Wir sitzen alle im selben Bauch

von Dorothea Marcus

Köln, 25. November 2007. Erstaunlich, dass ein monumentaler Roman wie Hermann Melvilles "Moby Dick" inzwischen sogar auf kleinsten deutschen Bühnen gespielt wird. Den Anfang machte Amélie Niermeyer 2004 in Freiburg in einer Version, in der sie das Publikum auf die Drehbühne setzte, in der Pause Fischsuppe reichte und den Theaterbauch zur Schiffs- und Weltmetapher erklärte. Inzwischen haben sich unter anderem auch Greifswald, Kassel und Osnabrück an Bühnenadaptionen gewagt – an einen Roman, der eigentlich schon die literarischen Dimensionen sprengt.

In der Kölner Halle Kalk hat ihn sich nun Michael Simon vorgenommen, der als trashiger Grenzgänger zwischen den Sparten bekannt wurde. Simon nennt seine Fassung "Ich, Moby Dick" und schafft von Beginn an Verwirrung in der Erzählperspektive, die durch den berühmten ersten Satz von Melvilles Roman ja eigentlich eindeutig gesetzt ist ("Nennt mich Ismael.").

Eine Art Nachtodesparty

Doch der Abend soll offenbar, so legt der Titel nah, eine Art innerer Monolog des Wals sein. Und den sehen wir auch auf Michael Simons Bühne: Sie ist ein wunderschöner Walfischbauch, sorgfältig aus Eisendrähten gebogen, die aussehen wie filigrane Fischernetze und weit über den Zuschauerraum gewunden sind. Wir sitzen alle im selben Bauch – das Boot ist schon längst gekentert. Die Ereignisse auf dem Meer finden in den seitlichen Walaugen statt, die mit wohlklingendem Getöse immer wieder aufklappen.

Der Abend wird dann aber – trotz des Titels – aus der Sicht von sieben Walfängerinnen gezeigt, die im Bühnenbauch eine Art Nachtodesparty feiern. Es sind jene fröhlichen, exaltiert geschminkten und hochgetürmt frisierten Michael Simon-Clownsfiguren, die die Moby Dick-Geschichte rückblickend auktorial erzählen. Oder sie in wunderschönen Songs ("It’s a man’s world") besingen und lustig dazu im Takt rudern und tanzen. Von den Todesängsten, Schiffsrevolten und Ahab’schen Allmachtsfantasien des Romans lassen sie sich nicht weiter beunruhigen.

Als "Familienstück" ist "Ich, Moby Dick" angekündigt, doch der Unterhaltungswert für Kinder dürfte ziemlich gering sein, wenn sich die opulenten Bildeffekte erschöpft haben. Denn in eineinhalb Stunden kann man diese Geschichte kaum begreifen. Und so schaffen es die Figuren des Romans nur, sehr hastig aufzutauchen und kleine Erinnerungspunkte für Romankenner auf die Bühne zu setzen: Queequag, der Harpunier, Kannibale und Freund von Ismael, stirbt kurz in einem auf den Boden gezeichneten Sarg, um als andere Figur wieder aufzuerstehen. Der Schiffsoffizier Starbuck zögert vor dem Tyrannenmord und wird gleich wieder in die Luft gezogen. Ismael, der Fischerjunge Pip, Flusk oder Stubb bleiben verwechselbar, auch wenn sie zur Verkörperung ihrer Rollen Perücken, Mützen oder Ringelstrümpfe an und wieder ausziehen.

Walfang in der Eisenwanne

Nur Ariane Andereggen als monomanischer Ahab ist als Figur jederzeit wiedererkennbar und erweckt eine Ahnung vom Kapitän, der seine Mannschaft in wahnhaftem Hass in einen persönlichen Rachefeldzug gegen ein Wesen treibt, das davon gar nichts weiß. Eine ewig aktuelle Geschichte von der Lust am eigenen Untergang und der Selbstüberhebung gegen die Natur.

Bei Simon und seinem Autor Ulrich Hub sind nur Bruchstücke des Ursprungstextes zu erkennen, ansonsten ist frei "nach Motiven von" elliptisch getextet worden. Aber auf Sprache kommt es ja trotz Microports nicht so richtig an bei diesem perfekten Illusionstheater mit tollen Songs (Musik: Achim Fink, Verena Guido, Bernd Keul). Stark ist der Abend vor allem in seinen kleinen Bildern: etwa, wenn Anja Herden und Eva Spott in einer mit Wasser gefüllten Eisenwanne den Walfang simulieren. Indem sie in einen Schlauch pusten und Wasser spritzt, wird das Blasloch des Wals imitiert; als die Harpune eindringt, färbt sich das Wasser blutrot – da entsteht auf einmal das Gefühl von wilden Wellen und Meer. Als Starbuck vom Abgrund spricht, in den Ahab die Menschen führt, rutscht wie durch Zufall eine Pistole die Bühnenrampe hinunter – das Schiff, ein unfreiwilliges Selbstmordkommando. Beim letzten Kampf mit dem Wal laufen die Schauspieler mit Taschenlampen ins Publikum, als suchten sie Zuflucht in den letzten Schiffsecken.

Doch dann wird alles wieder ganz groß: Akrobaten schwingen scheinbar haltlos im Raum, verschwenderische Kunsteisschwaden stehen für das eindringende Wasser, der Walbauch-Draht hebt sich donnernd und gibt einen Bühnenabgrund frei. Und so erschöpft sich die Inszenierung letztlich in pompösen Effekten. Eine gewaltige Geschichte von Besessenheit und Absolutheitssuche schrumpft zum heiteren Unterhaltungsformat. Da könnte man gleich ein Andreas Baader-Musical machen. Aber vielleicht wird das ja auch gerade geschrieben.

 

Ich, Moby Dick
von Ulrich Hub nach Herman Melville
Regie: Michael Simon, Bühne: Michael Simon, Mitarbeit Nina Langosch, Kostüme: Žana Bošnjak, Musik: Achim Fink, Verena Guido, Bernd Keul. Mit: Ariane Andereggen, Nathalia Bogdanis, Kerstin Dathe, Renate Fuhrmann, Anja Herden, Eva Spott, Susanne Beschorner.

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Die Kölnische Rundschau (27.11.2007), vertreten durch Thomas Linden, findet Michael Simons Wal imposant. "Das Publikum sitzt mitten im Bauch eines Wals, man kann durch sein Maul schauen und in der Ferne das Papiermodell eines Walfängers sehen. Und wenn es regnet, glaubt man über sich das Meer zu hören." Die Aufführung erklärt das "Handwerk der Seefahrt" und folgt Melvilles Prosastruktur, weshalb dramatische Spannung ausfalle und die Inszenierung zuletzt "langwierig" werde. Doch wenn Simon "der Anweisung" von Texter Ulrich Hub "zum Fantasieren" folgt und das "Als ob" des Theaters betont, zeigt sich, dass die Selbstreflexion des Mediums keineswegs starke Bilder verhindert.

Im Kölner Stadt-Anzeiger (27.11.2007) schreibt Christian Bos, Regisseur Simon habe "einen sehr effektiven Mittelweg zwischen Brecht und Musical-Theater gefunden". Es gäbe, ganz naiv, viel zu staunen, "die puppenbühnenartigen Szenen etwa, die in den Augen des Wals gespielt werden, die Flüge am Drahtseil, … und das große, große Maul Moby Dicks, dass sich schließlich knarzend öffnet, um Captain Ahab zu verschlingen". Überhaupt entledigten sich Simon und Hub aller tonnenschweren Bedeutung, schrumpften Melvilles Wal-Metapher auf "streichelbare Delphingröße" und lösten durch diese Vermenschelung das annoncierte Versprechen auf ein Familienstück tatsächlich ein. "Wer also die lebenslange Liebe zur Bühne in seinem Kind installieren will: hingehen."

In der FAZ (29.11.2007) legt Andreas Rossmann nach, dass schon der Titel "Ich, Moby Dick" die "Engführung" des Abends bezeuge. Der "epische Stoff" sei für Simon "Spielmaterial". Der Regisseur "verweigert Abbildrealismus und Psychologie, keine Identität von Darsteller und Figur wird behauptet". Wenn die "Harpune signalhaft durch die Decke stößt", beginne sich zum Beispiel "das Wasser rot zu färben". "Was sich 'wirklich' abspielt", schreibt Rosmann, "lässt sich nicht aufs Theater bringen." Zwischen "direkter Aktion und epischer Verfremdung", "Singspielwitz und Revueschritten", "Tanz und Tingeltangel", bewege sich Abend, der eine "szenische Poesie" entfalte "abseits der ausgetrampelten Illustrierungspfade". Der ganze "Moby Dick" würde nicht auftauchen, "doch die Blicke, die von ihm anderthalb Stunden lang zu erhaschen sind, ergeben ein theatralisches Verkleinerungskunststück." - Das könnte man so oder so verstehen, aber insgesamt ist das wohl ein Lob für den Abend.

 
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