Denn wovon lebt der Mensch?

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 15. September 2012. Auch nach diesem Abend wissen wir nicht ganz und gar, was im zweiten Teil von Goethes "Faust" alles auf dem Spiel steht. Zumindest aber sind wir jetzt im Besitz neuer Bilder, die von der Nacktheit der Existenz, der Weichheit des Todes und der Kälte der Sehnsucht erzählen.

faust2 280h birgithupfeld uConstanze Becker und Wolfgang Michael
© Birgit Hupfeld
Günter Krämer, für den ursprünglich vorgesehenen Regisseur Benedikt von Peter eingesprungen, inszeniert die überbordende Textmasse in einer ranken und schlanken Version, die auf vielerlei Verse verzichtet und andere munter hin und her sowie in andere Münder schiebt. Dabei rückt er dem Stück weniger intellektuell als atmosphärisch zu Leibe.

Postfeministische Stärke

Constanze Becker begibt sich für ihn in die Rolle von Mephistopheles, den sie mit clowneskem Übermut als Zirkusdirektor des irdischen Lebens anlegt, der als komische Alte zur Höchstform aufläuft. Mit Frack und Zylinder, ein Bein auf einem Stöckelschuh, das andere in einem Halbschuh und mit kirschrotem Mund und langem Pferdeschwanz humpelt sie über die Bühne und versteht es ein ums andere Mal, mit ihrer Interpretation den Text regelrecht aufzuschließen. Leider findet sie in Wolfgang Michael an diesem Abend kein entsprechendes Gegenüber. Er verkörpert Faust als verlebten alten Mann mit Vorstadt-Gigolo-Attitüde, der kunstunfertig Sätze aus der Kehle quetscht und räudige Blicke wirft. Dieser Mann scheint mit allem fertig, giert weder nach Erlösung noch nach sonst noch was.

Sei's drum, der Abend gehört ohnehin den Frauen. Allen voran der wieder einmal umwerfend unbedingten Valery Tscheplanowa, die als Helena, Baucis und Sorge auftritt. Dabei gelingt es ihr traumwandlerisch, mit ihrem hohen Ton die Worte mit irdischer Verzweiflung und Welthaltigkeit auszustatten. Bei ihrem ersten Auftritt fährt sie gemeinsam mit dem Frauenchor aus dem Orchestergraben, alle mehr oder minder unbekleidet formieren sie sich zu einer eindrücklichen Figurengruppe, deren Nacktheit postfeministische Stärke ausstrahlt. Einerseits. Auf der anderen Seite ähneln die Frauen in ihrer jämmerlichen Kreatürlichkeit dem schutzlosen Leibergewimmel auf Bildern von Hieronymus Bosch.

faust2 560a birgithupfeld uValery Tscheplanowa und Wolfgang Michael  © Birgit Hupfeld

Womöglich liegt die Güte dieses Abends ja darin, dass er es vermag, Bilder zu generieren, die zur gleichen Zeit archaisch und modern sind. Der Chor begibt sich später sprechend die Seitengänge hinauf, so dass sein Toben die Zuschauer aus allen Richtungen umfängt. Sogleich gleitet eine Seidentuchwelle über ihre Köpfe hinweg wie eine Brise. Mit ballettöser Herrlichkeit inszeniert Krämer mit Hilfe seines Bühnenbildners Herbert Schäfer den neuen Tag in all seiner satt leuchtenden Helligkeit (Licht: Johan Delaere). Betörende Momente, sorgsam, genau und bestimmt umgesetzt, was nicht heißt, dass es einen aus dem Sitz reißt. Insbesondere im ersten Teil ringt der Abend mit manch zähem Moment. "Solide" könnte man also sagen und meinen: weder brillant noch mies. "Zwiespältig" könnte man ebenfalls sagen und meinen, dass man am Ende nicht genau weiß, wie man das alles finden soll. Die zuschauerfreundliche Kürze überspielt womöglich auch eine Kapitulation vor der Komplexität des Stoffes.

Eine Wette, die am Ende keiner gewinnt

Die einzige Gemeinsamkeit mit dem vollkommen anders gearteten ersten Teil der Tragödie in der Regie von Stefan Pucher am Vorabend ist das momenteweise Kippen in die Wirklichkeit. Pucher zeigt Faust per Videoprojektion auf Frankfurter Straßen. Krämer baut das Occupy-Camp ansatzweise wieder auf, das sich bis vor Kurzem gegenüber dem Theater befand. Mit einer Anspielung darauf lässt er seine Inszenierung bereits starten. Zunächst stellt sich eine Frau (Lore Stefanek) in die Saaltür, wo sie einen Prolog spricht, der wie ein Kommentar auf unsere durchökonomisierte Wirklichkeit tönt: teuflische Worte, die sich in ihrem Mund zum Protest formen. Im ersten Moment hätte man sie auch für eine Zuschauerin (oder Camp-Bewohnerin) halten können. Ein Wachmann führt die Frau schließlich ab und gibt die Bühne für Tod und Teufel frei.

Am Ende liegt Faust splitternackt im Schnee und findet im Jenseits die ersehnte Ruhe. Mephisto hadert derweil mit Gott und der Welt. Die Wette, die ihren Pakt begründet, gewinnt am Ende keiner. In puncto Schlussapplaus gewinnt Günter Krämer allerdings gegen Stefan Pucher, zumindest beim Frankfurter Publikum.

 

Faust. Der Tragödie Zweiter Teil
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Günter Krämer, Choreinstudierung: Uwe Hergenröder, Bühne: Herbert Schäfer, Kostüme: Falk Bauer, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Constanze Becker, Lore Stefanek, Valery Tscheplanowa, Wilfried Elste, Wolfgang Michael und Nico Holonics.
Chor: Sophia Anspach, Nuriye Arslanoglu, Magdalena Baltz, Daniela Fonda, Ezgi Ovali, Neele Pettig, Larissa Robinson, Katarina Schmidt, Vera Schmidtke, Johanna Seitz, Elena Weber und Marlene Zimmer.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Der Tragödie Erster Teil wurde in Frankfurt im Rahmen der Faustfestspiele am Tag zuvor von Stefan Pucher in Szene gesetzt.

 

Kritikenrundschau

"Wortgesang, Goethegeklingel, Opernbebilderung" habe Günter Krämer im zweiten Teil des "Faust" dem Publikum beschert. Aber trotz des heftigen Applauses muss Peter Michalzik es in der Frankfurter Rundschau (17.9.2012) aussprechen: "Es ist eine Vollkatastrophe, eine Theaterhilflosigkeit, eine einzige Gegenwartsverweigerung." Von dem, "was da zwischen dem Chor von zwölf nackten Frauen und Helena verhandelt wurde", habe er "trotz eifrigen Bemühens, trotz Textkenntnis, nichts, aber auch gar nichts verstanden." Michalzik wirft reihenweise Fragen auf: "Worüber wurde geredet? Wer sagt zu wem warum, was da chorisch mit dem Versfuß hüpfend, heruntergebetet wurde? Warum sind die Frauen und Helena nackt? Warum tritt Wolfgang Michael, unser zweiter Faust, im langen Fellmantel auf? Wieso wirft er am Anfang Geld nach oben? Man kann sich dazu etwas denken, besser man lässt es bleiben."

Das leere Bühnenhaus, in dem Günter Krämer den "Faust II" spielen lasse, sei ein Schlupfloch, in das sich das Theater vor der Welt verkrieche, meint Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (17.9.2012). Auch wenn es ein "edel melancholisches, zum Teil auch schön, gut und witzig gemachtes" Verkriechen sei. Es seien die "kleinen, schönen, schlauen Übergänge und Verweise und szenischen Zitate, die Krämers 'Faust II' trotz aller Verluste zu einem Vergnügen machen. Doch die Sphäre bleibt: privat. In der alles irgendwie eins ist." Immerhin komme bei Krämer – anders als bei Pucher am Vorabend – "wenigstens ein bisschen phantasievolle Theaterwelt ins Weltspiel". Goethe gehe "zwar so nicht ganz. Aber ein bisschen was ging hier."

"Goethes Klassik und griechische Antike, Poesie und Schönheit, sie erstarren vor apricotfarbenem Horizont", schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (17.9.2012) zu Krämers "Faust II"-Inszenierung. Zwischen Mephisto und Faust knistere nichts. Constanze Becker agiere "wie ein Varieté-Ausrufer", und "der hagere Kauz Wolfgang Michael scharwenzelt im Galazwirn geckenhaft um die eigene Achse, was den Verdacht nährt, dass dieser große Akteur zu oft mit Opernregisseuren arbeitet (Krämer, Kosky), die dem Pfau die Federn nicht stutzen." Was Faust "war und was er wollte, Krämer erzählt's uns nicht."

Trotz "maßloser Nacktheit" sei Krämers "Faust II" ein "erstaunlich puritanischer Abend", meint Jan Küveler in der Welt (17.9.2012). "Bis zum Texterbrechen" sei dieser "Faust": "Monologe im Scheinwerferlicht". Das Gefühl, die ganze Inszenierung sei "eitel uninspiriert zusammengeschustert", lege sich nur zuweilen. Allerdings sei Valery Tscheplanowa als Helena und Baucis "eine einzige Sensation (unter anderem, doch keineswegs ausschließlich, weil es an Sensationen sonst ziemlich hapert). Ihr sonniges Lächeln erleuchtet ein düsterer Stern. Säbelzahntiger nähmen sich davor in Acht, aber die sind ausgestorben wie die Männer, die hoffen könnten, sie zu zähmen." Sie sei die "bestaunenswerteste Ballerina eines Tanzes aus Gedanken, denn verstehen, da mache man sich nichts vor, lässt sich sowieso nicht viel."

Günter Krämer habe "gar nicht erst versucht, das phantasmagorische Text-Ungetüm 'Faust II' zu bändigen", meint Michael Kluger in der Frankfurter Neuen Presse (17.9.2012). Er konzentriere "sich auf Ausschnitte und will sich dem Universal-Koloss in wuchtigen, poetischen, mal wolkenhaft leichten, mal glühenden Bildern nähern, die zum Finale hin den Anschluss an die Krise der Gegenwart suchen". Doch die Inszenierung bleibe "nur im Ratlosen, Ungefähren. Was in Goethes Welttheater für heute auf dem Spiel stehen sollte, steht im Programmheft: kluge Beiträge über die Finanzkrise, das Bankensystem, die Selbstermächtigung des modernen Menschen, die Goethe mit finsterer Skepsis sah."

Dirk Pilz schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (17.9.2012), es gehe Krämer nicht darum, Faust als "Welteroberer und Weltenzerstörer" zu zeigen, sondern darum, "existenzielle Bilder von Verlust und Verlangen zu entwerfen". Doch Krämer vermisse "den Echoraum der Existenz, ihre Sorgengräben und Sehnsuchtsweiten – und schrammt dabei immer wieder haarscharf am Kitsch vorbei. Die Verse klappern erschreckend hohl, die Bilder verweisen oft nur in ein nebulöses Irgendwo, fern aller Gegenwart und Geschichte." Somit habe der Teufel auch beim diesem zweiten Teil von Faust obsiegt.

"Empörung kommt in dieser Regiearbeit vielleicht auch zum Ausdruck, aber plakativ ist sie beileibe nicht", schreibt Thomas E. Schmidt in seiner Doppelbesprechung beider Frankfurter Fausts in der Zeit (20.9.2012) über Günter Krämers Faust II. Krämer interessiere am Stück eigentlich nur der Helena-Akt. Ihn inszeniere er aus. Es sei strenges Schauspiel, so verschieden von Stefan Puchers Faust I wie die beiden Teile des Stücks sich voneinander unterschieden. Krämer bette das Begehren von vornherein in ein Gewaltgeschehen ein, lasse es sich im Medium noch stärkerer, noch kreatürlicherer Bedürfnisse ereignen. Entsprechend sei Faust in dieser Inszenierung keine "Person" mehr, nicht länger der Gegenstand von Psychologie, sondern Artikulationsfläche mächtigerer Kräfte, "er ist das Zentrum von hereingebrochenen Katastrophen, die größer waren als jeder Einzelne". Auch Mephisto sei bloß noch ein Conferencier. "Er zeigt ein Geschehen her, das ihm irgendwann entglitten ist. Was außer dem Helena-Akt sonst so alles im Stück passiere, müsse hier nicht mehr ausgespielt werden. "Dieser Faust II zeigt nicht den scheiternden Kapitalismus, sondern seine poetische Vorgeschichte."

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