Schotengewitter im Höllenschlund

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 12. Oktober 2012. Während die Zuschauer ihre Plätze einnehmen, muss die Hölle erst noch auf Vordermann gebracht werden: Techniker werkeln an der riesigen Plexiglasscheibe, die wie ein Podest in der Bühnenmitte prangt, ein Helfer marschiert mit Akkuschrauber im Anschlag herein, ein anderer schaut nach dem Rechten, alle wuseln herum, alles wirkt unfertig. Dann stellt sich der Schauspieler Gregor Trakis als Gregor Trakis, Regisseur, Allesspieler und lieber Gott in einer narrenfrei launigen Person an die Rampe und verkündet die Schnapsidee, Dantes Menschheitswerk "Die Göttliche Komödie", immerhin 14.233 Verse, als Theaterabend zu präsentieren.

Ein Witz und ein Wahnsinn, den der Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson mit seinem Ensemble jetzt in Mainz zur zwar unvollendeten, aber endlos anregenden Aufführung bringt. Und das geht so: Das Team nähert sich Dantes Gesängen von allen Seiten, im Wesentlichen seinem "Inferno", wobei es zuerst ein Kabarettprogramm startet und die Komödie in beinahe fastnachtsseliger Schotenhaftigkeit verwurstet.

Von Hysterie angeknabbertes Pathos

Der Schauspieler Tilman Rose wirft sich dafür am linken Bühnenrand in Positur, unwiderstehliches Lächeln, einfältiger Blick, und hält die Reclamausgabe der "Göttlichen Komödie" wie ein Nummerngirl in die Kamera, Pascale Pfeuti gibt sich indes der Zahlensymbolik hin wie einem Schwindel und persifliert dabei die Dante-Forschung sowie den Zahlenzauber des Meisters mit blödem Gesicht. Verena Bukal wiederum singt mit herrlich von Hysterie angeknabbertem Pathos das biblische Hohelied der Liebe, während Monika Dortschy als Dante Alighieri persönlich auf einem Sessel in der Mitte thront und so ziemlich keine Miene verzieht.© Bettina MüllerSterne überm Inferno © Bettina Müller

Dann durchleben die Zuschauer eine lässige Minute Mitmachtheaterhölle, in der sie ihre eigenen Erwartungen kollektiv über Bord werfen, indem sie imaginäre Kugeln aus ihren Vorurteilen formen und sie auf die Bühne schleudern. Kurz: Der Unernst lebt hoch, und irgendwie erweisen alle und alles Dantes Abgesang ihre Ehrerbietung, immer nach dem Motto "Alles kann, nichts muss!". Doch die Heiterkeit verdüstert sich zusehends und das Schotengewitter endet im Höllenschlund. Dabei klopft der aufgeweckte Abend immer wieder an die Gegenwart, versucht die Todsünden im Heute zu verorten, wenn er etwa die Wollust in osteuropäischen Sexarbeiterinnen verkörpert, wobei vieles angedacht und nicht ausformuliert wird.

… und der Papst baumelt kopfüber

Dantes episches Gedicht aus dem 14. Jahrhundert gliedert sich ja in die drei Teile "Hölle", "Fegefeuer" und "Paradies", die der Ich-Erzähler Dante durchwandert. In der Mainzer Inszenierung gleicht die monströse Unternehmung eher einem Streifzug, der in höchstem Maße einprägsame Bilder für die Höllenqualen menschlicher Existenz gebiert. Acht Schauspieler reichen dem 1978 in Reykjavik geborenen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson, um ein Leibergewimmel zu arrangieren, das sich in den Todsünden wälzt wie in einem Dreckloch, in dem es sich Äpfel in die blutigen Münder stopft, halb Zerkautes erbricht, sich wollüstig und fleischeslustig auf dem Boden windet, während der Regen zum Gotterbarmen fließt.

Auf Monitoren an der Bühnenseite sowie im Hintergrund auf großen Leinwänden können wir von oben in den Höllentrichter blicken, sehen dort später auch den Papst kopfüber baumeln. Dann bricht Gregor Trakis das Spiel wieder ab und beginnt das vermeintliche Nicht-Theater mit dem Eingeständnis, dass man für eine adäquate Umsetzung des Infernos wohl an die 20.000 Statisten bräuchte, was an einem Stadttheater noch nicht möglich sei. Lacher, und weiter im Text.

Ergreifendes Schlussbild

Unverfroren, unverklemmt und selbstironisch schmort der Abend Dantes Jenseits-Wanderung zum kurzweiligen Höllentrip. Und genau so unversehens, wie alle hineingeraten, geraten sie auch hinaus. Doch erst machen sie Frieden mit sich und der Welt, steigen dann zu den Sternen oder sonst wohin. Das Kleine Haus wandelt sich jedenfalls im ergreifenden Schlussbild zum theatral-sakralen Andachtsraum, in dem sich der Tod dann endlich wie ein zweites Leben feiern lässt.

 

Die göttliche Komödie
nach Dante Alighieri
in einer Fassung von Thorleifur Örn Arnarsson, Simon Birgisson und David Schliesing sowie unter Mitarbeit des Ensembles
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Bühne und Musik: Simon Birgisson, Raumrealisation: Michael Rütz, Kostüme: Janina Brinkmann, Dramaturgie: David Schliesing.
Mit Monika Dortschy, Lisa Mies, Verena Bukal, Pascale Pfeuti, Stefan Graf, Tilman Rose, Gregor Trakis und Felix Mühlen.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.de

 

Vor vier Jahren gab es auch in Hannover einen Versuch von Christian Pade, die "Göttliche Komödie" auf die Bühne zu bringen. Und 2008 zeigte Romeo Castellucci Inferno und Purgatorio beim Festival d'Avignon.

 

Kritikenrundschau

Er komme "unverhofft: der nackte Bühnenwahnsinn, der sich in irre Dante-Vorträge und Details aus dem vermeintlichen Innenleben des Ensembles ergießt", schreibt Marcus Hladek im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen (15.10.2012). "Aufgeboten wird ein Spiel mit solcher Maßlosigkeit, das an Bernhards 'Theatermacher' Bruscon erinnert". "Hopplahopp" schreite und springe dann, wenn "sich das Ensemble endlich doch an Bilder aus Dantes Hölle" wage, "die Erzählung vor und zurück". Das sei "als Dante-Propädeutik und Vorschule zur 'Commedia' ein recht netter Versuch. Mehr aber nicht."

Am Ende äußere Dante den Wunsch, "sein Höllenbegleiter Vergil möge bitte durch Mozart ersetzt werden", berichtet Jens Frederiksen von der Main-Spitze (15.10.2012). "Mit Mozart ins Paradies: Das ist zu guter Letzt die Botschaft eines Abends, der als grandioser Schauspieler-Ulk beginnt, darauf aber im Hin- und Herschalten zwischen Höllenpfuhl und Mainzer Theatergegenwart dramatisch an Kontur verliert."

Dantes Grausigkeiten heutzutage "in ähnlicher Brutalität auf die Bühne zu stellen", lasse sie "wie billigen Ekel-Splatter wirken", bemerkt Andreas Pecht in der Mainzer Rhein-Zeitung (15.10.2012). "Was noch dadurch verstärkt wird, dass die Inszenierung wiederholt unversehens aus der Schreckenswelt herauspurzelt und auf Kabarett macht." Es gebe "in diesem Dante-Projekt einige bewegende und den Zuseher in durchaus 'werktreuer' Weise zu Recht quälende Momente. Ob es indes sinnvoll ist, Werke der Weltliteratur, die nie für die Bühne gedacht waren, auf selbiger zu verwursten, die Frage stellt sich einmal mehr und in diesem Fall ziemlich scharf. Denn es bleibt zwangsläufig bei Versatzstücken, aus denen sich das Große und Ganze kaum erschließt. Komische Beigaben helfen da auch nichts."

Der Abend sei "im Großen zunächst vorhersehbar, im Detail aber erstaunlich gut gespielt und ausgestaltet", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (16.10.2012). Um am Ende zu zeigen, "dass auch das Theaterspielen selbst eine Hölle ist – und das Wort Hölle verliert in Dantes Komödie alles Harmlose des flugs Gesagten (höllisch viel zu tun gehabt heute) –, eine Hölle der Wiederholungen, gekränkten Eitelkeiten, von der Welt gleichmütig registrierten Selbstaufreibungen". Die Bebilderung der Hölle sei "teils drastisch, teils gewitzt, teils erschöpfend". Kurz: ein lebhafter, aber im Mark kalter Abend, der sich gegen Ende "ins menschlich Tragische" wende.

Lediglich ein blakendes Fegefeuerchen auf die Bühne entfache Arnarsson hier, findet Björn Hayer in der Süddeutschen Zeitung (22.10.2012). "Unterirdisch ist zu Beginn allenfalls der Klamauk." Ansonsten werde "gestöhnt, gekotzt und ein Gehirn angefressen". Das Potential des Stoffes bleibe ungenutzt: "Jenseits von Slapstick und Seelenzerstückelung bietet die Inszenierung keinerlei Anknüpfungspunkte zur Gegenwart."

 

 
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