Von der Gedankenleere zum Zusammenhalten

von Christian Rakow

Düsseldorf und Köln, 24. November 2007.Gegen Mitternacht, auf dem Impulse Festival des Freien Theaters, am Ende einer langen Rundtour durch die Festivalstädte Mülheim, Köln und Düsseldorf, ist es dann schlagartig gar nicht mehr niedlich. Da hatte man morgens noch bei Showcase Beat Le Mot die Zukunft des Kindertheaters bewundert und am Nachmittag bei den Knautschpuppen der Berliner Kuscheltieraktivisten DAS HELMI über eine trashige Filmadaption ("Leon der Profi") mit einigen Dutzend Luftballon- und Schaumstoffleichen geschmunzelt. Und nun wird's ernst, nun geht's richtig zur Sache.

In drei Runden zum finalen Hirnriss
"Fight Club – realtekken", die Arbeit des Wiener Künstlerkollektivs God’s Entertainment wirft die mit Abstand dynamischsten Fotos für die Promo-Mappe ab: Junge Kerls mit freiem Oberkörper und Mundschutz treten einander in die Rippen, lassen die Fäuste fliegen, teilen richtig aus. Rundherum steht eine mehr oder weniger johlende, teils irritierte Menge. Was ist das, bitteschön?

Zunächst die technische Seite. In einem Untergrund-Club versammeln sich 8 Kämpfer (darunter eine Frau), um sich im direkten Zweikampf über 3 K.O.-Runden bis ins Finale vorzuarbeiten. Gesteuert werden sie von Freiwilligen per Computer-Joystick, der Lichtsignale auf die Kickboxmatte sendet zum Auslösen der Tritte und Schläge. Das übrige Publikum darf auf seine Favoriten wetten, angefeuert von zwei Moderatorinnen.

Warum bloß kloppen die sich?
Wer "Fight Club" sagt, der misst sich an einem Vorbild. Wieso waren die jungen Männer im gleichnamigen Film von David Fincher (USA, 1999) eigentlich noch einmal so heiß darauf, sich selbst zu vermöbeln? Man denke an Brad Pitt alias Tyler: "Wir sind die Zweitgeborenen der Geschichte, Männer ohne Zweck und ohne Ziel. Wir haben keinen großen Krieg, keine große Depression. Unser großer Krieg ist ein spiritueller, unsere große Depression ist unser Leben."

Ein vergleichbarer zeitdiagnostischer Ansatz fehlt bei God’s Entertainment völlig. Ohne Texte vertraut man ganz auf die Macht der einfachen Bilder. Videoleinwände zu beiden Seiten des Areals lassen Assoziationshäppchen wie Konfetti auf die Zuschauerköpfe herabrieseln: Atompilz und Silvesterfeuerwerk, der Gekreuzigte und Zinédine Zidane (Materazzi im WM-Finale zu Boden streckend), Katastrophen und Kriegsgräuel.

Auch der Experimentalcharakter will nicht recht einleuchten. Anders als im Playstation-Karate und anders als im echten Kampfsport fallen die Thaiboxer hier irgendwann recht unmotiviert (erschöpft? getroffen?) um. Und was erfahren wir über die vermeintlichen Lenker, das Publikum, uns? Ein peinlich ernster Blick der Moderatorinnen am Schluss scheint signalisieren zu wollen: Um eure Lust am Extremen geht es hier, Leute!

Nichts rinnt
Man hätte es vielleicht mit einer Versuchsanordnung im Stile eines Milgram-Experiments angehen sollen, wo die Probanden sich in ihre Folter-Aufgabe hineinsteigern können. Hier jedenfalls entlarvt sich niemand. Die Spieler drücken halb amüsiert auf ihren Joystickknöpfen umher. Ein paar Zwischenrufer legen sich ins Zeug: "In die Leber! In die Fresse! Mehr Blut!" Aber es rinnt nichts, kein Blut, keine Spannung, kein Gedanke.

Eine gute Idee braucht, um nicht im Stammtischjux stecken zu bleiben, eine ausgearbeitete Dramaturgie. Das beweist der schon jetzt kaum mehr geheim zu nennende Favorit und Höhepunkt dieses Festivalwochenendes: "While We Were Holding It Together" von Ivana Müller (in englischer Sprache). Auch hier ein Theater, das sich dem Schmerz stellt. Aber wie!

60 Minuten lang blicken wir auf ein Tableau vivant von fünf Performern: Ein Mann reicht seine Hand, einer streckt den Arm vor, eine Frau winkelt ihn ab; ein Mann ist in einer Tragepose erstarrt und eine Frau hockt auf dem Boden mit verdrehter Hüfte. 60 Minuten lang (eine Minisequenz mit kurzen Positionswechseln ausgenommen): Stillstand! Das eigene Körpergewicht spüren, gegen das Zittern ankämpfen. Yoga ein Scherz dagegen!

Erstarrte Posen, pulsierend von Leben
Alles ist gefroren, und lebt doch. Denn die Performer geben uns, leise und mit sanftem Humor, Einblicke in ihre Gedankenwelt. Sie sprechen von Situationen, in denen sie sich sehen, führen uns imaginativ zu Krisenschauplätzen wie einem Hotel in Bangkok oder Ministerien in Nahost, geben sich als Tiere in einem großen Märchenwald zu erkennen, oder bloß als alltägliche Busfahrer und Unfallopfer. Es sind Ausschnitte aus Geschichten, die die erstarrten Posen immer wieder neu lesbar machen, als Momente eines nicht mehr einzuholenden Ganzen, als Fragmente einer abwesenden Theatererzählung. 

Diese offensichtlich aus dem Ideenschatz der Bildenden Kunst mit ihren Bildbeschreibungen und Bildlektüren gespeiste Arbeit ist ebenso sinnlich wie schlau, so witzig wie schmerzhaft. Überall kehren Motive wieder, werden weitergesponnen, geben dem Kopftheater Futter, damit es sich noch die unappetitlichsten Vorstellungen ausmalt. Und man fühlt mit, mit den Gliedmaßen, die langsam erlahmen, die brennen. Hier, bei Ivana Müller, ist es also zu erleben, dieses wundervolle Mehr an Aktivität, dieses Ausfüllen von Leerstellen, das das Freie Theater an seinen besten Abenden uns, den Theatergängern, ermöglicht.

 

Fight Club – realtekken
von God’s Entertainment
Von und mit: Boris Ceko, Simon Steinhauser, Maja Degirmendzic, Thomas Madl, Bernhard Tobola, Jevgeni Beliakin, Lena Wicke, Michael Miess, Zsuszanna-Enikö Zwölfer, Domokos Iszlay, Max Max, Christian Ruppel.

While We Were Holding It Together
von Ivana Müller
Konzept, Regie, Choreographie: Ivana Müller; Performance, Text: Katja Dreyer, Pere Faura, Karen Røise Kielland, Jobst Schnibbe, William Aitchison; Regiemitarbeit, Text: Bill Aitchison.

www.festivalimpulse.de

 

Kritikenrundschau

Über Ivana Müllers "While We Were Holding It Together" schreibt Rainer Wanzelius in der Westfälischen Rundschau (26.11.2007): "Nicht die Erfindung neuer Bühnenkunst, aber ein hinreißender Spaß". Ein "erzählerisches Netz" entstünde, verselbstständige sich, "am Ende geht es auch bei leerer Bühne".

In der Neuen Ruhr Zeitung (26.11.2007) werten Simone Bellingröhr und Jacqueline Siepmann das Spektakel "Fight Club-Realtekken" als Wachmacher, als "Adrenalinschub". Ohne den Einsatz des Publikums funktioniere hier nichts. Das sei "Theater 2.0, Gewaltverherrlichung, Präventionsworkshop und Selbsterfahrung durch Ästhetisierung in einem". "So noch nie gesehen" und "vor allem noch nie gehört" haben die beiden Berichterstatterinnen Theater wie Ivana Müllers "While we were holding it together". Denn "es sind die Stimmern der Schauspieler, die eingespielten Geräusche im Dunkeln, die bestimmen, was wir sehen." Obwohl die Schauspieler regungslos auf der Bühne verharrten, sei ihre "Choreographie dynamisch". Ihre mitgeteilten Vorstellungen würden zu denen des Publikums. "Kopf-Theater statt Kopf-Kino."

 
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