Freischaffend oder frei von Schaffen

von Wolfgang Behrens

Berlin, 18. September 2012. Man spricht ja gerne von der Durchlässigkeit der Grenze zwischen der Freien Szene und dem Stadttheater. Gemeint ist damit meist, dass die Künstler der Freien Szene heute leichter denn je an den Stadt- und Staatstheatern Fuß fassen, da sich die arrivierten Häuser auf diese Weise so schnell als möglich an die neusten Trends aus dem kreativen Pool des Off-Bereichs anschließen wollen.

Doch es gibt auch die umgekehrte Sehnsucht: Der Dramatiker Christoph Nußbaumeder, die Regisseurin Bernarda Horres und die Schauspielerin Anna Eger sind überwiegend am Stadttheater zu finden. Bereits zwei der dem Genre kritisches Volkstück angehörenden Texte Nußbaumeders hat Horres inszeniert: "Mit dem Gurkenflieger in die Südsee" 2005 und in diesem Jahr Die Kunst des Fallens, beide Male mit dem Ensemble des Landestheaters Linz und zuletzt mit Anna Eger in der Hauptrolle. Nun wollte sich das Trio in einem von allen Stadttheaterzwängen befreiten Rahmen ausprobieren und die Freiheit der Freien Szene zu einer gewissermaßen beliebig engen Zusammenarbeit auskosten. Heraus gekommen ist ein Monolog, der sich wiederum auf einer Grenze bewegt: zwischen Stück und Stückentwicklung, zwischen Theatertext und Improvisation: "Meine gottverlassene Aufdringlichkeit".

Lustige Klischees
Im Hochzeitssaal der Sophiensaele ist ein Stuhlkreis aufgebaut, auf dem einige der Zuschauer Platz nehmen (die anderen sitzen etwas weiter weg vom Geschehen auf Tribünen außen herum). Eine junge Frau stellt sich als Anna vor, 35 Jahre alt, Kunsthistorikerin, prekäre Einkommenssituation, sie jobbt als Texterin für Auktionskataloge. Die Situation schwankt zwischen Gruppentherapie und privater Plauderei. Die Darstellerin Anna Eger startet eine Charmeoffensive, sie lächelt und flirtet einzelne Zuschauer an und reagiert spontan auf Nieser oder Lacher, während sie am Laptop sitzend ihre Arbeit als Texterin erläutert oder um die Füße des Publikums ("Schöne Adidas-Schuhe! Die waren bestimmt sauteuer!") herumputzt. Intimität und suggerierte Natürlichkeit der Situation steigert sie noch, indem sie deutlich ihren heimatlichen kurpfälzischen Dialekt aufscheinen lässt: der sprachmelodische Singsang ihrer Geburtsstadt Ludwigshafen lässt jeden Gedanken an eine Literatursprache in weite Ferne rücken. Hier gilt's einem ganz privaten Charakter, den Anna Eger mit ihrem privaten Tonfall zusätzlich beglaubigt.

Gottverlassene 560 EugenioPedone hAuch Gottverlassene müssen essen: Anna Eger © Eugenio Pedone

In dem, was Anna Eger erzählt, zeigt sie ihre Figur als Durchschauerin. Sie weiß, wie es zugeht in ihrem Milieu (auch wenn ihr Wissen manchmal etwas arg nah am Klischee gebaut ist – klar: die Klischees sind ja auch lustig), einem Milieu, das keine Lobby hat: freiberufliche Künstler und Geisteswissenschaftler, die oft genug freischaffend in einer zweiten Bedeutung des Wortes sind – frei von Schaffen. Anna Egers Kunsthistorikerin hat eine langjährige Beziehung mit einem Künstler hinter sich und erwartet, ersehnt – befürchtet? – eine neue mit einem benachbarten Maler (der in einer eingeschobenen, kabarettreifen Nummer von Konstantin Bühler obercoolen Kunstdiskurs abseiert). Auch hier hat Anna einen anscheinend sehr ab- und aufgeklärten Blick auf die Dinge. Diese Frau hat ihr prekäres Leben im Griff.

Gottverlassen und schlaflos
Der Dreh des Abends ist natürlich, dass eben Letzteres nicht stimmt. Plötzlich rekonstruiert diese so gewitzt vor sich hin plaudernde Anna das unaufgeklärte Weltbild ihrer aus einfachsten Verhältnissen stammenden, tief religiösen Großmutter – und in der Spiegelung des früheren Lebens wird ihr und uns Annas völlige Haltlosigkeit bewusst. Durchschauen allein genügt nicht: Ihrem Charakter fehlt die Mitte, fehlt Orientierung, fehlt Grundvertrauen in Leben und Gesellschaft. Was bleibt, ist Gottverlassenheit. Und Schlaflosigkeit.

Anna Eger spielt das alles sehr fein, von den charmanten Augenaufschlägen des Beginns über ein anrührend hingehauchtes Schubert-Lied ("Ungeduld") bis hin zu den anklagenden Ausbrüchen, für die sie eigens die Fenster öffnet. Sympathisch ist dieser Abend allemal. Was ihm dann aber doch fehlt, sind die Überraschungsmomente. Im Sitzkreis und um den Sitzkreis herum hocken sicherlich viele, die ziemlich genau dem hier gezeichneten Milieu entstammen. Leute wie wir, könnte man sagen. Da wir aber alle auch gottverlassene Durchschauer sind, brauchen wir eigentlich nur in den Spiegel zu schauen, um das zu sehen, was Nußbaumeder, Horres und Eger uns hier erzählen.

Meine gottverlassene Aufdringlichkeit (UA)
von Christoph Nußbaumeder
Künstlerische Leitung: Bernarda Horres, Anna Eger, Ausstattung: Anja Jungheinrich.Mit: Anna Eger, Konstantin Bühler.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.sophiensaele.com

 
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