Natur auf dem Seziertisch

von Martin Krumbholz

Mülheim, 19. September 2012. Dass Jesus ein Jude war, gerät gelegentlich in Vergessenheit – doch dazu später. Zunächst: die Musik. Die Musik ist, neben Alkohol natürlich und den Insignien militärischer Potenz, das Antriebsmittel für den sexuellen Exzess. Franz Woyzecks verzweifeltes "Immerzu, Immerzu" kommentiert die rasante Enthemmung, die jener Dreiklang ermutigt und grundiert. Deshalb nennt das Theater an der Ruhr den "Woyzeck" einen "musikalischen Fall": ein achtköpfiges Blas- und Streichorchester sitzt und steht hinten auf der Bühne, gebildet aus den episodenhaft auftretenden Nebenfiguren des Stücks, und "untermalt" das Geschehen – allerdings streng kontrafaktisch. So melancholisch, wie diese anrührend unvollkommene Musik sich gibt, benebelt sie die Köpfe auf ganz andere Art, als es beim Heurigen oder sonstwo üblich ist. Und der baumlange Woyzeck, den Rupert J. Seidl mit einem schönen österreichischen Akzent moduliert (stimmiger als das etwas künstliche Hessisch der anderen Spieler) – er versinkt fast vor Traurigkeit, schwerfällig in seinen Bewegungen und offenbar auch im Kopf.

Ohnedies fragmentarisch
Es ist erstaunlich, dass Roberto Ciulli, der den "Danton" und "Leonce" schon vor Jahrzehnten inszenierte, sich erst jetzt an den "Woyzeck" wagt, das Stück, dessen abgrundtiefe Verzweiflung zum pessimistischen Weltbild des Regisseurs fast am besten zu passen scheint; aber vielleicht ist es auch genau der richtige Zeitpunkt, jetzt, da das Theater an der Ruhr zu einer so reifen und überzeugenden Spätform gefunden hat, ganz eigen und unverwechselbar in seinem Stil und dabei ohne selbstgefälligen Manierismus. Das setzt voraus: dass man die Stoffe behutsam erforscht. Anders als die Klassik-Firma Goethe und Schiller sucht Büchner ja nicht nach besonders gelungenen, gültigen Original-Formulierungen; sein Prinzip ist das der Collage von vorgefundenen Formeln. So ist es auch ganz legitim, den ohnedies fragmentarischen Text neu zu montieren, mit Vor- und Rückgriffen zu arbeiten.

woyzeck3 560 AndreasKoehring uBüchners Figuren werden ausgeleuchtet. "Woyzeck" in Mülheim © Andreas Köhring

Drei Figuren bilden in der Mülheimer Fassung den Kern: Woyzeck, Marie – kein robuster Vamp, sondern eine fast nachdenkliche sinnliche Erscheinung (Dagmar Geppert) – und ihr Kind: durchaus erwachsen, es trägt bereits eine prächtige Uniformjacke, stumm, und mit beiden Elternteilen ödipal verstrickt. Die anderen, Hauptmann, Doktor, Tambourmajor, treten aus dem Orchester einzeln hervor, allesamt scharf und prägnant gezeichnete Typen. Wen sie mit "Er" anreden, der ist dazu bestimmt, verdinglicht zu werden. Die Verdinglichung ist das eigentliche Thema des Abends. Die vielberedete "Natur" hat keine Chance, sie landet auf dem Seziertisch. Einmal sieht man Woyzeck mit medizinischem Besteck einen frisch erschlagenen Fisch ausnehmen. Wenig später liegt Marie auf demselben Tisch, eine Vorwegnahme ihres gewaltsamen Todes. Am Schluss wird dieser nicht von Woyzeck herbeigeführt, sondern von einem Mob, der über die schöne Frau herfällt und sie zerreißt.

Analytische Schärfe und triftige Scherze
Dem formal-logischen Handlungsverlauf folgen Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer nicht, darin sind sie dem Collagenprinzip treu. Doch bei allen Anspielungen und Querverweisen hat die Aufführung keinen selbstreferenziellen Charakter; sie ist streng, ohne spröde zu sein. Ciullis Humor ist subtil. Kein "Einfall" verselbständigt sich. Der Jude, der Woyzeck das Messer verkauft, um ihm zu einem "ökonomischen Tod" zu verhelfen, sieht aus wie Jesus, nackt, im Lendenschurz: ein Scherz, aber ein triftiger; es ist die größtmögliche Entfernung vom Klischee des geschäftstüchtigen "Jidden" (dem Büchner noch verfällt). Genau wird in Mülheim gelesen. Mit einer solchen analytischen Schärfe hat man den "Woyzeck" noch nicht oft gesehen. Und Ciullis Theater ist nicht zuletzt auch ein – mag sein: etwas altmodischer – Gegenentwurf zu den flüchtigen und "hippen" Aufgeregtheiten, die auf den Bühnen gegenwärtig im Trend liegen. Es bleibt sich treu und vergisst dabei nicht, immer noch besser zu werden.

Woyzeck ein musikalischer Fall
nach Georg Büchner
Regie: Roberto Ciulli, Mitarbeit: Simone Thoma, Dramaturgie: Helmut Schäfer, Musik: Matthias Flake, Bühnenbild: Gralf-Edzard Habben, Kostümbild: Heinke Stork.
Mit: Rupert J. Seidl, Dagmar Geppert, Khosrou Mahmoudi, Matthias Flake, Steffen Reuber, Fabia Menéndez, Albert Bork, Klaus Herzog, Marco Leibnitz, Peter Kapusta, Volker Roos.

www.theater-an-der-ruhr.de


Kritikenrundschau

"So klar in der Verzerrung sah man Büchner selten", lobt Dorothee Krings für die Rheinische Post (21.9.2012). Ciullis Bilder seien "nie aufdringlich, selten plakativ". Sie böten "Verweise, Verschiebungen, die den Blick auf den Text weiten". Die "Deutungsebenen" würden zu "einem stimmigen Kunstwerk geschichtet". Ciulli psychologisiere nicht, sondern zeige in seiner "anspielungsreichen Inszenierung" Motive, die zu Woyzecks Mord führten.

Eine "wahre Assoziationsflut" hat auch Britta Heidemann für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (online auf derwesten.de, 20.9.2012) erlebt. "Die Text- und Szenen-Verwirbelungen dürften strenge Deutschlehrer zur Verzweiflung treiben. Die Macht der Bilder aber legt auf bestechende Weise die Psyche eines Mannes offen, für den jeder Tag zur Nacht wird, für den der Mond als 'blutig Eisen' scheint". Ciulli habe Büchners Stück "weniger als soziales denn als surreales Drama" interpretiert: "als wirren Alptraum eines Mannes, der Gefangener der eigenen Seelenqualen ist."

Eine "merkwürdig ein- und oft auch aufdringliche Inszenierung" hat Vasco Boehnisch für die Süddeutsche Zeitung (27.9.2012) gesehen. "Am Theater an der Ruhr sind die Akteure Darsteller einer höheren Kunst-Idee. Diesmal geht es um das Tier im Menschen: das Vieh in der Zivilisation", schreibt Boehnisch. Roberto Ciulli vereinfache, verstärke, erfinde dazu. In die Melancholie mische sich schrilles Sendungsbewusstsein. "'Immer zu', denkt sich der Mülheimer Altmeister und straft schließlich – in freier Fortführung von Büchners Fragment – nicht nur Woyzeck mit der Guillotine, sondern auch Marie, die vom Mob vergewaltigt wird. Viehische Gewalt statt Humanität. Die Mahnung ist unübersehbar."

 

 
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