Die Angst des Reihenhäuslers vor dem biografischen Abgrund

von Dennis Baranski

Karlsruhe, 3. Oktober 2012. Zugegeben, in Theatertexten thematisierte Ideenlosigkeit war noch nie die allerbeste Grundlage für einen spannenden Abend. Diesem Umstand zum Trotz, begegnet sie uns dennoch immer wieder gerne, und manchmal – wenngleich selten – gelingt es dem (fiktionalen) Unkreativen tatsächlich, versprengte Gedankenfetzen, ziellose Assoziationsreihen oder stumpfe Alltagsbetrachtungen in eine bewegende Geschichte zu fügen. Falk Richters "My Secret Garden" ist ein solches Stück. Seine "Autofiktion", Autobiografisches also, das in dieser Form freilich niemals stattgefunden hat, entstand aus Tagebuchnotizen und Erinnertem für das Festival d'Avignon 2010 und wurde nun von Pedro Martins Beja als deutschsprachige Erstaufführung auf die Studiobühne des Staatstheaters Karlsruhe gebracht.

Nullindividualismus in der Reihenhaussiedlung

Irgendwo zwischen Hotelrezeption, Minibar und den tadellos greifenden Ablenkungsmechanismen des Kulturschaffenden hat sich der Autor selbst verloren. Schauspieler Timo Tank gibt engagiert den Getriebenen, dem es nicht nur an passenden Titeln, sondern auch an Vergangenheit, gar an eigener Geschichte schmerzlich mangelt. Hektisch über den gesamten Bühnenraum tänzelnd, stürzt er sich suchend hinein in die überbordende Materialfülle des selbstreferentiellen Zettelkastens und landet geradewegs im christlich-konservativen Nullindividualismus einer Fertighaussiedlung. Buchholz in der Nordheide, wo Richter seine Jugend verbrachte: kein Platz zum Leben – viel mehr eine Kulisse. Ein nach Außen hin funktionstüchtiges Vorstadtidyll, hinter dessen Fassaden vor allem gilt, nicht aufzufallen. Dahin ist jedoch alle Unauffälligkeit, sind die Schauspieler erst einmal in den silbernen Latex-Anzug gespannt (Kostüm: Christine von Bernstein).

mysectret 560 felixgruenschloss uMusterhausidentität in Latex.  © Felix Grünschloss

Als mindestens genauso eng geschnürt erweist sich der Rahmen des Regiekorsetts, das Martins Beja dem Ensemble anlegt. Selbst wenn Tank darin das Bestmögliche zeigt, seiner Figur bisweilen sogar Anklänge verzweifelt-aggressiver Zwischentöne verleiht, fehlt es schlicht an einer geeigneten Form für den facettenreichen Monolog – er muss immer wieder aus der Figur aussteigen. Wenig adäquat lässt der Regisseur Text aufsagen, um den unaufhörlich herumhampelnden Mimen, gerade wenn ihn der eingeschriebene (Spiel-)Eifer packt, manieriert zu Boden sinken zu lassen. Gewiss, das eigentümlich monoton zurechtmelodisierte Wortgeplätscher soll derart in seiner immer wiederkehrenden Überreiztheit aufgebrochen werden. Als ästhetisches Mittel zwischen den ausgesprochenen Versatzstücken des elterlichen Werdegangs wirkt dies allerdings reichlich hilflos.

Und weil dem so ist, entbehrt die stets abwesende, noch kurz vor Kriegsende Gräueltaten verübende Vater-Behauptung ihrer prägenden Gewichtung ebenso wie die kontrollwütige, übergriffige Mutter. Sie wurde als Vertriebene auf der Flucht missbraucht – doch derlei thematisiert man nicht. Schwer wiegt die Angst, auf den Nationalsozialismus und, schlimmer noch, die eigene Schuld eingehen zu müssen. Inzwischen liegt der Vater im Sterben, die Mutter im Heim, und der fleißig dafür aufkommende Sohn rekonstruiert vierzigjährig Ursachen seiner Beziehungsunfähigkeit. Auch er hat sich in der vorgelebten Musterhaus-Identität längst eingerichtet, während in seinem Innern eine diffuse Sehnsucht klafft. Wer ist er – und wenn ja, wie viele?

Lädierte Bänker im Wellness-Ressort

Nun, er ist zu dritt. Simon Bauer und Benjamin Berger verkörpern Therapeuten, jugendliches Alter Ego oder den personifizierten Mutterkomplex mit Drei-Tage-Bart. Halb Projektions-, halb Reflektionsfläche stellen sie mit Fleiß ihr komödiantisches Talent unter Beweis, verhindern indes aber nicht, dass alles "so entsetzlich traurig und einsam und scheiße" bleibt. Dabei kann Richters Text weit mehr. Wie beiläufig spannt er den Bogen von der hässlichen Fratze alltäglicher Widrigkeiten zu ihrem globalen Ursprung, verortet das sorgsam ausgearbeitete Einzelschicksal in den Zusammenhang der Finanzkrise: Das Ersparte ist Geschichte, die scheinbare Sicherheit ebenso und weiteres Abstrampeln auf Kosten des Privatlebens sinnlos. Gemeinsam mit lädierten Bankern sucht man letztlich im Wellness-Ressort neue Kräfte.

Solche pointiert überspitzten Details werden in Karlsruhe prominent ignoriert. In den schrillen Farben einer Trash-Revue unbeholfen übertüncht, schaffen es Richters messerscharfe Beobachtungen selten, die Gegenüberstellung des Schriftstellers mit Büchners "Lenz" gar nicht auf die Rampe. Martins Beja streicht die Vorlage lieber rüde auf eineinhalb Stunden und begnügt sich mit individuellen Befindlichkeiten – ebenfalls nicht das beste Sujet für einen spannenden Theaterabend.

 

My Secret Garden (DEA)
von Falk Richter
Regie: Pedro Martins Beja, Bühne und Kostüm: Christine von Bernstein, Musik: Jörg Follert, Dramaturgie: Michael Nijs.
Mit: Simon Bauer, Benjamin Berger, Timo Tank.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Kritikenrundschau

Es sei ein enorm großes Faß, dass Falk Richter mit seinem Stück über eine Schriftstellerschreibkrise aufmache, schreibt Andras Jüttner in den Badischen Neuesten Nachrichten (5.10.2012). Nicht zuletzt erzähle der Abend auch vom Narzismuss einer Kunst, "die das Elend der Welt als Kulisse für das eigene Leiden heranzieht." Dass Martins Bejas Inszenierung "jede Larmoyanzklippe" umschiffe, ist aus Sicht des Kritikers besonders dem Schauspieler Timo Tank zu verdanken, "der gut 40 der rund 100 Aufführungsminuten in einem faszinierend doppelbödigen Solo trägt".

Der Schauspieler Timo Tank setze "die Klage- und Erinnerungsenergie des Textes in Bewegung um", schreibt Jürgen Berger in der Tageszeitung Die Rheinpfalz (6.10.2012). Doch aus seiner Sicht kreist die "konservativ" gedachte Aufführung zunehmend um sich selbst. Allerdings sei bereits bei der Vorlage unübersehbar, dass hier ein Autorenego nur noch um sich selber kreise und alles eigentlich gesagt sei.

Der lange Autormonolog werde von Timo Tank gesprochen, "als wären Leid und Selbstmitleid des Künstlers in der Krise nur alberne Weißwurstkostüme", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.10.2012). Im zweiten Teil "erweitert sich seine selbstreflexive Lockerungsgymnastik zum flotten Dreier. Zwei Männer tanzen in groteskkomischen Verrenkungen um den Autor herum, der sich gerade ein Stückfragment zurechtphantasiert." Beim "jungen wilden Regisseur Pedro Martins Beja" sei Richters "secret garden" kein "gepflegtes Zierpflanzenbeet. Porno-, Gewalt- und Größenphantasien wuchern wie Unkraut, der subversive Maulwurf gräbt sich mit Videotechnik blinzelnd ans Tageslicht." Beja habe sich dabei "ganz auf das Familiendrama" konzentriert; "Richters Fascho-Deutsche und fetten Banker gehen im wüsten Gehampel fast unter. Aufwühlend oder gar schön ist das alles nicht, aber schrill und laut."

Richters Text könnte man auch "diese himmelhochjauchzende Hybris des Künstlers" nennen, schreibt Jürgen Berger von der Süddeutschen Zeitung (9.10.2012). Er mische "authentisch anmutende Erzählsequenzen und Standards des Literaturgeschäfts wie die Klage über Widrigkeiten des Schreibens". "Man liest und hört das gerne, weil es so ironisch distanziert vorgeführt wird." Pedro Martins Beja füge bald Fremdtexte in den Monolog ein und "setzt zusammen mit dem Schauspieler Timo Tank die Klage- und Erinnerungsenergie des Textes in Bewegung um". Die später hinzutretenden Mitspieler erscheinen wie "Wiedergänger des sprechenden Autorengenies, aber mit anderen Sprech- und Körperhaltungen. Dass die Inszenierung im letzten Drittel – wie auch der Text – nur noch um sich selbst kreist, können auch sie nicht verhindern."

 

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