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Worte werden Film

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 14. September 2012. Dreimal öffnet sich der Vorhang. Nichts passiert, die sieben Stühle bleiben leer. Der Schauspieldirektor und Regisseur des Abends Kay Voges betritt die Bühne und entschuldigt sich: "Wir haben versucht, die Grenzen der Wirklichkeit neu abzumessen (...). Wir haben Körper verloren, die Bühne hat ihre Schauspieler verloren. Worte werden nicht mehr Fleisch."

Unmögliches Theater ...

Das Theater Dortmund startet in die neue Spielzeit, indem es sich selbst in Frage stellt. Mit Wolfram Lotz' kompliziert-ambitioniertem Stück "Einige Nachrichten an das All" (2011 in Weimar uraufgeführt) zieht Voges konsequent die experimentierfreudige Linie weiter, die er seit 2010, dem Beginn seiner Intendanz angefangen hat.

nachrichten3 280 u© Daniel Hengst / sputnicDer 1981 geborene und für sein erstes Stück "Der große Marsch" mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnete Wolfram Lotz schreibt in seiner "Rede zum Unmöglichen Theater": "Das Theater ist der Ort, wo Wirklichkeit und Fiktion aufeinandertreffen, und es ist also der Ort, wo beides seine Fassung verliert in einer heiligen Kollision." Für den Autor Lotz bedeutet das, Stücke zu schreiben, die unmögliche Forderungen an das Theater stellen. Mit Fußnoten will er es vor Illusionismus schützen. Für den Regisseur Voges heißt das, mit typischen Theatermitteln an diesem Stück zu scheitern. Nur leider zeigt er dieses Scheitern nicht. Er präsentiert ein perfektes Ergebnis, das aus dieser gewünschten Überforderung entstanden ist.

einigenachrichten 280 daniel hengstsputnic u© Daniel Hengst / sputnicVoges verbannt die Schauspieler auf die Leinwand. "Es ist eben kein richtiges Theater", krächzt Schwester Inge – wie Tarantinos "Elle Driver" als Krankenschwester mit Augenklappe – klavierklimpernd in die Kamera. Aber ist Theater, das kein richtiges Theater ist, denn Film? Hier schon. Auch wenn der Film ein ziemlich theatraler ist.

... wird Film

Die Drehorte sind hervorragend ausgewählt. Das Plateau der Halde Haniel in Bottrop gleicht einer kargen Mondlandschaft. Beste Kulisse für ein Stück, das die Wirklichkeit der Welt hinterfragt und Nachrichten an das All verschickt, damit man da draußen sieht, was die Menschen hier unten bewegt. Es sind die Worte "Mama" vom Botaniker Rafinesque, "Bums" von Ronald Pofalla und "Unterhaltung" vom LDF, dem Leiter des Fortgangs, der die wichtigen Worte fürs All von "Personen aus Historie und Medien" sammelt. Für noch besseren Empfang begibt sich die Dortmunder Crew auch mal auf ein Hochhausdach, für die wissenschaftliche Forschung in einen Birkenwald.

nachrichten4 280 uHeinrich und Hilda freieren im See.
© Daniel Hengst / sputnic
Gefilmt werden Prothesenträger (Schwester Inge), weiß Geschminkte (das Sinn suchende Beckett-Pärchen Lum und Purl Schweitzke), Zombies mit Wunden voller Theaterblut (der LDF) und Ausgestopfte (Klaus Alberts, der seine Tochter beim Autounfall verloren hat, und die dicke Frau, die nicht ins Aufnahmegerät sprechen darf, weil sie keinen Auftritt im Fernsehen hatte). Figuren, die ihre Fiktionalität am Körper tragen. Die Regie überschminkt und kostümiert jeden physischen Realitätspickel. Nur einmal nicht: Die beiden Toten Kleist und das Mädchen Hilda begegnen sich in einem See. Beim Dreh muss es bitterkalt gewesen sein. Björn Gabriels und Julia Schuberts Haut wird langsam weiß wie ihre Kleider, ihre Lippen zusehends blauer. Auch das könnte Theaterschminke sein, ihr Zittern geprobt. Aber dann sieht der Zuschauer die Gänsehaut an Hildas Armen, ihre Haare stehen ab. Da kollidieren Wirklichkeit und Fiktion für einen kurzen, wirksamen Moment.

Hitler, Außerirdische und Lum

Sonst zoomt die Kamera von Videokünstler Daniel Hengst weinende und wahnsinnige Augen heran, erblickt Außerirdische durchs Mikroskop, fängt atmosphärische Sonnenaufgänge ein. Das ist mal wunderschön – wenn der am Leben und Sterben verzweifelnde Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist wie Sisyphos ein Boot den Haldenhang heraufhievt oder sich der Raum um Lum sichtbar ausdehnt. Mal ist es angestrengt komisch – wenn die glitzernden Außerirdischen wieder ins Bild purzeln oder der LDF sich zum Hitler transformiert.

nachrichten2 280 u© Daniel Hengst / sputnicVoges ist das Experiment eingegangen, eine Inszenierung aus ihrer räumlichen Beschränktheit zu holen. Aber er schränkt das Theaterstück neu ein, indem er es auf die Zweidimensionalität des Films begrenzt. Für die Schauspieler, die alle leidenschaftlich zwischen absurder Komik und Sinnkrise agieren, mag das kalte Seewasser ein Realitätseinbruch sein. Für den Zuschauer ist es das nicht, wenn er es nur auf der Leinwand sieht. Dass die Schauspieler am Ende – jetzt in chicer Abendkleidung – doch noch auf die Bühne kommen, um Lotz' Fußnoten zu sprechen, bleibt eine Endnote. Die überliest sich schnell, wenn sie nicht auf der zugehörigen Textseite gedruckt ist.

 

Einige Nachrichten an das All
von Wolfram Lotz
Regie und Drehbuch: Kay Voges, Director Of Photography: Daniel Hengst, Set-Design / Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Kostüme: Mona Ulrich, Originalmusik: Paul Wallfisch, Dramaturgie: Alexander Kerlin, AK Schulz.
Mit: Eva Verena Müller, Frank Genser, Uwe Schmieder, Ekkehard Freye, Sebastian Graf, Julia Schubert, Björn Gabriel.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

Wolfram Lotz' "abgrundtief traurige und trostlos absurde Komödie" entlockt dem Kritiker der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (17.9.2012, online auf derwesten.de), Rainer Wanzelius, ein bewunderndes, verstörtes, von Plagen kündendes Aufstöhnen: "Tief durchatmen, und dann nichts wie raus aus diesem Theater! Aus einem Theater, das, ohne auch nur eine einzige auszulassen, alle, wirklich alle Fragen der Menschheit auf einmal zu stellen wagt. Das so gerade mal an einem genialen Scheitern vorbeigescheppert ist."

Dieses Stück größtenteils als Kinofilm zu realisieren, sei eine "kluge Entscheidung", schreibt Bettina Jäger für die Ruhrnachrichten (17.9.2012). Denn: "Der preisgekrönte Autor Wolfram Lotz, der zur Premiere gekommen war, schreibt voller Poesie über unsere Angst vor dem Tod, nimmt das Sterben mit Humor und findet Hoffnung. Aber eben in so schrägen und seltsamen Szenen, dass eine Bühne sie kaum fassen kann." Der Film zeige "faszinierend surreale Bilder", und im Ganzen sei dieser Theaterabend "ein bizarres, überraschend lustiges und ästhetisch sehr zeitgemäßes Gesamtkunstwerk, das uns erheitert und getröstet in die Nacht entlässt".

Einen beeindruckten Bericht gibt auch Ulrike Gondorf im Gespräch für die Sendung "Mosaik" auf WDR 3 (15.9.2012). In Lotz' Stück werde ein "riesiges Panorama aufgerissen". "Es geht einerseits um die ganz existenziellen philosophischen Fragen nach Leben und Tod, nach dem Sinn des Lebens, und außerdem durchbricht sein Stück immer wieder diese imaginäre vierte Wand". Ausführlich werden die Anklänge an Becketts "Warten auf Godot" gewürdigt. Kay Voges' sei mit seinem filmischem Zugriff der vermeintlichen Unspielbarkeit des Stückes begegnet und habe dabei ein "sehr schönes Theatererlebnis, gerade weil das Theater eigentlich abwesend war", geschaffen. Ein "großer Erfolg".