Geweihte unter Geweihen

von Sophie Diesselhorst

Potsdam, 28. September 2012. Schwarz glänzt der Bühnenboden. Könnte glatt sein. Die Schauspieler bewegen sich aber mit Sicherheit auf ihm. Gefallen wird nicht in Stefan Ottenis Inszenierung von Uwe Tellkamps 2005 erschienenem Debütroman "Der Eisvogel". Höchstens ganz am Ende, aber wie Mauritz seinem Freund Wiggo da aus den Armen rutscht, das hat nichts mit dem Boden zu tun, denn einen Moment vorher hat Wiggo Mauritz erschossen.

Schmerzhaftes Sich-Erinnern

Alles in "Der Eisvogel" drängt in die Rückblende. Denn der Protagonist und die meiste Zeit auch Ich-Erzähler Wiggo Ritter ist mit Beginn des Buches weitestgehend außer Gefecht gesetzt. Auf den tödlichen Schuss auf Mauritz folgte eine Feuersbrunst, durch die hindurch Wiggo sich und Manuela, seine Geliebte und Mauritz' Schwester, nur knapp retten konnte. Was zu Schuss und Feuer geführt hat, das lässt Mauritz auf dem Krankenbett Revue passieren. Er spricht dabei manchmal einen Herrn Verteidiger an, der ihn vielleicht dazu aufgefordert hat, den Tathergang zu schildern. Immer wieder driftet er ab ins Selbstgespräch, in ein oft schmerzhaft redundantes Sich-Erinnern auf der Suche nach – was eigentlich?

Nach der Erlösung von seinem Vaterkomplex und damit von sich selbst – so suggeriert es die Inszenierung von Stefan Otteni, die Tellkamps Text aus der Ich-Erzählung löst (Wiggos Monolog ist im Roman durchsprengselt mit Aussagen von Verwandten und Freunden). Sie verleiht Wiggos Perspektive Autorität, indem seine Erinnerungen und Gedankenschleifen für bare Münze genommen und grob chronologisch geordnet von einem Ensemble mit klaren Figurenzuweisungen ausgespielt werden.

Alexander Finkenwirth legt seinen Wiggo als hochsensiblen jungen Mann im Anzug an, in dem es unkontrolliert brodelt, was bei seiner Umwelt als Charisma ankommt, zumal er auch noch ganz gut aussieht. Seine Existenzängste, die Tellkamps Text mehr als alles andere an seinem Protagonisten eindringlich macht, nimmt man diesem Wiggo nicht so recht ab. Was nicht unbedingt an Alexander Finkenwirth liegen dürfte, sondern eher am Regiekonzept und an der Spielfassung von Ute Scharfenberg, die Tellkamps überbordenden Text angenehm entschnörkelt haben und eben vor allem Wert auf die nach außen gerichtete Frage gelegt haben: Was ist da eigentlich passiert?

eisvogel6 280 hl boehme uBlutsbrüder: Alexander Finkenwirth als Wiggo und Wolfgang Vogler als Mauritz © HL Böhme

Rechtsrevolutionärer Terror

Wiggo hat Philosophie studiert und sich einer Karriere in der Bank seines Vaters verweigert. Was Vater nicht versteht. Um Sohnemanns Ego zu stärken, führt er ihm eine seiner Assistentinnen als Geliebte zu. Wiggo geht dem auf den Leim, und der endgültige Abschied von der Welt seines Vaters fällt ihm umso leichter, nachdem er sich der demütigenden Situation bewusst geworden ist. Wegen einer Auseinandersetzung mit seinem Professor verliert er außerdem seine Anstellung an der Universität und schlägt sich fortan mit einem Hilfsjob durch. In dieser Situation trifft er auf Mauritz und seine Schwester Manuela, die ihn in die Kreise der "Organisation Wiedergeburt" einführen. Als Anführer dieser Vereinigung will Mauritz (dessen Eltern von einer Terrororganisation entführt und getötet worden sind) Angst und Schrecken in der (post)demokratischen Gesellschaft säen, um den Weg für eine neue Ordnung zu bahnen, deren Strukturen sowohl bei Tellkamp als auch bei Otteni nebulös bleiben – klar ist nur, dass sie auf konservativem Gedankengut fußen. Auf den zornigen Philosophen Wiggo setzt Mauritz als Chefideologen.

Denn das Wort Terror schreckt seine Financiers aus Wirtschaft, Politik und Klerus dann doch allzu sehr; sie reagieren unsouverän, als er sie auf dem Landsitz seiner Großtante zusammenruft, um ihnen seine Strategie zu offenbaren. Unter einem mit Jagdtrophäen geschmückten Kronleuchter sitzen sie, Geweihte unter Geweihen. Und Wiggo versagt, weil er sich in Manuela verliebt.

Auf ungefährlichem Terrain

Manuela, die in Uwe Tellkamps Text eine starke Spielmacherin ist, wird in Franziska Melzers Darstellung auf ein blondbezopftes Mädchen mit großen Grübchen reduziert und ein bisschen Grips, mit dem es nicht wirklich etwas anfangen kann. Ein Mädchen, das vor seinem großen Bruder kuscht und im Table-Dance für die alten Säcke der "Organisation Wiedergeburt" Erfüllung findet. Das führt dazu, dass die Eskalation der Dreiecksgeschichte Wiggo-Mauritz-Manuela in Potsdam lahm gerät. Obwohl Wolfgang Vogler Mauritz zu einer beängstigenden Figur, in ihrer Unberechenbarkeit stets an der Grenze zum Irren, gemacht hat. Der Mord an Mauritz, den Wiggo begeht, um Manuela vor einer Laune ihres Bruders zu retten, schockt dann doch nicht.

Die politische Dimension des Stoffs klang sowieso nur leise mit. In Stefan Ottenis Inszenierung befindet sich das Publikum auf ungefährlichem Terrain, so scheingefährlich dunkel der Bühnenboden auch spiegeln und vielleicht den einen oder die andere einen Moment lang einen "Nationalsozialistischen Untergrund" assoziieren lassen mag. Es ist ein Theater, das wohl fest darauf vertraut, dass man geborgen besser denken kann als ausgesetzt wie zum Beispiel Wiggo oder Mauritz. Das macht es über drei Stunden lang unterhaltsam – birgt aber auch die Möglichkeit, dass man schnell vergisst.


Der Eisvogel (UA)
Nach dem Roman von Uwe Tellkamp, Bühnenfassung: Ute Scharfenberg
Regie: Stefan Otteni, Bühne und Kostüme: Anne Neusser, Musik: Christian Deichstetter, Choreografie: Marita Erxleben.
Mit: Alexander Finkenwirth, Wolfgang Vogler, Franziska Melzer, Bernd Geiling, Marianna Linden, Peter Pagel, Elzemarieke de Vos, Dennis Herrmann, Rita Feldmeier, Raphael Rubino, Jon-Kaare Koppe, Philipp Mauritz, Christian Deichstetter (Klavier).
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.hansottotheater.de

Kritikenrundschau

Volker Trauth schreibt auf der Webseite von Deutschlandradio Kultur (28.9.2012), bei Tellkamps Eisvogel handele es sich um den Roman einer "geplanten und missglückten Revolution von Rechts" und um "die Geschichte einer geistigen Verführung". Deutlicher als im Roman seien in der Bühnenbearbeitung von Ute Scharfenberg die Konfliktpartner zu erkennen. Theatralische Steigerungen gebe es jede Menge. "Martialische Gestalten robben, foltern und marschieren in einer Übungsstunde der Wehrsportgruppe von Mauritz", und das gemeinsame "inbrünstige Singen des Deutschlandlieds" beende die Tagung der "Bewegung Wiedergeburt". Der Theatralisierung seien jedoch Grenzen gesetzt. Viele Textpassagen hätten zu wenig "situatives Potenzial". Herausragende sei Alexander Finkenwirth als Wiggo, der in den besten Momenten der Inszenierung das "auseinander laufende Geschehen" zusammenzuhalten vermöge. Insgesamt eine "engagierte Arbeit", die "jedoch nicht beweisen kann, dass dieser Roman nach weiteren Umsetzungen auf der Bühne schreit".

"Wer bereit ist, sich mit den Gefahren eines elitären Rechtsterrorismus auseinanderzusetzen, kommt beim 'Eisvogel' voll auf seine Kosten", schreibt Frank Dietschreit in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (1.10.2012). Die Hauptfigur will sich aus dem Milieu des Banker-Vaters lösen, herausfinden, was die Welt im Innersten zusammenhält und schlittere voller Enttäuschung in gehobene rechtskonservative Kreise. "Die Bühne ist, bis auf einige urdeutsch-gemütliche Hirschgeweihe, weit und offen, die Schauspieler wechseln in Windeseile Rollen und Kostüme. Ort, Zeit und Raum fließen übergangslos ineinander." Die Textfassung sei genauso klar und entlarvend wie die Inszenierung. Zu Recht gab es heftigen Applaus.

In der uninspirierten und angestrengten Inszenierung von Stefan Otteni sieht Tellkamps papierene Gemengelage leider entsprechend aus, findet dagegen Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.10.2012). "Otteni nämlich übernimmt, vermutlich aus Bequemlichkeit, völlig den Blickwinkel des Autors." Er schildere nichts über die Figuren im Kontext ihrer literarischen Gestaltung hinaus. "All die Phantasie, die sich zwischen Leser und Text entfalten kann, wird hier zugunsten einer monoperspektivischen Aufführung doktrinär ausgeschlossen." Im Bühnenbild sei im Hintergrund "Wovor hast du Angst" in Versalien an eine Wand geschrieben, "und das möchte man sehr gern vom Regisseur wissen, der sich hinter dem diffizilen Romankonstrukt versteckt hat und lieber den darin thematisierten Elitekult des Faschismus ästhetisiert, als dazu mit den Mitteln des Theaters Position zu beziehen."

Christian Rakow in der Berliner Zeitung (4.10.2012) ordnet die Potsdamer Inszenierung in eine Reihe aktueller Demokratiebefragungen in Literatur und Theater. Man habe Uwe Tellkamp schon beim Erscheinen seines Buches 2005 politische Romantik vorgeworfen. Insofern treffe Stefan Ottenis Uraufführung den Geist der Vorlage sehr gut. Auch Otteni führe seine Figuren nicht vor, sondern lasse sie in aller Ernsthaftigkeit das "Hohelied der Geistesaristokratie" predigen. Und spätestens wenn im Hans Otto Theater die Nationalhymne erklinge und ein Teil der Zuschauer leise mitsinge, wisse man, dass die Absicht, ein kontroverses Diskussionsklima zu schaffen, allemal gelungen sei. Ute Scharfenbergs klug dramatisierte Spielfassung konzentriert sich auf die Psychologie des Terroristen. Und diese Vereinfachung der komplizierten Tellkamp'schen Erzählkonstruktion wirke sich entlarvend aus: Es qualme gewaltig, "aber ein Geist will nicht erstehen".

 

 
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