Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

von Charles Linsmayer

Luzern, 10. Oktober 2012. Von Anfang an spielt die Musik eine wichtige Rolle in dieser Inszenierung: sie gibt den Rhythmus vor, zeigt unter Verwendung elektronischer Klänge und verfremdeter Stimmen Bedrohliches und Dramatisches an und vermittelt den makellosen Versen, in denen die Tragödie daherkommt, zusammen mit den Lichteffekten, die das Geschehen in den entscheidenden Momenten gespenstisch in Hell und Dunkel portionieren, etwas Dissonantes, Heilloses, Erschreckendes. In eine ähnliche Richtung geht auch das Bühnenbild, das zunächst gar keines ist, sondern einfach das nackte Bühnenhaus mit all seinen technischen Einrichtungen zum Spielraum macht. Dann aber, als das Drama sich zuspitzt, erhebt sich eine hölzerne Wand in die Luft und grenzt eine enge Spielfläche ab, bis sich deren Teile zu einem schwarzen Kubus vereinen, der Drohkulisse und Gefängnis in einem ist.

Ein reines Frauenstück wird in diesem beängstigenden Ambiente gespielt, ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Wiebke Kayser als Königin Elisabeth und Juliane Lang als schottische Königin Maria Stuart, die bekanntlich in London Schutz sucht, aber zum Spielball einer Unzahl von Hofintrigen wird, bei denen die einen sie retten und die anderen sie töten wollen, bis es am Ende Baron Burleigh gelingt, Elisabeth das Todesurteil für die Konkurrentin abzuringen. Höhepunkt von Sabine Auf der Heydes Inszenierung ist, wie nicht anders zu erwarten, die einzige Zusammenkunft der zwei Frauen, die nach einer anfänglichen Demutsgeste Marias in eine wüste gegenseitige Beschimpfung ausartet, bei der die schottische Königin die englische als Bastard beschimpft und sich selbst "den wahren König" nennt.

Ungleiche Rivalinnen
Elisabeth ist in dieser Konstellation ganz Würde, aber auch Askese und Einsamkeit, während Maria trotz dem jugendlichen Alter der Darstellerin eine imponierende Heroine ist, die nicht nur ihre gewichtige körperliche Präsenz, sondern auch ihre Sinnlichkeit voll ins Spiel bringt. Würde Leicester, mit dem sich Elisabeth ein zärtliches Stelldichein leistet, sich am Ende nicht als Schlitzohr entpuppen und der hintergangenen Elisabeth so auch als Mann eine Enttäuschung bereiten: Man könnte fast meinen, dass die Entscheidung im Kampf zwischen den zwei ungleichen Frauen beim Liebesspiel fällt, wendet sich doch Maria nach einer wilden Rammelei mit Mortimer aller exzessiven Sinnlichkeit zum Trotz angewidert von ihrem Galan ab.

mariastuart2 280h tanjadorendorf uBunte Askese trifft schwarze Sinnlichkeit: Maria (Juliane Lang) und Elisabeth (Wiebke Kayser) © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Auch sonst aber sind die Gewichte ungleich verteilt, kommt einem doch diese Maria wie ein durch unglückliche Zufälle in eine aussichtslose Lage geratenes Partygirl, aber sicher nicht wie eine Königin, vor, während Wiebke Kaysers Elisabeth nicht nur in ihrer stoischen, ja fast störrischen Haltung, sondern dank ihres wundervollen farbigen Kostüms und der ihre Auftritte begleitenden Musik etwas Imperiales, Imponierendes bekommt. Bis auf den Schluss allerdings, wo sie das Ende der Rivalin und den Verrat der Getreuen nicht, wie von ihrem Naturell her eigentlich zu erwarten wäre, stolz und ungerührt, sondern schreiend und am Rande eines Nervenzusammenbruchs wahrnimmt.

Nie stilisiert
So eigenwillig das Geschehen auf die beiden Protagonistinnen fokussiert ist: die Tragödie würde kaum funktionieren, wenn nicht auch die übrigen Rollen perfekt in ihr Räderwerk eingepasst wären. So verleiht Philipp Oehme dem Leicester die richtige Mischung aus Naivität und Zynismus, vermittelt Horst Warning dem Talbot eine respektheischende Gravität, ist Jürg Wisbach als Burleigh bei allem vordergründigen Charme die Falschheit und Hinterlist in Person, während Christian Baus als Bewacher der Maria etwas Unbedarft-Ahnungsloses und Hajo Tuschy als Mortimer Leidenschaft, Verliebtheit und Ruhelosigkeit verstrahlt. Bewunderung weckt Samuel Zumbühl als perfekt französisch parlierender Graf Aubespine, und in der Interpretation von Daniela Britt entpuppt sich sogar die Rolle von Marias Amme Hanna als bemerkenswerte weitere weibliche Zugabe und als eine Figur, die für das Verständnis des oftmals schwierig zu verstehenden Geschehens wichtig ist.

Dass Sabine auf der Heyde intensiv mit den Beteiligten gearbeitet hat, zeigt neben dem flüssigen, schön austarierten Ablauf des drei kurzweilige Stunden dauernden Ganzen und der allmählichen Steigerung zum tragischen Schluss hin auch die durchwegs klare, souveräne Artikulation der Verse, die nie etwas Stilisiertes annimmt und letztlich zum Effekt hat, dass die Inszenierung nicht nur zu einem Beispiel für eine mäßig aktualisierende "Versinnlichung" eines Klassikers, sondern auch zu einer Hommage an Schillers Sprache wird.   

Maria Stuart
von Friedrich Schiller
Regie: Sabine Auf der Heyde, Bühne: Ann Heine, Kostüme: Barbara Aigner, Musik: Jacob Suske, Licht: Gérard Cleven, Dramaturgie: Ulf Frötzschner.
Mit: Christian Baus, Daniela Britt, Wiebke Kayser, Juliane Lang, Philipp Oehme, Hajo Tuschy, Horst Warning, Jürg Wisbach, Samuel Zumbühl.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.luzernertheater.ch

 

Kritikenrundschau
"Eine dichte, aufmerksame, sehr genau beobachtende Theaterarbeit", schreibt Andreas Klaeui in der Neuen Zürcher Zeitung (12.10.2012). "Gerade den tragischen Zwang, die Staatsräson, die mit dem gelassensten Zynismus auftritt, das institutionelle Gefangensein der Königinnen streicht Sabine Auf der Heyde klar heraus", und zwar mit geradezu brutaler Deutlichkeit. Es gebe bildhaft überaus eindringliche Momente, etwa einen Tanz Leicesters mit Elisabeth. Oder es entwickle sich eine choreografische Kurzgeschichte vom lasziven Gehversuch über die rockige Rebellion zur qualvollen Resignation, "ein tragisches Aus-sich-herausgehen-Wollen und Nichtkönnen, das den Kerker anschaulich macht, in dem Elisabeth steckt". Fazit: "Dies ist immer ganz nah bei Schiller; zugleich ist es die Sicht einer jungen Frau, die ihre eigenen Wahrheiten sucht."

"Das schnelle und genaue Wechselspiel der Hofintriganten zeigt das menschliche und politische Drama zwischen den königlichen Widersacherinnen Maria und Elisabeth prägnant", so Romano Cuonz auf DRS1 (11.10.2012). Die Stärke der Aufführung liege in der genauen Beobachtung aller Charaktere, eine überzeugende Leistung biete die Darstellerin der Maria Stuart, Juliane Lang.

 

 
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