Im tumben Gleichschritt zum Plansoll

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 28. September 2012. Die Combo wächst aus dem Erdboden heraus, verliert aber gleich alle Bodenhaftung und fliegt himmelwärts: der Bassist, die Geigerin, der Sopransaxophonspieler und sogar der Pianist mitsamt Instrument. Sanft jazzelnd vertschüssen sie sich in Richtung Schnürboden und lassen die Zuschauer verblüfft zurück – da will der Schlussbeifall erst mal wieder geerdet sein…

"Theater ist ein gefährlicher Betrieb, hier kann alles geschehen", hat der Direktor des "Naturtheaters von Oklahoma" gesagt und prompt endet die Szene in einer Apotheose vom amerikanischen Traum. Obwohl Karl Rossmann, die Hauptfigur in Franz Kafkas Romanfragment "Amerika", es keineswegs vom Tellerwäscher zum Millionär gebracht hat. Der Millionärs-Neffe bewegt sich konsequent in die Gegenrichtung und konterkariert die amerikanische Utopie (oder sie konterkariert sich selbst vor seinen ungläubig staunenden Augen).   

amerika 560 ensemble-c-lupi-spuma 188 uScheinbare Freiheit: Menschen im Hotel. © Lupi SpumaMinuten zuvor hat die Musik noch ganz anders geklungen. Auf Plastikfässern hat das Schauspielensemble – wie immer bei den Grazer Inszenierungen von Viktor Bodó Leute vom Schauspielhaus und von der Budapester Szputnyik Shipping Company – recht bravourös, so heftig wie synchron getrommelt. Und wieder zuvor entlockten die an dem Abend musikalisch ausgiebig geforderten Schauspieler einem Elektroverteilerkasten erstaunliche Töne.

Pandämonium der (scheinbaren) Freiheit

Kafkas "Amerika" als ein kollektiv tönendes Lied gemeinschaftlich-tumber Arbeit. Das mag inhaltlich ein wenig enggeführt klingen, aber es ist ein tragfähiger Ansatz, dem Romanfragment auf der Bühne beizukommen, ohne all zu wortlastig zu werden. Claudius Körber, ein schmächtiger junger Mann, spielt Karl Rossmann, dessen Gerechtigkeitssinn arg strapaziert wird. "Die ersten Tage eines Europäers in Amerika sind einer Geburt vergleichbar", hat der reiche Onkel gönnerhaft gesagt. Aber schon ein Besuch in dessen Handelskontor zeigt die Fratze vermeintlichen Reichtums. Hier mag man noch an freiwillige Selbstausbeutung denken – in anderen Situationen treten die Arbeitenden stets todunglücklich in Reihe an, und Gerhard Balluch (er hat all die Rollen der Kanzleiobristen und dergleichen) geht sie wie ein Feldwebel ab, um die kleinste Abweichung zu bestrafen. Mit der Gruppe der Portiere schauen wir im Hotel hinaus auf ein Pandämonium der (scheinbaren) Freiheit.

Es sind immer die gleichen Leute, mit denen Karl Rossmann auf seinem Weg durch die Neue Welt konfrontiert wird, immer in ähnlichen Rollen, in Varianten und Abarten. Es läuft vieles auf das Brechen auch von leisen Anflügen von Individualismus hinaus. Da kann Rossmann mit seinem Gerechtigkeitssinn nur den Kürzeren ziehen.

Wenig plakative Ton- und Bilderflut

All das ist mit eminentem optischen Sinn auf die Bühne gebracht, lebt von bildhaften Assoziationen und Verknüpfungen. Viktor Bodó hat ein festes Team, das quasi wie von selbst Stil generiert: die Bühnenbildnerin Juli Balázs, die diesmal ein Drehbühnen-Wunderding mit Metallwänden und -streben erdacht hat, wo man blitzschnell zwischen Weite und Enge laviert. Kostümbildnerin Fruzsina Nagy macht aus Stereotypen kleine Individualisten. Anna Veress ist Viktor Bodós vertraute Dramaturgin. Ohne den Komponisten Klaus von Heydenaber ginge auch nichts. Diesmal hat die Musik eine besondere Rolle, nicht illustrierend, sondern selbst kräftig ausmalend.

amerika 560 ensemble-c-lupi-spuma 076 uTodunglücklich in Reih und Glied. © Lupi Spuma

Auch das charakteristische Deutsch-Idiom der ungarische Schauspieler gehört zu Viktor Bodós Theaterarbeiten. Seit 2006 kommt in schöner Regelmäßigkeit ein Stück unter seiner Leitung in Graz heraus: Kafkas "Schloss" hat er hier als erstes gemacht – und man könnte über den ungarischen Theaterzauberer taxfrei sagen: Je kafkaesker eine literarische Vorlage, um so mehr ist er in seinem Metier. Er denkt vom Bild her und packt das Publikum mit Musik. Auch diesmal versucht Bodó nicht, möglichst viel Text von den Buchseiten auf die Bühne hinüberzuretten. Trotz Ton- und Bilderflut ist die Sache erstaunlich wenig plakativ, denn es sind viele genau gearbeitete leise Szenen eingestreut, die Stimmung kippt immer wieder. Die Begegnung von Karl Rossmann mit dem Zimmermädchen Therese (Katharina Paul) geht unter die Haut. Und so derb es zugeht rund um die Sängerin Brunelda: das zarte Wesen (Kata Petö) in der Sitzbadewanne kann einem leid tun, sie ist auf ihre Weise Opfer von unmenschlichem Arbeitsdruck.

Kafkas "Amerika" könnte man in Zeiten des ausufernden Wirtschaftsliberalismus entschieden heutiger, konkreter angehen. Aber die Folie aus Nostalgie hat natürlich ihren Charme und rückt die Sache aus der Zeit: Im tumben Gleichschritt zum Plansoll, das hat immer Relevanz.

 

Amerika
nach dem Roman von Franz Kafka
Regie: Viktor Bodó, Bühne: Juli Balázs, Kostüme: Fruzsina Nagy, Komposition: Klaus von Heydenaber, Dramaturgie: Anna Veress, Júlia Róbert, Christian Mayer.
Mit: Claudius Körber, Jan Thümer, Gábor Fábián, Simon Ferenc Tóth, Gerhard Balluch, Stefan Suske, Katharina Paul, Katharina Klar, Kata Petö.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

Kritikenrundschau

Mit Claudius Körber habe Viktor Bodó "eine ideale Besetzung fürs Kafkaeske gefunden", schreibt Norbert Mayer in Die Presse (30.9.2012). "Wir hoffen und leiden mit ihm, bis sich diese Parabel am Ende mehrdeutig im 'Naturtheater von Oklahoma' auflöst." Ansonsten erhalte man von Kafka "spektakuläre Ausschnitte, aber beschränkte". Bodó lasse durch die Szenen rasen, er unterliege dabei surrealen Bilderzwängen. "Sie sind manchmal bloß Klischees." Das Tempo ermüde zuweilen, vor allem, wenn es um den Wahnsinn von Menschen im Hotel gehe, wenn die Ausbeutung geradezu pornografisch werde, "als wäre man bereits im Babylon von Hollywood". Die Leistung des großen Ensembles aber, mit seinen vielen Mehrfachrollen, sei formidabel.

"Bodó beweist abermals, dass er sich trotz rauschhafter Bilder auch der hochkomplexen Textwelt Kafkas nähern kann", schreibt Colette Schmidt in Der Standard (1.10.2012). Sein Amerika lebe zwar vom Slapstick, ebenso aber von ruhigen Anspielungen. Bodós Szputnyk Shipping Company aus Budapest sei kongenial mit dem Ensemble des Grazer Hauses eingespielt. Noch während des Stücks begännen die Techniker, das Bühnenbild abzubauen – "eine schöne Metapher für das Fragmentarische des Textes", dem Bodó einen eigenen Schluss verpasse: "Die Musiker werden in den Himmel gezogen, bis der swingende Sound, der über allem lag, vom langen Applaus abgelöst wird."

 

 

 
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