Die Wunde Büchner

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 20. Oktober 2012. Kaum ein hochrangiges Werk ist komplexer, vielfältiger und disparater als das Georg Büchners. Politisch: Das oszilliert zwischen mutiger Agitation und der tiefen Verzweiflung des sogenannten Fatalismusbriefes, in dem Büchner seiner Braut erklärt, er fühle sich "wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte"; formal: Dokufiktion, Sozialdrama, politisches Pamphlet, Literatursatire, Psychoanalyse – in der Offenheit für Tendenz und Form liegt nicht zuletzt die einzigartige Modernität dieses Ouevres.

Kann man dies alles sinnvoll in eine Art Neunzig-Minuten-Knaller fürs große Publikum spannen und obendrein noch ein paar griffige eigene (oder fremdzitierte) Thesen zur akuten Finanz- und Europakrise dazu koppeln? Fragezeichen. Falk Richter ist jedenfalls verwegen genug, es zu versuchen. Mit sieben zugegebenermaßen tollen Schauspielern, denen man gerne auch einen längeren Abend zugesehen hätte.

buechner 560a sebastianhoppe uAuf Kunstlederstühlen in Falk Richters Düsseldorfer Büchner-Projekt: Judith Rosmair, Ingo Tomi, Emre Aksizoglu, Aleksandar Radenkovic, Xenia Noetzelmann.  © Sebastian Hoppe 

Präsenz

Richters "Textperformance" – das ist nichts anderes als eine mit wenigen eigenen Texten angereicherte Büchner-Collage – lässt bis auf das grässlich fatalistische Lustspiel "Leonce und Lena" nichts aus. Es beginnt also mit der "Lenz"-Novelle und ihrem fiebrigen Rhythmus, den Xenia Noetzelmann mit einem Handmikrofon an der Rampe stehend expressiv nachbildet. Es folgen einige Passagen aus "Woyzeck"; da Richter Heiner Müllers Büchnerpreisrede von 1985 über "die offene Wunde Woyzeck" als einen Schlüsseltext der Büchnerrezeption auffasst, nimmt jenes Fragment den breitesten Raum ein. Eine Reihe von grünen Kunstlederstühlen genügt hier zur Dekoration; trotzdem ist die Drehbühne fleißig in Bewegung (Bühne: Katrin Hoffmann). Thomas Wodianka in der Rolle des Woyzeck bringt einen eigenen Ton ein, wie später Judith Rosmair, der sehr präsente Olaf Johanessen und genauso Emre Aksızoğlu, Xenia Noetzelmann, Aleksandar Radenković, Ingo Tomi auch. Schauspielerisch, wie gesagt, lässt dieser Abend keine Wünsche offen. Man ist allerdings nach dem ersten Woyzeck-Exkurs durchaus noch auf der Suche nach dem roten Faden.

Frontalangriff 

Es folgt der Fatalismusbrief und anschließend Richters ironischer Versuch, Woyzeck nach heutigen Maßstäben zu therapieren; hier tackern mehrere Metronome und geben einen zügigen Takt vor. Das Märchen aus "Woyzeck" erzählt Rosmair mit slawischem Akzent. Und nun geht der Performer zum Frontalangriff auf die politischen Honoratioren in der zweiten Reihe über, die prompt erstarren und gefrieren: Merkel wird direkt beim Namen genannt und auch noch in einem Atemzug mit Putin, und es heißt: "Das Einkommen der Reichen wächst und die Staatsmedien nennen diesen Vorgang Finanzkrise." Das mag etwas grob vereinfacht sein, und man fragt sich auch, was unter Staatsmedien zu verstehen ist – in Deutschland gibt es solche bekanntlich nicht -, aber es geht wohl darum, eine politische Unmittelbarkeit ins Spiel zu bringen und Aktualität herzustellen, dabei freilich eine gewisse Ausgewogenheit nicht zu vernachlässigen: Unvermittelt stellt jemand die Frage in den Raum, wieviele Tote eigentlich die Französische Revolution gekostet habe. Das Kapitel schließt mit der ebenfalls unbeantworteten Frage "Was machen wir denn jetzt?" und einer sehr hübsch inszenierten Generalpause (Falk Richter hat natürlich auch Regie geführt).

Wacklige Füße

Bevor der Abend sich mit einer Diskussion des Lenz/Büchnerschen Anti-Idealismus-Konzepts dem Ende zuneigt, führt Aleksandar Radenkovic noch vor, wie simpel im Grunde die Richter-Übermalung von Büchner-Texten funktioniert. Die berühmte Rede des St. Just aus "Dantons Tod" wird hergenommen und das Wort "Blut" darin einfach durch ein anderes Four-Letter-Word, nämlich durch "Geld" ersetzt. "Soll eine Idee nicht ebensogut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt?" Gemeint ist hier also: die Idee des Marktes, und "was sich ihr widersetzt", das ist die gottverdammte Trägheit der gesammelten Südeuropäer. An den Horizont gemalt wird in diesem verfremdeten St. Just-Szenario ein Europa, "in dem ein raues nordisches Klima herrscht". Der Monolog sitzt dank der Kraft des Schauspielers, der ihn vorträgt; und doch steht er zugleich exemplarisch für Glanz und Elend dieses Düsseldorfer Theaterabends: Er verströmt gehörige Energie, gedanklich ruht er auf etwas wackligen Füßen.

 

Büchner (UA)
Ein Projekt von Falk Richter
Mit Texten von Georg Büchner, Heiner Müller und Falk Richter
Regie: Falk Richter, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Daniela Selig, Video: Martin Rottenkolber, Musik und Komposition: Ben Frost, Mitarbeit Komposition: Paul Corley, Choreografie: Izaskun Abrego, Licht: Carsten Sander, Dramaturgie: Daniel Richter, Wissenschaftliche Beratung: Hans-Thies Lehmann,
Mit: Emre Aksızoğlu, Olaf Johannessen, Xenia Noetzelmann, Aleksandar Radenković, Judith Rosmair, Ingo Tomi, Thomas Wodianka.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

 Kritikenschau

"Das Stück ist eine Zumutung", findet Annette Bosetti in der Rheinischen Post (22.10.2012) – und meint das zunächst wertneutral. Wuchtig sei die Inszenierung geraten: "Richter setzt die Akteure der weit geöffneten Theatermaschine aus, sie sind Getriebene des Räderwerks." Allerdings fehle der rote Faden: "Wer Büchners Werk und dieses Manuskript nicht kennt, dürfte bei den Sprüngen überfordert sein." Außerdem knalle der Abend mitunter zu laut, als dass er nachhaltig berühre.

"Immerhin, die Abende von Falk Richter langweilen nicht", gesteht Jens Dirksen auf dem WAZ-Portal Der Westen (22.10.2012) auch "Büchner" zu, dazu gäbe es "zu viel gutes Tempo auf der Bühne, dazu wechseln auch doppelbödige Monologe und Kabarett-Einlagen, großartige Überwältigungs-Bühnenbilder und die allzu stimmige Musik zu munter, als dass in den gut 90 Minuten schlechte Stimmung aufkommen könnte". Richters Ausflug in die Gegenwartspolitik allerdings habe "mit Büchners Restaurations-Epoche ungefähr so viel zu tun wie die Zügel einer Postkutsche mit dem Gaspedal eines Porsche". Zudem müssten sich die "grandiosen" Schauspieler "allzu oft damit begnügen, als Textflächen auf zwei Beinen herumzulaufen, deren Mehrdimensionalität bloße Behauptung bleibt".

"Platituden und Palaver, aus denen in der zweiten Hälfte der Aufführung Thesen und Manifeste werden", hat Andreas Rossmann erlebt, wie er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.10.2012) schreibt. Äußerliche Aktualisierungen und platte Analogien zwischen "Play Woyzeck" und "Woyzeck"-Kommentar, verdünntem Heiner Müller und Protestrhetorik. Zwischen Doku- und Psychodrama, Chor und Choreographie, Deklamation und Debatte gäben die Schauspieler ihr Bestes, "doch Richters Projekt fährt Büchner, statt seine Aktualität an der Figur des Woyzeck darzustellen, voll gegen die Plakatwand".

Begeistert hingegen ist Marion Troja in der Westdeutschen Zeitung (22.10.2012): Mit "Büchner" hole Richter den revolutionären Geist geschickt in die Gegenwart. "Richter ist deutlich: Damals waren es die Fürsten, die das Volk knechteten, um sich ein schönes Leben zu machen. Heute sind es die Finanztechnokraten, die uns bis in den Wahnsinn treiben." Das Gemisch ergebe ein stimmiges, aufforderndes Ganzes und das "Tempo, mit dem die sieben großartigen Schauspieler durch den Abend hetzen, ist atemraubend".

Falk Richter pflege sowohl Feinheiten wie das große Pamphlet, fasst Vasco Boehnisch in der Süddeutschen Zeitung (26.10.2012) den Abend zusammen. "Was üblicherweise als Interpretation im Programmheft stünde, wird hier direkt ausgesprochen." Die propagierten Analogien zwischen Büchner und der Bundesrepublik von heute seien "gewitzt, auch überspitzt bis ins Kabarett - aber vor allem der Versuch, sich mit Literatur einen Reim zu machen auf den Lauf der Dinge".

 
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