Nur wer schreibt, bleibt

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 22. September 2012. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis Nimrod seinen sonnenverbrannten Kopf durch den Türrahmen steckt. Nimrod, der Fleischer. Er trägt weiß, starrt Löcher in Menschen und keckert wie ein Frettchen. Wenn er nicht gerade von Haus zu Haus schleichend Bücher anpreist, bedankt er sich per Handschlag bei den Zuschauern in der ersten Reihe oder klagt Schweine an. Sein Chef hatte eigentlich eine Ladung argentinischen Kalbfleischs bestellt, aber der Transporter war voller Nobelpreisträger. Deswegen die Bücher.

Nun steht Nimrod im Wohnzimmer von Salman Rushdie, der Villa des gerade noch berühmten Schriftstellers mit der Schreibblockade und den ohrenbetäubenden Flatulenzen und will selbigem etwas von Jelinek oder Pamuk oder noch schlimmer: von Grass andrehen, als ihm Salmans Familie ein unmoralisches Angebot macht: Er als professioneller Schlachter solle doch bitte Salman enthaupten, der Kopf werde nämlich aller Voraussicht nach bei einer Internet-Auktion eine Million einbringen. Man hoffe auf die Iraner. Und Nimrod dürfe zehn Prozent behalten. Er karrt sogleich das Hackbrett heran, und Salmans Frau gibt dem verdutzten Gatten noch einen Schmatzer, tröstet ihn mit den Worten: "Dann lieber auf die Guillotine als irgendwann im eigenen Bett an Brei ersticken, oder an Zwieback."

Trashige Enthauptungsshow
Wer eine solche Frau überlebt, dem kann auch keine Fatwa mehr etwas anhaben. Und wer es bei der Uraufführung von "Salmans Kopf" bis zum Auftritt von Nimrod ausgehalten hat, die Augenrollerei, das Gefurze und überhaupt das enervierende Knallchargentum ganz ohne Streckkrämpfe überstanden hat, wird dem neuen Stück der Brüder Presnjakow sogar einiges abgewinnen können. Bijan Zamanis herrlich skurriler Fleischergeselle rettet das Stück vor der programmierten Selbstzerstörung, die keine Regie, auch nicht die von Catja Baumann hätte entschärfen können, wenn nicht, ja wenn nicht den Zamanis und Kowskis dieser Theaterwelt noch etwas einfallen würde. Gerade letzterer fühlt sich anfänglich unwohl in seinem Herrenpyjama. Als Salman lässt er sich von seinen Slapstick-Sippe bejammern und tätscheln, die sich nichts sehnlicher wünscht als einen erfolgreichen Schriftstellerpapagatten, der wieder schreibt und für Schlagzeilen sorgt – und Geld verdient. Und nicht zu knapp. Als er nicht reagiert, versucht es die Mischpoke mit einer Schocktherapie: Sie inszeniert eine trashige Enthauptungsshow, um Salmans Kreativität zu reanimieren.

salmanskopf 560 sonjarothweiler xSalmans Kopf, noch dran © Sonja Rothweiler

Virtuose Improvisation ohne Plausibilitäts-Schnaps
Die Presnjakows halten sich mit diesem Stück im Stück zweifelsohne das Theater vom Leib, auch den Literaturbetrieb. Sie machen sich lustig über die Forderung nach Innovation, Tiefe und politischer Brisanz. Über Tschechow, Stanislawski, Dostojewski. Dafür lassen sie ihre Figuren gern mal im Regen stehen und legen ihnen Redundanzen, popkulturelle Reminiszenzen und viele, zu viele Ausrufezeichen in den Mund. Und dann muss Sebastian Kowski auch noch ein wirklich dämliches Liedchen trällern, völlig unmotiviert soll er verrückt spielen, dabei ist er ein verklemmter Patriarch und Autor. Andere Autoren hätten ihrem Helden zumindest eine Flasche Plausibilitäts-Schnaps mit auf den Weg gegeben. Kowskis Salman aber beginnt völlig nüchtern diesen nervenzerfetzenden "Tik-Tok"-Song der Dancepopperin Kesha zu parodieren, er macht es einfach so, und er macht es gut, wackelt mit der Hüfte und Glatze wie ein shakiraesker Pinguin auf Speed und jauchzt "Boys trying to touch my junk, junk".

Catja Baumanns Regie vertraut ganz den Schauspielern, ihren meist gelungenen Improvisationen vor allem im zweiten Teil der Inszenierung. Am Ende liegt Salmans Kopf wieder unter der Klinge – nur diesmal freiwillig. Ein Schriftsteller ohne Text. Schon komisch. Irgendwie.  

Salmans Kopf (UA)
von den Brüdern Presnjakow
aus dem Russischen von Olga Radetzkaja
Regie: Catja Baumann, Bühne: Jelena Nagorni, Dramaturgie: Katrin Spira.
Mit: Sebastian Kowski, Anna Windmüller, Fridolin Y. Sandmeyer, Matthias Kelle, Jan Jaroszek, Bijan Zamani, Sebastian Röhrle, Eléna Weiß.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten

www.schauspiel-stuttgart.de

   

Kritikenrundschau

Als "kleine bitterböse Gesellschaftssatire über den wahren Wert von Kunst und Kultur im Hier und Jetzt", beschreibt Tim Schleider in der Stuttgarter Zeitung (24.9.2012) Stück und Inszenierung. "Schnell, schmutzig, derb, grell", sei sie und wie weit eine Theater hier gehen könne, müsse wohl jeder Zuschauer für sich entscheiden, fügt der Kritiker hinzu. ".Zum Glück machen im Nord ein quirliges Ensemble und eine forsche Inszenierung es dem besagtem Zuschauer leicht, aufkeimende Bedenken schnell wieder zu verdrängen. Besonders feiert Schleider den Salman-Darsteller Sebastian Kowski: "Wie es dieser in vielerlei Hinsicht eindrucksvolle Schauspieler schafft, seit Jahr und Tag durch große Sprechkultur, genau bedachten Körpereinsatz und klaren analytischen Verstand seinen Bühnenfiguren Präsenz und Schlüssigkeit zu verleihen – das macht ihm auch an diesem Abend so schnell keiner nach."

Eine "wüste Literaturbetriebssatire" nennt Martin Halter das Stück in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.9.2012) und seine Autoren, die professoralen Presnjakow-Brüder "die Pussy-Riot-Boys" des russischen Theaters. Satire sollte allerdings mehr sein als "pure Provokation, getrüffelt mit Tschechow- und Dante-Zitaten und Schwulenwitzen", fügt er hinzu. Catja Baumann setze unter dem Motto "No risk, no fun" furchtlos auf einen groben Klotz noch ein paar rustikale Slapstick-Keile (und sowjetisch-konstruktivistische Kulissen) obendrauf. "Roh, kopflos und manchmal sogar unterhaltsam" findet Halter das alles, und: "eine Beleidigung für alle Theaterkulturgläubigen, die von der Kunstfreiheit gedeckt wird, aber schon eine ästhetische Fatwa oder einen friedlichen kleinen Botschaftssturm rechtfertigt."

 
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