Spiele und Brot

von Michael Stadler

München, 6. Oktober 2012. Raskolnikow! Von diesem verarmten Jura-Studenten, diesem größenwahnsinnigen Geist, der sich berechtigt fühlt, in Sankt Petersburg einen Mord zu begehen, was er dann auch tut, im Doppelpack, woraufhin ihn ein Fieber erfasst, er sich mit einem Ermittler im philosophisch-juristischen Streit misst, um dann doch, motiviert von einer geliebten Prostituierten, seine Schuld zu gestehen, ja, zu sühnen! – von diesem Helden findet sich in der Spielhalle der Kammerspiele erst mal keine Spur.

Stattdessen tritt André Jung in die Manege – kantig ist sie, auf drei Seiten sitzt das Publikum – und Jung, der Zirkusdirektor mit dem Zirkusdirektoren-Zylinder, baut ein paar aufgestapelte Steine zu einem Kreis um, gießt Wodka hinein, was dann ein Wasserbecken darstellen soll. Drei andere setzen sich mit ihm auf eine Sauna-Bank: einer mit Bauch (Hannu-Pekka Björkman), ein Pantomimen-Clown (Edmund Telgenkämper), ein Handtuch-über-den-Kopf-Träger im Bademantel (Juhan Ulfsak). Vier Clowns für eine klassische Varieté-Nummer. Und sie treiben es wild. Rasierschaum kommt ins Spiel. Schamhaare müssen dran glauben. Es wird geschwommen. Es ist lustig.

Nicht schön, sondern schön blöd
Aber was hat dieser Einstieg mit Dostojewski zu tun? Wenig. Oder doch viel. Von der Gewalt, die all die Clowns und Monster, all die Menschen sich antun, davon bekommt man hier in aller gnadenlosen Heiterkeit einen Eindruck, ohne dass dies ein Alleinstellungsmerkmal von "Schuld und Sühne" oder, im juristisch gedachten deutschen Romantitel, "Verbrechen und Strafe" ist. Aber das scheint auch wurscht zu sein. "Der imaginäre sibirische Zirkus des Rodion Raskolnikow", so nennt Kristian Smeds diesen Abend, und es ist erst mal die Form des Zirkus, die einem eindeutig vor Augen tritt.

derimaginaresibirischezirkus 560a lennartlaberenz hAlbern werden mit Dostojewski – "Der imaginäre sibirische Zirkus des Rodion Raskolnikow" © Lennart Laberenz

Nun hat man es mit einem deutsch-ungarisch-estländisch-finnischen Schauspielteam zu tun, nicht mit Artisten und ausgebildeten Clowns, was bedeutet, dass der Zirkus ein gespielter, ein theatraler ist. Und man kann Vergnügen haben an der Show, die zwischen zirzensischer Kunst und wildem Dilettantismus oszilliert. Man kann aber bald auch Sehnsucht nach jenem Zauber bekommen, der nun mal von versierten Artisten und Clowns, von ihrem tadellosen Können rührt.

Smeds erzeugt Zirkusbilder, aber er entzieht ihnen immer wieder den Boden. So tritt Edmund Telgenkämper, der Pantomime, mit einem Stühlchen auf. Doch anstatt eine Nummer zu entwickeln, eine mit Stühlchen eben, ruft er "Mama", und André Jung singt ihm im Fummel ein französisches Wiegenliedchen. Und schon wird alles weggeräumt. Kein "Akrobat – schööön!", sondern schön blöd und infantil, weil es Smeds scheinbar um das Regressive im Zirkus und im Roman geht, das Kindlich-Zerstörerische und die Frage nach der Wiederherstellung der Ordnung. Die Gesellschaft braucht die Sühne, damit es weiter gehen kann. Es muss aufgeräumt werden! So kann man's verstehen. Muss man aber nicht.

Von rotzigem Spaß zu heiligem Ernst
Andere Romanmotive scheinen auf: Vom Hunger singt Timo Kämäräinen und ist auch sonst prima als hellwache Einmann-Band. Die Frauen erscheinen als Opfer und Täter, engelhaft Fürsorgliche oder böse Vernachlässigende. Einmal malträtiert Katja Bürkle als Clowns-Cowboy in Pink die schwarz angemalte Minstrel-Sängerin Annamárie Láng. Ein anderes Mal versammelt Bürkle mütterlich ihre Playmobil-Männchen auf einem Tablett, um sie kühn zu balancieren. Kühn? Die Figuren halten mit ihrem magnetischen Untergrund am Tablett fest. Kein Risiko. Keine Virtuosität. Ist das wirklich Zirkus? Aus einer Sauna steigt Hannu-Pekka Björkman und mutiert zum Baby-Monster. Papa Jung muss seine Liebe bekunden. Dann sucht sein Satansbraten die Waffe für den Vatermord. Zuvor hat er schon am Boden greinend bekundet, dass er nur ein Mensch sei. Raskolnikows Erkenntnis. Also doch.

Löst Smeds in dieser Nummernrevue die Romanschwere in rotzigem Spaß auf, so lässt er nach der Pause auf einmal den heiligen Ernst regieren und gibt dem Zuschauer die reine russische Literaturdosis. Hinreißend ist es noch, wenn André Jung einen Text von Daniil Charms rezitiert, die Geschichte von jenem Rothaarigen, der keine Beine, keine Arme hat, ja, vielleicht nicht mal rothaarig ist. Was entsteht, löst sich sofort wieder auf. Alles ist vage. Der Bühnennebel vergeht und es zeigt sich, dass der Boden weggebaut wurde und unten sich noch ein Raum befindet, auf den die Zuschauer hinabschauen. Schön, der Zaubertrick. Unten sitzen die Darsteller um einen Tisch, von einer Kamera permanent bedeutungsschwanger umkreist. Die Aufnahmen werden an die Wand projiziert. Gelesen werden Passagen aus "Schuld und Sühne". Die Sätze wiegen. Der Schnee fällt.

Beerdigung des Adaptions-Willens?
Zum zweiten Mal hat Smeds sich mit "Schuld und Sühne" beschäftigt. Sein erster Versuch "Sad Songs from the Heart of Europe" war 2011 als Gastspiel in den Kammerspielen  zu sehen und beschäftigte sich mit Raskolnikows Seelenretterin Sonja. Dass Smeds nun um den reuenden Mörder einen assoziativen Zirkus und eine Lesung veranstaltet, erscheint wie die Beweisführung des Regisseurs, dass man Dostojewskis Roman nicht ins Spiel überführen, ihn nicht theatralisieren kann.

Am Ende fährt die Kamera noch mal an den Spielern vorbei. Ein Stuhl ist leer. Da fehlt einer. Dostojewski? André Jung steht noch oben, bezahlt die Bühnenarbeiter, lässt eine Flasche kreisen. So sieht Solidarität aus. Dann steigt er hinab, die letzte Bodenplatte wird über ihn gelegt. Eine Beerdigung. Man könnte auch sagen: Smeds trägt seinen Willen zu Grabe, Dostojewski zu adaptieren. Und man möchte nach diesem anfangs amüsanten, dann doch langen und am Ende prätentiösen Abend sagen: Amen.

Der imaginäre sibirische Zirkus des Rodion Raskolnikow
von Kristian Smeds nach F. M. Dostojewski
Regie: Kristian Smeds, Bühne und Kostüme: Ene-Liis Semper, Musik: Timo Kämärainen, Video: Lennart Laberenz, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Saara Turunen, Jeroen Versteele.
Mit: Hannu Pekka Björkmann, Katja Bürkle, André Jung, Timo Kämärainen, Annamaria Lang, Edmund Telgenkämper, Juhan Ulfsak.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.muenchnerkammerspiele.de

Mehr zu Kristian Smeds und Fjodor Dostojewski: Im Rahmen des Nordwind Festivals präsentierte Smeds im vergangenen Dezember seine "Brüder Karamasow"-Adaption 12 Karamasows.

 

Kritikenrundschau

"Der Zirkus ist bei Smeds auf den Hund gekommen", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (8.10.2012). "Je länger der Abend dauert, desto gewalt- und grausamer kippt das scheinbar harmlose Clowns- und Kinderspiel vom Lustig-Poetischen ins Mörderische, ja buchstäblich: Bodenlose." Die Zirkus-Rahmensetzung müsse man als gegeben ansehen, sie erkläre sich nicht. "Saftig-sinnlich", "dynamisch", "für deutsche Theaterverhältnisse schier anarchisch" sei das, allerdings dürfe man sich die Frage nach dem höheren Sinn und Gewinn nicht stellen. "Wer krampfhaft nach Motiven aus dem Roman sucht, hat schon verloren, sich zumindest auf einen sehr deutschen (Vernunft-)Posten begeben, von dem aus diese Inszenierung nicht zu greifen ist." Am Ende allerdings, wenn die Textebene ihr Recht bekommt, hinterlasse falsches Pathos "einen fahlen Nachgeschmack".

"Von Dostojewski nur Spuren, von allem anderen viel zu viel", findet Paul Jandl in der Welt (8.10.2012). Wo Kristian Smeds bei seinem Dostojewski auch hinlange: "Da wächst nichts mehr." Im Delirieren sei er "ganz wunderbar, doch in Dostojewskis Original, man erinnert sich, ging es dabei irgendwie auch noch um eine Wahrheit". Hier blieben nur albern grinsende Clownsgesichter und halbgare Witzchen.

"Der Wahrheit ist der finnische Regisseur an diesem fulminanten Theaterabend mit Sicherheit ein Stück näher gekommen", ist sich hingegen Anette Walter in der tageszeitung (8.10.2012) sicher. Smeds brilliere als kompromissloser Regisseur, der von seinem Publikum fordert, sich auf diese Tour de Force der menschlichen Abgründe einzulassen und schaffe "beeindruckende Gefühlslagen" und "ausdrucksstarke Bilder". Der Abend mute an "wie ein Kindergeburtstag auf Speed, mit dem Smeds illustriert, zu welchen Grausamkeiten der Mensch fähig ist".

Der erste Teil sei "wild, wüst, krude und komisch", resümiert Gabriella Lorenz in der Abendzeitung (8.10.2012). "Den zweiten könnte man sich eigentlich sparen." Nur der Musiker Timo Kärämäinen lasse einen auch den zweiten Teil aushalten und passe sein Live-Spiel "so sensibel dem Bühnen-Timing an, dass er vollwertiger Mitspieler ist".

Für Barbara Villiger Heilig hat sich nach diesem Abend der Blick auf die Welt verändert, wie sie in der Neuen Zürcher Zeitung (8.10.2012) schreibt: "Auf dem Rückweg von den Münchner Kammerspielen ins Hotel jedenfalls erlebt man die enthemmte Ausgelassenheit des Oktoberfest-Tourismus als Verzweiflung." Einen "bald schwarz-romantischen, bald schwarzhumorigen Zirkuszauber" hat sie erlebt, ein präzise rhythmisiertes Bewegungstheater, in dem André Jung einmal mehr als anmutig-eleganter Perfektionist der minimalen Geste mit maximaler Wirkung wirke. Der Abspann aus dem Untergeschoss habe "etwas durchaus Geschmäcklerisches. Und dennoch ist er das versteckte Pendant zur Chaos-Choreografie des Zirkus, der in seiner Essenz pure Emotionen, wild, zärtlich, gewalttätig, sinnlich, in Figuren kleidet: in mitleiderregende Menschenclowns."

 

 
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