Kreon versus Pussy Riot

von Simone Kaempf

Berlin, 9. September 2012. Wenn man sie geschickt zusammenfügt, passen die Texte wirklich erstaunlich zusammen: Kreons Reden vom Wohl des Staats, geschrieben von Sophokles in der "Antigone" vor 2000 Jahren, und die Schlussplädoyers der drei Mitglieder der regierungskritischen Gruppe Pussy Riot, vorgetragen von ihnen selbst am 13. August 2012 vor dem Chamowniki-Gericht in Moskau. Wie Antigone sprechen hier auf der einen Seite drei Frauen, die sich dem Gesetz widersetzen. Klagt eine an, dass das russische Schulsystem von klein auf lehre, gegen Andersdenkende intolerant zu sein, antwortet Kreon: Wo bleibt die Dankbarkeit? Sieht die zweite, Russland durch diesen Gerichtsprozess kollabieren, kontert Kreon, dass sie den Fehler nur bei anderen suchen will.

Lesung mit Moskauer Videoeinspielungen

Bei der Lesung der Textcollage "Pussy Right", die für einen Abend in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung stattfand, sind es die Schauspielerinnen Cristin König, Anne Müller und Regine Zimmermann vom Maxim Gorki Theater, die die Plädoyers vortragen. Dazu laufen Videobilder aus dem Moskauer Gerichtssaal sowie der Christi-Erlöser-Kirche, und aus dem Off spricht als Kreon Ulrich Matthes vom Deutschen Theater. Er schlägt hier einen eher jovialen Ton an, um das Mahnen der Frauen gönnerhaft zu entkräften, oder wird streng, um seine Härte zu verteidigen.

pussyright 560 kilian-davy baujard uLeser für die Freiheit: Anne Müller (stehend), Regine Zimmermann und Cristin König (am Tisch)
© Kilian-Davy Baujard

Es liegt eine informative Kraft in dieser Lesung in der Heinrich-Böll-Stiftung. Man erhält einen Einblick, worüber vor dem Moskauer Gericht gestritten wurde und kann bestens nachvollziehen, wie die drei Frauen ihre Aktion in den Schlussplädoyers (nachlesbar auf
www.freepussyriot.org) mit genauen Argumenten verteidigten und dass sie der Kunst eine wichtige Rolle beimessen, um etwas zu verändern.

Aber so argumentativ wie das Streiten in "Pussy Right" in Berlin abläuft, ist es in der Realität vor Gericht nicht gewesen. Dubiose Zeugen kamen zu Wort. Man weiß, welches Urteil im August in Moskau gesprochen wurde und dass die Pussy-Riot-Mitglieder kaum eine faire Chance hatten. Von einer ehrlichen Einsicht des Staatsobersten, zu der Kreon findet, ist bei Putin keine Spur. Und so führt "Pussy Right" eher in die Vergangenheit und verbrieft das Drama der "Antigone", aber erzielt wenig Gewinn für die aktuelle Situation.

Symbolpolitik im Durchgangsstadium

Was an diesem Abend versucht wird, ist vor allem Symbolpolitik: Man macht sich für politische Freiheit und für die Freiheit der Kunst stark. Dass dies in einer gearbeiteten Performance-Lesung geschieht, geht den Schritt über das Hissen einer Fahne hinaus, mit dem vor kurzem das Berliner Ensemble seine Solidarität mit den Pussy-Riot-Aktivistinnen bekundete. Dass "Pussy Right" in der Kürze der Erarbeitungszeit nicht zu einer eigenen Kunstsprache findet, muss man da nicht beklagen.

Der eindringlichste Moment lag dann aber auch vor der Lesung. Die Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck appellierte in einer kurzen Rede, dass man die Frauen nicht alleine lassen dürfe. Der Schrecken gehe für sie jetzt erst los, weil die Gewalt in russischen Frauengefängnissen noch größer als in Männergefängnissen sei.

Nein, allein lassen will man sie nicht. Es werden andere Verarbeitungen der Geschehnisse folgen. An diesem Abend wohnte man einem Durchgangsstadion bei, dem größere Schritte folgen werden. Sicherlich auch abhängig davon, was die Berufung ergibt, die die Anwälte von Pussy Riot gegen das Urteil eingelegt haben.


Pussy Right
Eine Textcollage zum Moskauer Punkprozess gegen Pussy Riot
zusammengestellt von Andreas Hillger
Mit: Cristin König, Anne Müller, Regine Zimmermann, Stimme aus dem Off: Ulrich Matthes.
Produziert von Work it. art inklusive in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, unterstützt durch das Maxim Gorki Theater.

www.boell.de


Die Debatte um die Verurteilung der Pussy-Riot-Aktivistinnen wird derzeit auch im Forum von nachtkritik.de geführt: im Thread unter der Meldung über die BE-Aktion und im Thread über Elfriede Jelineks Diskussionsbeitrag.

 
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