatra Antonius' Liebe verdient hat und ob sie den Verlust von Macht und Leben wert ist. Nach der gut hundertfünfzig-minütigen Inszenierung am Theater Basel ist deutlich geworden: Diese Cleopatra ist berechnend und hat Antonius' Liebesopfer nicht verdient. Aber auch die eigentlichen Vertreter der Staatsräson geben keine bessere Figur ab. In ihren eleganten Zweiteilern (Kostüm: Tran Hin Phu) schieben sie betrunken Papierschiffchen auf dünnen Drahtstäben herum und entscheiden so die großen Schlachten. Einzig Bastian Semms Caesar bewahrt durchgehend Haltung und Strenge.

Falsche Gefühle, aber eine echte Schlange für den Selbstmord
Entgegen der Absicht der Regisseurin, die einmal geäußert hat: "Ich will die Zuschauer emotional packen wie im Kino", bleibt man an diesem Abend unberührt. Diskobeats und eine unterkühle Glitzerwelt eröffnen keine tieferen Einblicke. Die Frage nach der Möglichkeit von echten Gefühlen im Umkreis von Politik und Macht wird nicht aufgeworfen. Zwar zeigt Jan Bluthardt als Antonius zerrissen zwischen Auftrag und Verlangen glühende Emotionen, aber rüber springt der Funke nicht.

So gilt für Shakespeares Stück an diesem Abend, was Cleopatra gegen Ende zu Antonius sagt: "All unsre Stärke wurde zur Schwere." Das Nicht-Wertende und Offene des Textes ist hier zur Aussagelosigkeit verkommen. Immerhin sorgen (wie aus dem Film entsprungen) ein echtes Pferd und eine lebendige Schlange auf der Bühne kurz für Spannung.


Antonius und Cleopatra
von William Shakespeare
deutsch von Elisabeth Plessen
Regie: Christina Paulhofer, Bühne: Alex Harb, Kostüme: Tran Hin Phu, Musik: Sylvain Jacques, Chor Tumasch Clalüna.
Mit: Bastian Semm, Jan Bluthardt, Renate Jett, Martin Engler, Peter Schröder, Linda Olsansky, Barbara Behrendt , Andrea Bettini, Jörg Schröder, Nikolaos Eleftheriadis.

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

In der FAZ (27.11.2007) schreibt Martin Halter, Paulhofer inszeniere Alexandria als "Mode- und Partyhauptstadt", in der Isis und Eros die Hüllen fallen ließen. Das "verlebte Partygirl" Cleopatra, eine "alternde Designerin" mit "viel zu kurzen Röckchen und Tattoos" stelle ihre turbulente Beziehung zu ihrem "jungen Kleiderständer" Antonius "öffentlich aus". Paulhofer wolle uns sagen: "Ägypten ist dekadent, schwül, weiblich, Rom kriegerisch, kalt, männlich." Zu Beginn tänzelten alle Akteure "hüftschwingend herein" und stellten sich "mit gelangweiltem Model-Blick" auf. Viel mehr passiere dann auch weiterhin nicht, außer wenn der Bote auf seiner Vespa erscheine und, ganz am Ende, ein Auftritt von Pferd und Schlange Leben in diese "Mumienparty" brächte.

Im Bund (26.11.2007) aus Bern schreibt Charles Linsmayer, die Leute hätten "Lauter!" gerufen weil sie nichts verstanden hätten in der leergeräumten Bühnenhalle des Basler Theaters. Wer das Stück nicht kenne, verstehe eh nur Bahnhof und verstünde auch die Persiflagen nicht. Die Cleopatra sei falsch besetzt, der Antonius schreie und prügle unverständlicherweise die wirklich erotische Octavia. Erst wenn eine echte Schlange und ein echtes Pferd aufträten, rühre die Veranstaltung an jene "Grösse und Gewalt, die der wuchtig-monumentalen Liebestragödie eigentlich innewohnt und die von Christina Paulhofer fast durchwegs in Klamauk, Verlegenheitslösungen, lärmiger Rockmusik und leerem Tamtam ertränkt" worden sei.

Für den onlinereports.ch (24.11.2007) berichtet Claude Bühler zunächst von einem Schreck: "Die Schlange war echt, die sich Renate Jett als Kleopatra auf der Grossen Bühne um den Hals legte." Das zumindest sei "spannend" gewesen. Für den Rest der Veranstaltung gelte das nicht. Denn "wer das Stück nicht kennt, versteht in dieser Inszenierung weder die schwierige Liebesbeziehung noch die politischen Geschehnisse mit ihren Handlungsorten und den Abläufen". Die Sprache sei "oft derart flüchtig geführt, dass halbe Sätze verschluckt werden". Das sei auch deshalb "ein Problem", weil Paulhofer das Stück "eh schon um die Hälfte gekürzt hat". Außerdem sei "die Verständigung mit dem Publikum zusätzlich erschwert, indem sie die Helden als heutige narzisstische Glamour-Stars inszeniert" sind. Und auch wer das Stück kennt, erlebe keinen "ganzen Marc Anton" etwa, sondern einen "jünglinghaften Pop-Star". Man sehe niemals Leidenschaften, sondern lauter "pubertäre Grillen".

 
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