Der Rezensent ist zufrieden mit der Aufführung. Weniger zufrieden ist er mit seinem ersten Versuch, eine Kritik zu rappen. Unter der Nachtkritik gibt's das gescheiterte Werk.

Gangsta im Gelobten Land

von Michael Stadler

München, 28. September 2012. Der Müllhaufen ist die Kehrseite des Kapitalismus, der Ort, an dem all das, was vielleicht mal einen Wert hatte, am Ende landet und sich ohne Glamour, ganz demokratisch mit allem anderen vermischt. Ein passendes Bühnenbild hat sich Simon Solberg (unter Mitarbeit von Yvonne Kalles) also gebaut für seinen "Moses"-Abend, den er als "Mash-up-Musical" auf die Bühne des Volkstheaters zum Auftakt der Spielzeit bringt: Über den Bibelstoff schichtet er unbekümmert aktuelle Kapitalismus-Kritik, den Propheten Moses macht er kurzerhand zum Rapper und vermengt, so wie man es von Solberg kennt, alle möglichen Ideen und Assoziationen, geborgen aus dem Glanz und Schutt der Erinnerung, zu einem Theater des anything goes, das sowohl politisch aufgeladen als auch unterhaltsam sein will.

Moses holt die Homies aus dem Müll

Die Hebräer sind bei Solberg Müllhaldenbewohner mit (Ab-)Hang zum Gangsta-Dasein, auf jeden Fall Mindestlohn-Bezieher, am Anfang raschelnd auf der Suche nach Nutzbarem – oder irgendeinem Sinn – und böse von dem herrschenden Pharao ausgebeutet. In dieses Milieu führt Moses sich nach seiner Geburt und dem Affekt-Mord an einem niederknechtenden Aufseher (Konfetti-Tod: Jean-Luc Bubert) als möglicher Befreier ein. Da Moses-Darsteller Johannes Schäfer tatsächlich sehr gut rappen (und breakdancen) kann, eignet er sich als Leitfigur, als Anführer durch diesen nicht nur mit HipHop, sondern auch jeder Form von Pop und Klassik, von Lady Gaga bis Arvo Pärt, durchzogenen Abend. Das Spiel darf bei Solberg infantil werden, wobei nie der Eindruck entsteht, dass er sich ernsthaft oder gar hämisch über den Bibelstoff lustig macht. Für den Vorwurf der Blasphemie ist das Spiel zu harmlos, und gegen Ende nimmt Solberg den Führungs-Konflikt zwischen Moses, seinem Volk und Gott durchaus ernst, so dass die Show im letzten Drittel immer wieder zum Halten und Suchen nach dem leisen Moment kommt.

moses07 560 arno declair hWo der Müllhaufen bebt: Joanna Kapsch, Max Wagner, Paul Grill und Jean-Luc Bubert
© Arno Declair

Heuschreckenplage

Zunächst jedoch dürfen alle übermotiviert die Bibelgeschichte nacherzählen und auf dem Weg die nicht mehr ganz taufrischen Bezüge streuen. Die biblischen Plagen, die den Pharao (Paul Grill, der auch einen sächselnden Hebräer spielt) aus der Ruhe bringen sollen, bekommen mit starker Video-Unterstützung einen aktuellen Touch. Joanna Kapsch mimt mit Schwanz die Viehseuchen-Kuh und singt dazu Gnarls Barkleys "Crazy". Und die Männer bewaffnen sich mit schwarzen Koffern, um als moderne Heuschrecken durchzugehen. Eine gelassene Leichtigkeit des Erzählens ergibt sich im Flow des Spiels und der teils gesungenen, teils vom Band kommenden Songs. Als Rotes Meer teilt sich die Videowand, und das Manna, das vom Himmel zur Speisung der hungernden Reisenden fallen soll, löst einen Schwall von Werbeslogans aus. Manna macht mobil, und ob nun gesungen oder ein Manna-Mantra aufgesagt wird – die performativen Soli im Spotlight dienen fast immer auch als Ablenkungsmanöver, damit indes die Bühne neu in Position gebracht werden kann. Das ist nicht neu, wie gar nichts neu ist, aber es ist effektiv und hält die Unterhaltungsshow permanent am Laufen.

Goldene Kälber und die Fields of Gold

Das Teamwork der Schauspieler funktioniert prächtig, das Team der Hebräer unter Moses' Führung findet schwer zu einer Einheit. Nachdem Max Wagner als Rasta-Gott das Übergeben der Zehn Gebote als musikalische Scharade-Show inszeniert hat – "Killing me softly"? Natürlich: Du sollst nicht töten! – muss Moses feststellen, dass das Volk aus Müllcontainern das goldene Kalb gebaut hat. Der Götze Konsum lockt zur Anbetung. Einmal wird auch Josef Ackermann auf den Müllberg projiziert, ein anderes Mal stehen auf Schildchen "Allianz" und andere Firmennamen, was schon sehr plakativ ist, aber tiefer kann und möchte wohl dieser Abend nicht greifen. Er vertieft sich jedoch zuletzt überraschend in theologische Fragen, wenn Moses sich mit den Hebräern überwirft und auch mit Gott hadert. Den Aggressionen wird, mit Rammstein auf der Soundspur, gegen Ende freier Lauf gelassen. Aaron stirbt in den Armen Josuas (Joanna Kapsch), nachdem diese/dieser mit Stings "Fields of Gold" die Sehnsucht nach dem Gelobten Land noch mal traurig-pathetisch aufgerufen hat.

Am Ende sitzen die Hebräer alle im selben Müllschiff, Kurs unsicher, aber die Hoffnung fährt mit. Mit diesem Mashup-Musical-Auftakt kann das Volkstheater zufrieden sein: Es ist Theater für Junge und Junggebliebene, eine rasante Nacherzählung des Bibelstoffs mit aktuellen Bezügen. Dass Simon Solberg keine Scheu vor Entertainment hat, will man ihm nicht vorwerfen. Nur wenn er wirklich aufrüttelndes politisches Theater machen möchte, müsste er mal bei einer Idee ernsthaft bleiben.


Moses – Ein Mash-up-Musical (UA)
Regie und Bühne: Simon Solberg, Mitarbeit Bühnenbild: Yvonne Kalles, Kostüme: Sara Kittelmann, Video: Joscha Sliwinski, Licht: Günther E. Weiß, Dramaturgie: Kilian Engels.
Mit: Jean-Luc Bubert, Johannes Schäfer, Max Wagner, Paul Grill, Joanna Kapsch.
Eine Koproduktion mit dem Theater Basel
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de
www.theater-basel.ch


Der Rezensent ist zufrieden mit der Aufführung. Weniger zufrieden ist er mit seinem ersten Versuch, eine Kritik zu rappen. Hier das gescheiterte Werk:

Mach dich vom Ackermann!

gerappt von Michael Stadler

Yo! Kein Intendant legt Simon Solberg in Ketten. Im Volkstheater lässt er Moses rappen. Heute ist sowieso alles geklaut. Auf die Bühne hat Solberg einen Müllberg gebaut. Alles Trash, wo die Gangsta nach Brauchbarem suchen. Kaum geht der Vorhang hoch, schon hörst du J.-L. Bubert fluchen. Der Geiz der Hebräer, das ist doch böses Klischee! Aber Trinkgeld gibt der J.-L. nicht, im Traum nicht, nee.

Freiheit ist ein no-go, denkt der Pharao. Doch geboren wird nun Moses für die Bibel-Show. Der sieht: Mies geht es dem Mindestlohn-Hebräer. Und tötet sofort den Produktions-Aufseher. Sünde pur, und nix mit paletti. Gestorben wird bei Solberg mit rotem Konfetti. Über das AT wird poppig das Heute gelegt. Ah ne, das isses, was er unter Mash-up versteht.

Hey, pass auf, Moses, eine Message kommt an! Vom Dornbusch, dem gechillten Rasta-Mann. Den Auszug soll Moses mit den Homies wagen. Überredungsmittel: die biblischen Plagen. Sie tragen Koffer, die Heuschrecken von heute. Böse Leute, Kapitalistenmeute. Euter-heiter kommt die Viehseuchen-Kuh. Und singt Gnarls Barkleys "Crazy" dazu. Der Pharao macht den Gollum und disst Moses im Schrott: Das Volk liebst du nicht, sondern nur deinen Gott.

Der Schäfer und die Herde ziehen gen Gelobtes Land. Das Rote Meer, na klar, ne Videowand. Spalten kann der Spalter Moses, das Staunen ist groß. Der Hunger ist es auch, und der Teufel los. Manna klingt wie Mars, drum wird Werbung geschaltet. Als Slogan-Drechsler Bruder Aaron hier waltet. Max Wagner spielt ihn und auch Gott im Flow. Als Rasta-Mann macht er die Rate-Show: Die zehn Gebote als Scharade-Hitparade. Ja schade, wenn die people nichts raten, verrät es Moses, sonst wird der Abend noch spät. Das Spiel infantil und drunter ganz dick: die krass gesampelte Kapitalismuskritik.

Moses will weiter, das Volk rebelliert. Auf den Müllberg wird der Mach-dich-vom-Ackermann projiziert. Moses verzweifelt, weil er vertraut. Dann wird das goldene Kalb gebaut. Das Volk hat Cash im Mund und feiert munter. Zuletzt fährt Solberg das Tempo runter. Erzählt vom Führer, der nicht will, aber muss. Gott ist dem Moses ein Überdruss. Am Ende stirbt Aaron, ein böses Ding. Dazu singt Josua ne Schnulze von Sting. Unterhaltsam der Auftakt in Stückls House. Spielfreudig das Team. Verdient der Applaus.

 

Kritikenrundschau

"Was für ein vogelwilder, unterhaltsamer, ernsthafter und hochaktueller Theaterabend", schreibt Michael Schleicher im Münchner Merkur (1.10.2012). Simon Solberg habe "unglaublich geschickt" aus der Musikgeschichte einen Soundtrack kompiliert, der aus Kritikersicht auch "dramaturgisch einwandfrei funktioniert – auch wenn manches sich noch eingrooven muss." Die Texte der Lieder habe Solberg teils umgeschrieben. Natürlich ist, so Schleicher, "nicht jede Zeile, die im Lauf des Abends zu hören ist, für die Ewigkeit bestimmt – aber in diesen etwas mehr als neunzig Minuten funktionieren die neu betexteten Songs." Die fünf Darsteller interpretieren sie Michael Schleicher zufolge mit Lust. Und: "Solberg hat ein wunderbar homogenes Ensemble gefunden".

Für die Süddeutsche Zeitung (1.10.2012) sah Egbert Tholl die "bislang konsequenteste Arbeit" von Solberg. Der nichtdramatische Text, das bekannte zweite Buch Moses, komme seiner freien Arbeitsweise entgegen. "Eine halbe Stunde lang erlebt man das Lustigste, was es seit langem im Theater gab, rasante Witze, Kinoschnipsel, eine völlige Überfrachtung in aberwitzigem Tempo", schwärmt Tholl. Während manche Erscheinungen des postdramatischen Theaters daran krankten, "dass unmittelbar aus der Tagesaktualität heraus implantierte Diskussionen zu Politik und Gesellschaftwohlfeil oder läppischwirken, so erhalten sie hier mittels der Musik eine Energie, die sie relevant werden lässt." Aus dem "Exodus" werde eine Geschichte, die jetzt im Moment stattfinde. "Die böse ist, saukomisch und sehr gut."

 
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