Klare Grenzen

von Willibald Spatz

München, 24. November 2007. Das Festival Spielart genügt sich nicht mehr. Es will mehr sein, es will noch ein anderes Festival sein. Das "Festival im Festival" heißt "What's next?". Unter diesem Titel durften vier etablierte, international bedeutende Regisseure vier junge Theatermacher einladen, jeweils einen Abend zu produzieren, der dann im Rahmen von Spielart gezeigt wird.

Das ist in mehrfacher Hinsicht spannend. Zum einen, weil dabei was ganz Großes rauskommen kann oder auch etwas ganz Schäbiges. Denn was eingeladen ist, ist eingeladen und wird aufgeführt. Zum anderen stellt sich natürlich die Frage bei dem, was die Großen auswählen: Ist es etwas, was ästhetisch ganz auf ihrer Linie liegt oder das Gegenteil - etwas, wovon sie heimlich träumen, aber nie gemacht haben, was die nächste Generation nun verwirklichen soll?

Offen bleibt, wer wen und warum schätzt
Es gab keine Überraschungen bei den vier Produktionen, nichts, wonach man sich fragte, warum gerade dieser Regisseur diesen Nachwuchs schätzen konnte. Es gab darunter zwar Verstörendes, wie "So Man" von Maarten Seghers, der von Jan Lauwers gefördert wurde. Aber der Rest war solide, zum Beispiel "Tonic" von Simone Aughterlony, die Tim Etchells hergebracht hatte. Johan Simons, der kommende Intendant der Kammerspiele, durfte auch den Scheinwerfer auf einen zukünftigen Regisseur richten. Er entschied sich für Neco Çelik, der bisher vor allem als Drehbuchautor und Filmregisseur gearbeitet hat.

Fürs Theater hat er bisher von Feridum Zaimoglu und Günther Senkel im Berliner HAU "Schwarze Jungfrauen" und "Romeo und Julia" inszeniert. Die Kammerspiele haben sich für diese Spielzeit das Motto "Migration" ausgesucht. Neco Çelik nutzt seine Blanko-Karte für eine Inszenierung, um im Werkraum der Kammerspiele die deutsche Erstaufführung von Xavier Durringers "Ausgegrenzt" zu besorgen.

Bleiben, gehen, Wurzeln finden
Das Stück passt hervorragend zum Spielzeitmotto, denn Xavier Durringer hat Stimmen eingefangen in den Vororten französischer Städte, wo eben hauptsächlich arabisch-stämmige, moslemische Migranten leben. Diese Stimmen hat er dann zu einem Text für drei Personen verdichtet. Ein Vater erzählt, wie es war, von daheim fortzugehen gegen den latenten Widerstand im Geburtsdorf und dann in Frankreich "mit den eigenen Händen" etwas neu aufzubauen. Darunter war die Schule für die Kinder, da stand er an der Betonmisch- maschine. Tochter und Sohn dagegen haben Probleme in diesem Land, das ihnen kein Zuhause bieten kann, weil ihnen die Wurzeln fehlen und sie hier nicht akzeptiert werden.

André Jung ist der Vater. Wie seine Kinder steckt er in einem weißen Trainingsanzug. Er stellt sich frontal zum Publikum, wenn er redet. Er hat blau geschminkte Augen. Ein netter Einfall ist es, dass er, wenn er redet, nur dasteht und zwei Beamer sein Videobild über ihn projizieren, einmal überlebensgroß, einmal so klein, dass es auf seinem Bauch Platz hat. Die Bilder werden über den Mann projiziert, bevor man zu ihm selbst durchdringen kann.

Unlösbarer Streit zwischen zwei Generationen
Im Video ist die Rede von seiner Jugend. Auch seine Kinder, die Tabea Bettin und Ismail Deniz recht authentisch darstellen, bekommen Videos mit Geschichten von früher. Dazwischen gibt es echte Spielszenen, zu denen die Mauer, die breit in der Bühnenmitte steht, aufgeklappt wird. Es kommt dadurch ein grell rot gestrichener Raum zum Vorschein, in dem ein Krankenbett für den Vater steht. Um ihn herum liegen riesige Luftballons zum Spielen und Platzen lassen in aggressiv aufgeladenen Situationen. Der Sohn will heiraten, der Vater ist der Letzte im Haus, der davon erfährt. Ein Streit entsteht, der Konflikt kann nicht gelöst werden. Nicht auf der Bühne und auch nicht draußen im echten Leben.

Das ist alles nicht reizlos anzusehen, weil man durchaus immer wieder der Illusion glauben will, dass man hier reale Einblicke in Wohnzimmer und Seele dieser Menschen erhält. Allein, es wird einem nichts wirklich Neues erzählt, die Schicksale rücken einem nicht näher, es entstehen keine neuen Fragen. Man ist nicht betroffener als nach der Lektüre eines gut geschriebenen Leitartikels, aber man hat das Gefühl, dass man es sein sollte. Im Vergleich ist "Ausgegrenzt" das Stück in der "What's next?"-Reihe, das seine Zuschauer am klarsten anspricht, am wenigsten fordert und am meisten enttäuscht.

 

Ausgegrenzt
von Xavier Durringer
aus dem Französischen von Alain Jadot und Ulrike Frank
Regie: Neco Çelik, Bühne: Mascha Mazur, Kostüme: Gunna Meyer.
Mit: Tabea Bettin, Ismail Deniz, André Jung.

www.spielart.org

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (27.11.2007) macht es Egbert Tholl kurz und, für Menschen, die die Aufführung nicht kennen, kryptisch: Çelik bemühe sich das "biblisch verbrämte Gutmenschentum dieses theatralen Manifests" zu überwinden; doch "wenn die Stimme der Vorstädte ihre Wut" verliere, könne auch "das Theater sie nicht zurückholen". Hugh, ich habe gesprochen.

Die Inszenierung lenke in ein "Feuer ohne Brennpunkt", behauptet Teresa Grenzmann in der FAZ (27.11.2007). Der Anfang sei zwar noch "furios", später biege die "Theaterstunde" aber in Richtung "Textparodie" ab. Arg sei vor allem die Spielweise, nämlich "pampig und platt". Nichts als "Posieren, Protzen, Provozieren anstelle einer ernsthaften Auseinandersetzung".

In der Abendzeitung (26.11.2007) fragt Gabriella Lorenz, ob man das überhaupt eine deutsche Erstaufführung nennen könne, wenn doch kaum ein Wort von Durringer gegeben werde. Çelik habe den Text "umfunktioniert" in die "Frage, was seine Darsteller unter Heimat" verstünden. "Kühn, aber nicht abendfüllend nutzt er den Text nur als Denkansatz." Die szenische Übersetzung indes "überzeuge" nicht.  

Barbara Welter in der tz (26.11.2007) hält dafür, dass Durringers Text "eigentlich ein einziges Gedicht" sei, "er besteht aus Monologen, die in hohem poetischen Ton über Dreck und drogen berichten". Und spannend seien, weil sie "radikal politisch unkorrekt" daher kämen.Çelik  benutze sie als "Sprachpartitur für ein Oratorium, höchst musikalisch im Rhythmus und präzis strukturiert." Doch die Versuche Handlung zu destillieren, blieben in "bloßer Bebilderung" stecken.

 

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