Provinz ohne Erbarmen

von Petra Hallmayer

München, 29. September 2012. Zwei aufgetakelte Blondinen stöckeln hüftschwingend herein, blasen rosarote Luftballonschlangen auf und spucken kläffend und keifend einen Schwall von Gemeinheiten aus. Wer an diesem Ort geboren wurde, kann nur seine Mutter verfluchen. Es ist eine Gruselhölle aus Häme, Neid und Niedertracht, ein Nest weiblicher Giftnattern, eine Brutstätte xenophober gewaltlüsterner Machos, die uns Sebastian Nübling in den Kammerspielen vorführt.

Unter Feinden

In dem Provinzkaff Two River County herrscht ein eisernes Gesetz, über das ein wie aus den schaurigsten Südstaaten-Albträumen entsprungenes Männertrio wacht: Entweder du bist einer von uns oder du bist unser Feind. Und mit Feinden kennt man kein Erbarmen. Hier strandet in Tennessee Williams' Drama "Orpheus steigt herab" der Nachtclub-Sänger und ewige Außenseiter Val Xavier, der des Tingeltangel-Lebens müde ist. Er nimmt einen Job bei Lady Torrance an, der Tochter eines Italieners, der in seinem von einem Bürgerwehr-Mob niedergefackelten Gartenlokal verbrannte, und die sich an einen bösen, alten Mann verkauft hat. Während dieser im Sterben liegt, baut sie in Erinnerung an ihren Vater ein Kettenkarussell auf, mit dessen Hilfe Nübling immer wieder betörend schöne Bilder zaubert.

orpheus5 560 julian roeder h© Julian Röder

Der 52-jährige Regisseur zeigt eine dicht an Williams angelehnte erstaunlich geradlinige Inszenierung. Tatsächlich würde es wohl wenig Sinn machen, das selten gespielte Stück des Amerikaners, das nicht zu seinen stärksten gehört, mit interpretatorischen Schnörkeln zu überladen. Hier gibt es keine verborgenen Bedeutungen zu entdecken. Alles, was es zu sagen hat, steht da.

Der Poet als Pop-Idol

Wir sehen eine erstarrte soziale Gemeinschaft, die sich über die Mechanismen der Ausgrenzung definiert, einen Kleinstadt-Hades, der jeden verschlingt und tötet, der darin eindringt. Mit der Ankunft Vals, den alle begehren und bei dem Lady Torrances heimatlose Sehnsüchte Unterschlupf finden, hebt die Hoffnung noch einmal ihr Haupt. Der amerikanische Orpheus bringt die Frauen zum Träumen, nicht allein durch das Versprechen ungezähmter Sexualität, das er verkörpert. Er verführt mit Worten, er poetisiert ihre triste Welt.

Risto Kübar, der nach seinem fantastischen Auftritt in Nüblings Simon-Stephens-Krimi Three Kingdoms in seiner ersten Kammerspiel-Hauptrolle zu sehen ist, ist eine radikale Gegenbesetzung zu Marlon Brando, der auf der Leinwand Val als "Mann in der Schlangenhaut" berühmt machte. Ein schmaler, androgyner, sich somnambul selbstverliebt streichelnder und windender Junge, eine schillernde nicht einzufangende Echse, eine Zwitterwesen aus Stricher und Pop-Idol für junge Mädchen. Dabei entwickelt der zwischen Deutsch, Englisch und Estnisch switchende Kübar eine eigentümliche flirrende Faszination, allein die Rolle des Mannes, dessen Nachname englisch ausgesprochen an "Saviour" gemahnt, füllt er nicht wirklich aus. Als Begleiter hat ihm Nübling den Tod in Clownsgestalt hinzugesellt, ein Art zukünftiges Alter Ego, das gleichnis- und balladenhafte Passagen von Val übernimmt.

In der Kuppel des Kettenkarussells

Nübling, das ist unverkennbar, mag den Text, ganz aber mochte er sich denn doch nicht darauf einlassen, dafür hat er sich zu sehr vor Sentimentalitäten, den kinogroßen Gefühlen, dem bittersüßen Williams-Sound gefürchtet. Das ist nur allzu verständlich, aber da er sich eng an die Textvorlage hält, wirkt das mitunter so, als wolle er ins Wasser springen, ohne nass zu werden. So versteckt sich die Streunerin Carol (Sylvana Krappatsch) hinter endlosen hysterischen Kreischorgien, tritt die traurige verrückte Malerin als geile Tussi auf.

Auch die Liebe, die im Theater ja unter generalisiertem Kitschverdacht steht, hat natürlich keine Chance. Nur einmal darf sie aufleuchten: In einer wunderbar zarten Szene nähern sich Val und Lady auf einer Leiter einander an, klettern immer höher hinauf und verschwinden in der Kuppel des Kettenkarussells. Wiebke Puls' Lady Torrance ist eine zähe Kämpferin, zerbrechlich in ihrer Stärke, fiebrig und kühl-kontrolliert zugleich, eine sich hinter spröder Strenge verbarrikadierende Frau, die nach Berührung hungert und vor ihr wie vor Stromschlägen zurückzuckt. Ganz unangestrengt balanciert Puls über alle Pathosfallen hinweg. In ihrem späten Monolog allerdings gerät sie mit ihrem betont anti-sentimentalen Spiel ins Schlingern. Die weicheren, glücksseligen Töne, die sich in der Gewissheit, endlich schwanger zu sein, in Ladys rachetrunkenen Triumph über ihren Mann mischen, trifft sie nicht. Es ist ein kurzer Triumph. Mit einem Schuss streckt ihr Gatte sie nieder, ehe die Bluthunde über Val herfallen.


Orpheus steigt herab
von Tennessee Williams, übersetzt von Wolf Christian Schröder
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Eva-Maria Bauer, Kostüme: Pascale Martin, Musik: Lars Wittershagen, Licht: Stephan Mariani, Dramaturgie: Julia Lochte.
Mit: Tim Erny, Sylvana Krappatsch, Angelika Krautzberger, Risto Kübar, Christian Löber, Lasse Myhr, Jochen Noch, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Çigdem Teke.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Sebastian Nübling setzt das 50er-Jahre-Drama aufs Kettenkarussell - und bringt es lässig in Schwingung, so Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (1.10.2012). "Nübling ist ein bekennender Fan des amerikanischen Südstaaten-Naturalisten und weiß Tennessee Williams' realistischen Zustandsbeschreibungen sozialer Milieus und psychologischer Zerrüttungen jede Menge Treibstoff für sein superenergetisches, sich in krasser Körperlichkeit ausdrückendes Hochdrucktheater abzugewinnen." Von Anfang an kreiere er eine kalte, feindselige, latent bedrohliche Atmosphäre, bestimmt von Bosheit, Hass und Neid. "Hier schmore eine rassistische, moralisch verkommene Gesellschaft im eigenen Saft, und jeder, der 'anders' ist, wird verdächtigt, vertrieben, niedergemacht." Ein schleichender Soundtrack aus zehrenden Bassgitarrenklängen (Lars Wittershagen) unterstreicht die frostige Stimmungslage. Fazit: "Trotz aller verbliebenen Zeigefinger-Deutlichkeit - eine zeitlos humane Theaterparabel. Großer Applaus."

Im Münchner Merkur (1.10.2012) schreibt dagegen Simone Dattenberger, dass Nübling sichtlich angestrengt nach einem Zugang suche. Das nostalgische Kettenkarussell auf er Bühne sei hübsch anzusehen, aber nicht passend. Die Grundkonstellation mache Nübling nicht zwingend oder überzeugend deutlich. Gut getroffen habe es Nübling mit Wiebke Puls als Lady, "die einst als verwaistes, vom Geliebten verlassenes 'Itaker'-Mädchen unwissentlich den Mörder ihres Vaters – auch eine Rassismus-Tat – geheiratet hat." Die Schauspielerin schildere mit schönem Ernst und spannend facettenreich diese Frau im Ehegefängnis, "die hart und weich ist, verhärmt und lebensbejahend – und dem Tod trotzt, obwohl sie das ihr Leben kostet".

"Trotz der vielen Musik, vom Band oder live auf Gitarre gespielt oder gesungen, ist das böse Bellen der Grundton der Aufführung. Ein knatterndes Motorrad, die erheblichen Körperumfänge von Jabes Kumpanen und die schnatternde Selbstgefälligkeit ihrer Ehefrauen "tun ein Übriges, um jeglichen Anflug von Gemütlichkeit oder Kleinstadtseligkeit zu verhindern", so Peter Michalzik in der Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau (1.10.2012). Die Aufführung sei eine starke Vision, sie zeichnet ein düsteres Bild, vielleicht ist sie manchmal ein wenig klischeehaft und nostalgisch. "Merkwürdigerweise bleibt sie trotz Nüblings kraftvoller Regie wie auf der Bühne gefangen, unter dem Karussell wie unter einer Käseglocke."

In ihrer Doppelbesprechung für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (5.10.2012) stellt Teresa Grenzmann diesen Abend an den Kammerspielen als Traumspiel mit bösem Erwachen gegen das gute Erwachen in Der Widerspenstigen Zähmung (am Residenztheater): "Nicht zu fassen" bekomme der Zuschauer bei Nübling die "beiden Außenseiter des Städtchens, die im Drama einen Rest wilder, aber ehrlicher Menschlichkeit personifizieren. Zu aufbrausend und exaltiert lässt Sylvana Krappatsch die rebellische Carol kreischen. Und Choctaw-Medizinmann Onkel Pleasant fungiert in Gestalt von Christian Löber mit traurigem Clownsgesicht unter der Parka-Kapuze als unheimlicher Pausenfüller, symbolischer Allrounder und getretener Sündenbock". Wiebke Puls als und Risto Kübar "vollziehen die sanfte Annäherung zwischen Lady, Val und einer besseren Welt." Doch: "Spätestens, wenn die beiden von der Leiter, auf der sie gemeinsam stehen, nach oben ins Geäst des Karussells verschwinden, wird klar, dass wir uns in einer Art Unterwelt befinden. Denn das Karussell hängt kopfüber von der Decke. Doch was ist Traum, was Realität?"

 

 
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