Tschüss Stunkmacher, hallo Showmacher

von Christian Rakow

Dresden, 14. September 2012. Den Muppets ging es letzthin nicht gut. Mit ihrem Serienabschied 1981 waren Glamour und Prominenz aufgebraucht. Trist dümpelten Kermit, Gonzo, Fozzie Bär und Co. seither in bürgerlichen Alltagsjobs dahin. Aber dann kam Walter, ein kleiner Kuschelkamerad und großer Fan aus der Provinz, und verhalf den alten Anarchopuppenstars zu einer ganz großen Comebackshow – nachzuschauen im Disneyfilm "Die Muppets" von 2011.

Und siehe, so ein Revival treibt Blüten. Plötzlich tauchen die Muppets als Ganovenbande in Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" am Dresdener Staatsschauspiel auf, wo sie die Hochzeit des Gangsterkönigs Mackie Messer mit der Tochter des Bettlerkönigs Polly Peachum umwitzeln. Zum Comeback geladen wurden sie hier von Friederike Heller.

Brecht'sche Backstreet-Boys des Mainstreams

Man könnte die Maskierung der Brecht'schen Backstreet-Boys mit Muppetmasken für eine vorübergehende Regie-Marotte halten, an einem Abend, der mit Verwandlungen und Faschingsfreuden ohnehin nicht geizt. Aber irgendwie haben diese Muppets doch eine Menge mit dem Theaterrevolutionär Brecht zu tun, oder eben mit der Art und Weise, wie die Pop-Magierin Heller ihn liest: Die Original-"Muppet Show", das war natürlich auch große Verfremdungskunst: eine Show über das Showmachen, immer halb Backstage (mit amourösen Frotzeleien zwischen Kermit und Miss Piggy), halb im Rampenlicht (mit zeitgenössischen Gaststars von Peter Ustinov bis Elton John). Und so anarchisch, subkulturell und linksavantgardistisch die Show startete, so sehr wurde sie dann Mainstream. Ein Schelm, der dabei an die "Dreigroschenoper" denkt.

3groschen 560 davidbalzer uMuppet-Musical-Schmelz: Christian Friedel und Sonja Beißwenger © David BalzerHeller packt die "Dreigroschenoper" ganz als die Erfolgsrevue an, als die sie schon in der Berliner Uraufführung 1928 funktionierte. "Fuck Reality" lässt sie einen vermummten Sprayer auf ein Protestschild sprühen. Die Realität bleibt draußen, Armutsbebilderungen fallen aus. Wir alle, so die Message, stecken in einem großen Showkäfig. Der Blick wandert durch drei Glühlampenrahmen hindurch über die offene leere Bühne (eingerichtet von Sabine Kohlstedt) nach hinten zur achtköpfigen Band. Und die füttert mit jedem neuen Evergreen den anschwellenden Szenenapplaus.

Zarter Schmelz mit Pop-Effekt

Dresden hat seine vorzüglichsten Sänger an den Start gebracht: Christian Friedel als eher softer Mackie Messer mit schmalem Oberlippenbart wie Django Reinhardt und der Geschmeidigkeit eines Turniertänzers. Und Sonja Beißwenger als elegante Cocktail-Diva Polly mit wechselnden Charleston-Kleidern. Voll zartem Musical-Schmelz schleichen sie sich durch die Weill'schen Songs von der "Seeräuber-Jenny" bis zu "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral". Am ehesten den traditionell rauchigen Weill-Ton zelebriert Antje Trautmann als launig ordinäre Celia Peachum mit der "Ballade von der sexuellen Hörigkeit".

Der Abend will vor allem Konzert-Spektakel sein (und er ist es!), ein verfremdetes, episierendes gleichwohl. Die Schauspieler übernehmen den Part der Souffleuse, wechseln die Masken stets auf der Szene: von den Räuber-Muppets zur horrorfilmtauglichen Zombiearmee des Bettlerkönigs Jonathan Jeremiah Peachum (Thomas Eisen) und weiter zu den travestierten Huren, die hier als schillernde Seejungfrauen meterhoch über der Bühne schaukeln. Bunter ist besser. Wir leben in einer Welt von Zeichen, das edle Handwerk schwindet, Einbrecher werden zu Bankern, Bettler zu Bettler-Simulanten, Betrüger zu Besitzstandsbürgern. So lehrt es Brechts Parabel. Und Heller nimmt diese Logik in ihrem Verwandlungsspiel auf. Sie treibt den V-Effekt in den Pop-Effekt: Alles, was hier erscheint, ist immer schon durch ein hauchdünnes Anführungszeichen gerahmt.

3groschen 280h davidbalzer uSebastian Wendelin als Jenny  © David Balzer

Formale Deutung des Methodikers

Vor nicht allzu langer Zeit hat Friederike Heller an der Berliner Schaubühne mit Brechts Der gute Mensch von Sezuan ein sprödes, regelrecht verdruckstes Regietheaterexempel gegeben, das vor allem zu fragen schien, was, um Himmels Willen, mit diesen materialistischen Welterklärungen noch anzustellen sei. Dieses Mal wirkt alles geradezu befreit, verspielt, in jeder Sekunde fantasievoll durchchoreographiert. Allerdings auch, weil sie Brecht nicht von der inhaltlichen, sondern von der formalen Seite her angeht: eben als Methodiker der Bühne, nicht als Theoretiker des Sozialen. Als Showmacher, nicht als Stunkmacher.

So bricht denn in diese so elegant schwebende, bewusst selbstbezügliche Saisonauftaktinszenierung kein fremder Widerstand ein, aber doch einmal eine Trauer. Leise, inwendig singt der wunderbare Sebastian Wendelin als travestierte Spelunkenjenny von allen Großen, die gefallen sind: "Ihr saht den weisen Salomo, Ihr wisst, was aus ihm ward...". Und im Lichtkegel erscheint Friedel alias Mackie in der Pose des Moonwalkers Michael Jackson: wie ein Panther geneigt, Blick gen Boden, Hand am weißen Hut, gefroren. Das Bild einer gewesenen Kraft, eines Kunsterneuerers, der glühte und nun im Mainstream sanft nachglimmt: Michael – und Mackie und die Muppets. Und wohl auch Master Brecht. Kein Revival holt uns die Revolutionäre wieder. Hellers Werk ist auch ein Abschied. So geschickt wurde die "Dreigroschenoper" länger nicht gefeiert und verfeuert.

 

Die Dreigroschenoper
von Bertolt Brecht
Regie: Friederike Heller, Musikalische Leitung: Thomas Mahn, Bühne: Sabine Kohlstedt, Kostüm: Ulrike Gutbrod, Live-Zeichnungen: Jens Besser, Animation: Stefan Schwarzer, Licht: Michael Gööck, Ton: Torsten Staub, Marion Reiz, Dramaturgie: Felicitas Zürcher
Mit: Thomas Eisen, Antje Trautmann, Sonja Beißwenger, Christian Friedel, Benjamin Höppner, Christine-Marie Günther, Sebastian Wendelin, Thomas Braungardt
und den Musikern: Thomas Mahn, Tom Götze, Marc Dennewitz, Christian Rien, Friedemann Seidlitz, Heiko Jung, Sascha Mock, Thomas Seibig, Dittmar Trebeljahr, Christoph Hermann.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de



Kritikenrundschau

Tomas Petzold von den Dresdner Neuesten Nachrichten (17.9.2012) stört sich am "Hauch von Selbstironie", mit der die Schauspieler schon bei der Ouvertüre zu Werke gingen. Denn "Ironie in diesem Stück richtet sich ja eigentlich nach außen, auf die Gesellschaft". Friedel gebe den Macheath als "Filou", es reiche bei ihm "gerade noch zu ein bisschen Zynismus, aber nicht zu tödlicher Brutalität". Der Abend biete "banales Unterhaltungsprogramm, in dem die vornehme Operette im Stile der 20er Jahre auf kontrastierende zeitgenössische Darbietungsformen trifft". In dem "Stilmix" gehe die "Haftung am Boden und für soziale Realität weitgehend verloren".

Begeistert berichtet dagegen Silvia Stengel in der Sächsischen Zeitung (17.9.2012) von dieser Premiere. Abstriche macht sie lediglich bei einigen Gesangsdarbietungen (Sonja Beißwenger). Ansonsten würdigt sie die schauspielerischen Darbietungen (insbesondere Sebastian Wendelin, der in seiner Rolle als Jenny "Zartheit und Männlichkeit paart") sowie Kostüm und Bühnenbild die "Poesie ins Spiel" bringen. Zum Gehalt der Inszenierung: "Wie einer mit dem andern verbandelt und jeder am Ende doch nur auf den eigenen Gewinn aus ist und die armen Leute verachtet, diese Sozialkritik von Brecht ist gut nachvollziehbar. Alles ist nur Show. Jeder stellt etwas dar und macht den anderen etwas vor."

Esther Slevogt rollt in der taz (17.9.2012) diese Inszenierung über die Eingangssequenz zwischen Peachum und dem Bettler Filch auf, der sich verkleiden müsse, um als Bettler glaubhaft zu werden: "Womit man schon mitten in der Logik der Inszenierung wäre, die nämlich die Frage stellt, wie man so ein abgenudeltes und zum Bürgervergnügen verkommenes Roaring-Twenties-Spektakel noch glaubhaft auf die Bühne bringen kann." Heller inszeniere Brechts Werk "als große Glamourshow" mit "Travestie-Seejungfrauen, die sich als Huren aus dem Bühnenhimmel herabsenken, exquisit gesungenen Songs und geschmeidig servierten Szenen, die nie etwas anderes als großes Theater sein wollen und sind: die 'Dreigroschenoper' als Stück über eine Welt, in der alle nur noch Theater spielen – bei der Liebe, beim Betrügen, Geschäfte- und Karrieremachen. In der folgerichtig auch das Theaterspielen selbst nur große Lüge sein kann."

"Was ist ein solider Strafvollzug gegen den allgegenwärtigen Unterhaltungsterror, in dem alle immer schon lebenslänglich festsitzen, fragt Friederike Heller sozusagen mit Brecht", schreibt Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (19.9.2012). Entsprechend lösten sich die Grenzen zwischen Politik und Politiksimulation, Prekariat und Prekariatsdarstellung, deren Durchlässigkeit die "Dreigroschenoper" mit dicken Ausrufezeichen vorführe, vollends in einer Art Verwandlungs-Perpetuum-Mobile auf. Hellers Idee, die längst im Unterhaltungsmainstream angekommene „Dreigroschenoper“ als selbstbezügliche Revue der frei schwebenden Entertainment-Verweise anzulegen, sei doppelt clever. "Einerseits verschiebt die Regisseurin damit Brechts plakative Gesellschaftskritik, ohne sie direkt als erledigt abzutun, so elegant wie realitätsnah in den (Anarcho-)Lifestyle-Bereich." Und zum Zweiten verschaffe der mehrbödige Show-Ansatz dem Dresdner Ensemble die Lizenz zum hemmungslosen Aufdrehen. "Unterhaltungsoffensive mit konzeptionellem Gütesiegel: Besser hätte die Saisonauftakt-Inszenierung, die gleichzeitig die 100. Spielzeit des Dresdner Schauspielhauses einläutete, kaum ausfallen können."

 
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