Es geht um die Diskurshoheit

von Elena Philipp

Berlin, 5. Oktober 2012. Selten krachen bei einer Diskussion die unterschiedlichen Positionen derart ungebremst aufeinander, dass auch der Zuhörer sich mehr oder minder erschüttert im Diskursgefüge noch einmal neu verorten muss. Geschehen ist (mir) das beim Symposium "Stages of Colonialism / Stages of discomfort" der Berliner "Foreign Affairs", in der Nachmittags-Session. Dort sprachen am Tag der deutschen Einheit Wissenschaftler und Aktivisten über postkoloniale Strategien in Politik und Ästhetik, anlässlich von Brett Baileys Produktionen Exhibit B und "MedEia".

Brett Bailey über historische Amnesie

Der südafrikanische Regisseur zeigt sich auf dem Podium verwundert, dass seiner international tourenden Installation "Exhibit B" in Berlin erstmals negative Reaktionen entgegengebracht würden. Selbst in seinem Herkunftsland Südafrika sei die Show nicht kritisch aufgenommen worden. Ihm erscheint seine Arbeitsweise korrekt: Er habe recherchiert, historische Stätten und Museen besucht, sich mit Herero- und Nama-Aktivisten getroffen. Ja, er habe wohl tatsächlich nach den grausamsten Bildern der europäischen Völkermorde in Afrika gesucht, wie ihm die Kritiker vorwerfen – aber dass er die ausgestellten Schwarzen zu Opfern mache oder sie zu Objekten degradiere, das könne er nicht sehen. Diese Bilder müssten vielmehr auf den Tisch, so Bailey, denn sie seien Teil einer historischen Amnesie: Über den Holocaust hinaus seien sich die Europäer ihrer Vergehen kaum bewusst.

Festivaltheater ohne Kontextbezug

Als wertvoll begrüßt er die Kritik, denn es habe sich offenbar eine gewisse Selbstgefälligkeit in sein Werk eingeschlichen ("a certain complacency has crept into this work"). Aber ganz oder auch nur teilweise in Frage stellen will er "Exhibit B" nicht. So beantwortet Bailey die Fragen des Politologen und Aktivisten Joshua Kwesi Aikins nur halbherzig: Nein, er wisse nicht, wie viel seine Performer im Verhältnis zu ihm verdienten. Wie die Berliner Erfahrungen seine Installation verändern würden? Mal sehen. Aikins, der schon am Vormittag einen Vortrag gehalten hatte, erklärt noch einmal seine Position: Bailey habe in "Exhibit B" nicht nur die Stimmen der Darsteller zum Verstummen gebracht, sondern ignoriere auch den politischen Kontext, in dem seine Arbeit gezeigt werde – Berlin und die Perspektiven seiner schwarzen Bewohner kämen in der Installation nicht vor. "It is not enough", klagt daraufhin Bailey – was fehle in seiner Show denn?

brett bailey exhibit b 1 c koen cobaert academie anderlecht-280Menschen als Schaustücke in Brett Baileys "Exhibit B" © Piet JanssenEs fehle nichts, bringt die Psychologin und Autorin Grada Kilomba ihre Einwände gegen "Exhibit B" sehr klar zum Ausdruck, sondern das Format sei grundlegend falsch gewählt. Sie wolle als schwarze Frau nicht mehr in koloniale Hierarchien gezwungen werden, um historische Ereignisse zu 'verstehen'. Mangelnde Empathie kennzeichne Baileys Re-Staging kolonialafrikanischer Geschichte: Wäre es möglich, so hätten sie und Kollegen sich anlässlich von "Exhibit A" in Braunschweig gefragt, dass ein deutscher Künstler mit jüdischen Menschen ein KZ-Szenario nachstellte? Wohl nicht. Statt sich der Vergangenheit durch reine Wiederholung zu nähern, gelte es vielmehr, gemeinsam neue Bilder zu schaffen und einen anderen Dialog zu initiieren, so Kilomba.

Der Ton der Kritik

Ein "neuer Dialog" kommt beim Symposium nicht wirklich zustande. Mit teils auch aggressiven Rechtfertigungen reagieren die weißen Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmer auf die meist sachlich vorgetragene Kritik der schwarzen Diskutantinnen und Diskutanten. Als Aikins seine Fragen zur Allokation finanzieller Mittel stellt – "Foreign Affairs" fördere mit "Exhibit B" eine Außensicht und vergebe Gelder an einen weißen Südafrikaner, die schwarzen Deutschen oft nicht zur Verfügung stünden –, beschwert sich die eigentlich politisch hochkorrekte Festivalleiterin Frie Leysen über seine angeblich rassistische Fragestellung: Er solle (frei übertragen) nicht eine einzelne eingeladene Produktion aufs Korn nehmen, nur weil schwarze Menschen beteiligt seien.

Und weil Grada Kilomba den Anthropologen Klaus-Peter Köpping unterbricht, der sich in seltsam distanzlose Äußerungen über die Ambivalenz von Faszination und Abscheu verrennt, moniert der neue Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, ihre "Gewalttätigkeit". Die Emotionen kochen hoch – es geht um die Diskurshoheit. Wenn weiße Veranstalter den schwarzen Perspektiven auf ihren Festivals Raum geben, geben sie damit auch den Umgangston der Kritik vor, so will es scheinen.

Der Clash unterschiedlicher Visionen und Perspektiven, den Frie Leysen mit ihrem Programm intendierte – er findet bereits in der Eröffnungswoche statt. Die Wirklichkeit vor Ort hat das Festivaltheater auf frappierende Weise eingeholt. Mit der Blackfacing-Debatte um das Deutsche Theater und das Schlossparktheater in Berlin war die Diskussion, in welcher Weise Rassismen auf subtile Weise wirken, eröffnet worden. Und wenn dieses emotional aufgeladene Symposium bei den "Foreign Affairs" eines bewiesen hat, dann wie dringlich diese Diskussion ist.


Symposium "Stages of Colonialism / Stages of discomfort"
Mit: Joshua Kwesi Aikins, Brett Bailey, Joy Kristin Kalu, Grada Kilomba, Klaus-Peter Köpping, Christel Weiler, Katja Wenzel.
Initiiert vom internationalen Forschungskolleg "Verflechtungen von Theaterkulturen / Interweaving Cultures in Performance" der Freien Universität Berlin in Zusammenarbeit mit "Foreign Affairs".

www.berlinerfestspiele.de


Für nachtkritik.de besprach Matthias Weigel Exhibit B bei den Foreign Affairs.

 
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