Achtung, Achtung: Sex ist Gewalt!

von Sabine Leucht

München, 20. Oktober 2012. Patrick Steinwidder ist noch jung. Mit Schnitzlers "Reigen" aber hat er mehr Erfahrung als manch alter Regie-Hase. 2006 war er als Dramaturg an einer rein weiblichen "Reigen"-Fortschreibung des Kärntner Vitus-Theaters beteiligt, die die Kronen-Zeitung "hinreißend komisch" fand. Und an der Royal Academy of Dramatic Art in London bewarb er sich mit einer Szene aus dem "erotischen" Skandalstück. Steinwidder wurde genommen – und inszenierte den "Reigen" als Abschlussarbeit endlich selbst – und ganz.

Das war im Sommer 2011; der frischgebackene Diplomregisseur war 32, und Kritiker beschrieben abstrahierte Sex- und dazuerfundene Gewaltszenen von Jack the Ripper bis zu österreichischen Kinderschändern der jüngeren Gegenwart auf der Bühne, während Schnitzler seinerzeit, 1920, die sexuellen Intermezzi mit einer Armada von Gedankenstrichen der Phantasie überlassen hat.

© Thomas DashuberEin Lotterbett aus Stofffetzen. © Thomas Dashuber

Die Gewaltszenen, umzingelt von etwas mechanischem "Sex" in voller Montur, hat der gebürtige Steirer auch nach München mitgebracht, wo er am Residenztheater erneut den "Reigen" inszenierte. Vermutlich mit ganz viel Wissen um das, was die Partizipanten dieses amourösen Bäumchen-wechsel-dich-Spiels im Innersten bewegt und teils zum Äußersten treibt. Allein, man sieht und spürt davon: nichts.

Ohne Liebelei, ohne Lügelei

Auf der kleinen Bühne des Marstall teilen graue Plastiklamellen einen Raum ab, einen Dreiecks-Verschlag mit instabilen Wänden und abgeflachter Spitze, dessen Boden meterhoch mit fleischfarbenen Stofffetzen bedeckt ist: Ein wenig einladendes Lotterbett im Nude-Look. Der kämpferische Gestus seiner Bewohner, das grelle Licht, das für jede der zehn Paarungen zur Fast-Finsternis herabgedimmt wird: All das macht es als Arena kenntlich, wo weitgehend kopflose Körper vor dem finalen Zusammenprall nur sehr kurz Anlauf nehmen.

Entsprechend hat Steinwidder alles Charmierende gestrichen – die aus heutiger Sicht weitschweifige Fin-de-siècle-Galanterie, ohne die man seinerzeit wohl kein fremdes Schlafzimmer entern konnte. Aber auch die opportunistischen Lügeleien, die moralischen Bedenken und alle Anklänge an Wiener Dia- und Soziolekte. Was verständlich ist, aber noch keine Aktualisierung vollbringt. Vielmehr kappt dieser ausgenüchterte Ansatz von Anfang an den Verführungsaspekt und stellt sein Publikum vor das Rätsel, was um alles in der Welt jene fünf Männer und fünf Frauen zueinander treibt.

Cyber-Sex mit dem süßen Mädel

Aber vermutlich ist das hier gar nicht die Frage, wo das Gros des Personals von zwei Schauspielern verkörpert wird: Guntram Brattia spielt alle Männerrollen vom Soldaten über den jungen Mann bis zum Ehemann, Dichter und Grafen, während Sophie von Kessel als Prostituierte, Hausmädchen, junge Frau und Schauspielerin seine Gespielin ist. Funkte nicht Anne Stein als "süßes Mädel" dazwischen, man könnte meinen, es wäre durchweg dasselbe Paar, das sich Nacht für Nacht an anderen schrägen Rollenspielen aufgeilt. Möglich wär's, denn ein wenig ahmt gerade die Begegnung des Ehemanns mit dem "süßen Mädel" die Fernerregungskultur des Cyber-Sex nach: Ohne sie je anzublicken, stellt er lüsterne Fragen zu ihrem 14-jährigen Leben (1920 genügten 19 Jahre für den Skandal!), während sie sich wie für eine Kamera in eine Niedlichkeitspose nach der anderen wirft.

Die körperliche Begegnung dieser beiden ist auch die einzige in Steinwidders Inszenierung, die nicht im Fast-Mord gipfelt. Stein reitet nur wild auf Brattia – zu demselben Punkmetal-Geschubbere, zu dem zuvor bereits Messer in Körper fuhren, ein Kopf in fleischfarbene Wäsche-Wellen getaucht, gewürgt und vergiftet wurde. Meistens vom Mann, manchmal ist auch die Frau beteiligt; Stand und sozialer Rang spielen eher keine Rolle. Und immer ging danach erstaunlich unbekümmert die Szene weiter. Das Leben.

Muskelbepacktes Mannsbilder, abgebrühte Schlampen

Während Schnitzler noch leise über die Liebe trauerte, hat Steinwidder alle Sehnsuchtsfäden gekappt. "Achtung: Sex ist Gewalt! Man kommt sich damit nicht näher", schreit seine Inszenierung ihr Publikum an, nachdem sie den Figuren die Möglichkeit genommen hat, sich wenigstens verbal abzutasten. Und für die Schauspieler wird es da dies- und jenseits der Mord-Interrupti schwer, zum glaubwürdigen Spiel zu finden.

Während Brattia in den meisten Rollen kaum vom Klischee des muskelbepackten Mannsbilds abweichen muss, um einigermaßen über die Runden zu kommen, hat es von Kessel weniger leicht. Der raue Nutten-Habitus und die abgebrühte Schlampenhaftigkeit wirken an ihr falsch; agiert sie verschämt, wird es schnell albern. Und peinlich wird's, wenn beide als abgewracktes Künstlergespann eine Art Elizabeth-Taylor-Richard-Burton-Kopie in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" geben.

Der Abend ist immerhin schnell vorbei. Er kommt einem nicht nah. Das hat er mit seelenlosem Sex gemein. Die Gesellschaftsanalyse verfehlt er ebenso komplett wie die Provokation, mit der er aber sichtlich geliebäugelt hat.

 

Reigen
von Arthur Schnitzler
in einer Fassung von Patrick Steinwidder
Regie: Patrick Steinwidder, Konzept Bühne und Kostüme: Bob Bailey, Bühne: Anneliese Neudecker, Kostüme: Lili Wanner, Kampfchoreographie: Bret Yount, Licht: Uwe Grünewald, Dramaturgie: Veronika Maurer.
Mit: Sophie von Kessel, Guntram Brattia, Anne Stein.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause.

www.residenztheater.de

 

Vor einem Jahr gab Martin Kušej seinen Einstand als Intendant am Residenztheater München ebenfalls mit Arthur Schnitzler: Das weite Land.

Kritikenrundschau

Christine Dössel schreibt in der Süddeutschen Zeitung (22.10.2012): Patrick Steinwidders Inszenierung sei nicht "provokativ", nur "unsäglich plakativ". Steinwidder treibe dem Stück alle "Melancholie" und "stille Trauer" aus, nichts mehr von "Angst und Einsamkeit der Figuren", es blieben nur: "Brutalität, Aggression, Kälte. Animalisches Triebverhalten. Koitus-Kojoten." 'Es gibt keinen Sex zwischen Menschen, nur Macht', laute das "Credo des Regisseurs". Allein Anne Stein als süßes Mädel sorge mit ihrem "Lolita-Posing vor einer imaginären Internetkamera" für wahrhaftige Momente in einer Inszenierung, in der vom Gewaltausbruch bis zu den aktualisierenden Details alles nur aufgesetzt wirke. Sophie von Kessel und Guntram Brattia seien "seltsamerweise" sehr "fernsehspielrealistisch und angestrengt psychologisch zugange", um immer dann, "wenns zur Sache geht" wilde "Tötungs- und Gewaltfantasien vorzuturnen".

Michael Schleicher schreibt im Münchner Merkur (22.10.2012), für Steinwidder sei das einstige Skandalstück ein "unbarmherziger, derber und schmerzhaft lauter Totentanz". Dagegen sei nichts zu sagen, denn "Schnitzlers Gesellschaftsanalyse" ziele "in dieser Fassung direkt ins Heute". Auch Steinwidders "Reduktion des Verständnisses von Sex als Gewalterfahrung", auch wenn dies "abstoßend" wirken möge, sei "bedenkenswert". Doch lasse das die Inszenierung "eindimensional und ermüdend werden". Obendrein habe der junge Regisseur seinen Schauspielern nicht vertraut. Dabei besäße Brattias und von Kessels Spiel, "ihre Fähigkeit, die Figuren innerhalb weniger Augenblicke wahrhaftig werden zu lassen, genug Unbequemlichkeit und Sprengkraft". Doch Steinwidder wolle, dass dem Publikum "die Ohren bluten" – indes steigere der "technische Firlefanz", Lautstärke, Lichtblitze und Gewaltchoreographien, nicht die Intensität der Inszenierung, sondern relativieren sie. Das wirke alsbald banal und derart hilflos, dass es nerve.

 

 
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