Der Schrecken des Doppelgängers

von Christian Desrues

Wien, 29. September 2012. Ferdinand Raimund ist, mit Johann Nestroy, der wichtigste Repräsentant des Wiener Volkstheaters des Biedermeier. Seine Komödien sind jedoch um einiges düsterer als die seines Zeitgenossen. Von ihm stammt auch die in Wien berühmte Aussage: "Es ist ewig schad um mich". Robert Musil meinte, in "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" seien "Sentimentalität und Brutalität des Menschen" untrennbar miteinander verbunden. Bei der Uraufführung 1828, Raimund war 38 Jahre alt, wurde das Stück als "romantisch-komisches Original-Zauberspiel" bezeichnet. Auf jeden Fall ist es ein musikalisches Kunstmärchen, in dem, für das Volkstheater der damaligen Zeit, revolutionäre Themen wie Persönlichkeitsspaltung, Selbsthass und Zerrissenheit behandelt werden. Es kommt das Bild des Doppelgängers vor, also das sich in einem Anderen beobachten und wiederfinden. Auf jeden Fall etwas Unheimliches.

Die Kunst der Übertreibung

Raimund selbst hatte ein, im wahrsten Sinn dramatisches Leben, oder wie es der Wiener Psychoanalytiker Erwin Ringel bezeichnete, "österreichisches Schicksal". Auf dem Umschlag des Programmheftes der aktuellen Aufführung steht die Stelle aus dem "Alpenkönig" von der Ringel sinngemäß meinte, jeder solle sie sich aufschreiben: "Du begehst die größte  Sünde, die es gibt - du kennst dich selber nicht."

alpenkoenig1 560 reinhard werner u"Der Alpenkönig und der Menschenfeind" © Reinhard Werner

Der reiche Gutsbesitzer Rappelkopf (famos komödiantisch, vielseitig und tiefgründig in seiner Gespaltenheit: Cornelius Obonya), von der Welt und allen Menschen enttäuscht, zieht sich mit seiner Familie und der Dienerschaft auf ein abgelegenes Anwesen in den Bergen zurück. Er tyrannisiert seine Umgebung und wird zum "polternd bösen Menschen" (Musil). Er sieht überall nur das Schlechte, stellt sich gegen alles, vor allem gegen die noch unschuldige Liebe seiner Tochter (wieder einmal besonders entzückend: Liliane Amuat) zum jungen Maler August (entwaffnend jugendlich naiv: Peter Miklusz), die Treue und Güte seiner Frau (berührend und witzig zugleich: Regina Fritsch) erachtet er als Hinterlist. Die Dienerschaft will ihn verlassen, er aber erkauft sich ihr Bleiben mit Silberstücken und sie lassen sich nur zu gern bestechen. Hier stiftet Geld Unheil.

Herrscher, Entscheider und Therapeut

Stefanie Dvorak als ganz schön frivole Kammerzofe Lischen (und als zappelnder Hund in der Köhlerszene!) und Johann Adam Oest als schusseliger, ständig quasselnder Diener Habakuk sind schlicht komödiantisch großartig. Sie: eine Mischung aus Vulgarität und Gutherzigkeit. Er: tolpatschig, dünkelhaft, voll falschen Stolzes, ernten die meisten Lacher, und es gab viele an diesem Abend, aus dem Publikum.

alpenkoenig3 280 reinhardwerner uAlpenkönig Johannes Krisch
© Reinhard Werner

Astragalus, der Alpenkönig (Johannes Krisch), in dessen Reich sie sich befinden, entscheidet sich einzuschreiten. Gleich zu Beginn des Stückes erscheint er, seltsam geschminkt, eher wie ein Massaikrieger anmutend denn ein Geist aus den Alpen. Jedenfalls eine laszive Naturgewalt, Herrscher, Entscheider und Therapeut in seiner Welt. Er bietet dem Gutsherren an, in seinen Körper zu schlüpfen und ihm damit zu zeigen, welch Leid er angerichtet hat und wie er sich in allen getäuscht hat. Rappelkopf nimmt das Angebot an und sieht sich plötzlich seinem Doppelgänger gegenüber. Er kann selber nicht fassen wie unheimlich böse er war und ist. Da wächst Cornelius Obonya über sich hinaus, indem er auf berührende, zaghafte Weise seine Menschlichkeit wiederfindet. Der Plan des Alpenkönigs geht auf und alles wird gut. Mehr braucht man an dieser Stelle nicht zu sagen.

Klaus Kinski lebt

Was Johannes Krisch auf der Bühne in der Rolle des Alpenkönigs aufführt, ist allerdings schlichtweg fabelhaft. Allein die Nuancen, die Töne die er mit seiner Stimme erzielt sind beeindruckend. Sein Spiel, mit blutigem, staubigem Gesicht und Körper, tänzelnden Bewegungen und pantomimischen Einlagen, ist umwerfend. Zeitweise hat man das Gefühl, hier würde Klaus Kinski den Mephistopheles spielen. Aber es ist doch ganz anders, es ist Johannes Krisch in Höchstform, von Anfang bis zum Ende.

Der junge, knapp 30-jährige Regisseur Michael Schachermaier, war als Assistent von Andrea Breth, Christoph Schlingensief, Alvis Hermanis und Matthias Hartmann tätig. Er hat einem großen Wiener Theaterklassiker neues Leben eingehaucht, mit scheinbar einfachen Mitteln, ohne den Text stark zu verändern und zu viel Psychologie einfließen zu lasssen, mit einem superben Bühnenbild (Damian Hitz), mit tollem Licht (Friedrich Rom) und Raucheffekten, stimmigen Kostümen (Su Bühler) und der prägnant schönen Musik von Eva Jantschitsch, die auch die Liedtexte verfasst hat. Da will man mehr davon, bitte! Sehr viel Applaus, das Wiener Premierenpublikum merkbar zufrieden, ein großer Abend an der ausverkauften Burg.

Der Alpenkönig und der Menschenfeind
von Ferdinand Raimund
Regie: Michael Schachermaier, Bühne: Damian Hitz, Kostüme: Su Bühler, Musik: Eva Jantschitsch, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Florian Hirsch.
Mit: Johannes Krisch, Cornelius Obonya, Regina Fritsch, Liliane Amuat, Peter Miklusz, Dietmar König, Stefanie Dvorak, Johann Adam Oest.
Dauer 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause.

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Das Burgtheater hat einen tollen Raimund auf die Bühne gebracht, originell, trotzdem stimmig, jung, eine der Größe, den Ressourcen des Hauses gerecht werdende 'Riesenkiste', gestemmt von souveränen Schauspielern," schreibt Barbara Petsch in der Wiener Presse (1.10.2012). Johannes Krisch erweitere als Astralagus Tierstimmen imitierend sein Repertoire unheimlicher Kerle um neue grandiose Facetten. Cornelius Obonya packe als Menschenfeind durch virtuos-witziges Spiel. "Gespenster walten in den Seelen, aber auch in der Materie," schreibt die Kritikerin, die auch die "interessante" Grundthese des Abends überzeugt: "In diesem Stück sind alle besessen. Wie könnte es sonst möglich sein, dass eine jahrelang von einem Irrsinnigen geplagte Familie immer noch darauf besteht, ihren Peiniger zu lieben?"

Von einem "unerheblichen, aber freudig beklatschten Abend" schreibt Roland Pohl in der Wiener Tageszeitung Der Standard (1.10.2012). Er fühlt sich "dunkel" an Lars von Triers Film Melancholia erinnert. Zwar würden Regisseur Schachermaier tausend schöne Dinge einfallen. Nur von Raimunds abgrundtiefer Verzweiflung lasse er sich nicht anstecken. "Die Schauspieler haben zahllose Tricks und Finten auf Lager. Sie stellen ihre Absonderlichkeiten wie Varieténummern aus."

"Fulminat" hat der junge Regiedebütant aus Sicht von Reinhold Reiterer von der Kleinen Zeitung (1.Oktober 2012) seine Chance genutzt. Bei dieser Produktion passt aus Kritikersicht einfach alles: eine kluge Strichfassung, "in der absolut nichts Wesentliches verloren geht", ein "absolut feinfühliges Händchen bei der Zusammenstellung des Leading Teams und des Ensembles". Damian Hitz zitiere im Bühnenbild ebenso wie die Kostümbildnerin Su Bühler Alpenländisches, "aber in ironischer Gebrochenheit". Lichtbildner Friedrich Rom schaffe "durch sein ruhmreiches Tun zauberhafte Atmosphäre", die "Hand in Hand mit Eva Jantschitschs phänomenaler Bühnenmusik samt neuen Couplettexten" gehe. Das Titelpaar Krisch und Obonya feiert der Kritiker als "ganz große Komödianten."

Eine "Nummer Sicher für das Repertoire" sei Raimunds Zauberspiel "Der Alpenkönig und der Menschenfeind", schreibt Helmut Schödel für die Süddeutsche Zeitung (5.10.2012), selbst wenn "der junge Regisseur Michael Schachermaier natürlich nicht biedermeierlich, sondern manchmal drastisch oder sanft ironisch inszeniert hat, soviel schuldet man dem Zeitgeist doch." Ein "famoser Auftritt für Johannes Krisch" sei es, wenn dieser "wie ein Mick Jagger des Zauberspiels für Anstand und Menschlichkeit" kämpfe. Die im Ganzen "respektable Inszenierung" wirke "manchmal stilistisch unsicher". Dennoch lautet das Fazit über diesen Abend, der Pyrotechnik, Bodennebel und eine "flotte Neuvertonung der Couplets" ("ein bisserl Weill und ein bisserl smile") biete: "Raimund läuft."

 

 

 
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