Wütende wirbelnde Lust

von Wolfgang Behrens

Bremen, 21. Oktober 2012. Am Anfang war der Knall. Und vielleicht ist dieser Knall ja tatsächlich zu etwas nütze. In der Bühnenillusion ist er ein von Szenenapplaus begleiteter Pyrotechnik-Effekt, ein krachender Feuerball, der, ganz zu Beginn beim Öffnen des Vorhangs, einen Krater im – haha! – knallroten Bühnenboden zu hinterlassen scheint. Dieser Krater, dieses Loch in der Spielfläche wird in der Folge zum bestimmenden Element der Inszenierung – so wie in früheren Produktionen, in denen der Slapstickpapst Herbert Fritsch das Regiezepter in Händen hielt, ein Trampolin oder ein Sofa den Part des unbelebten Sparringpartners der Darsteller übernahmen. In so ein Loch kann man gut hineinfallen, und das wiederum auf tausenderlei Art ...

Wuseln, Wippen, Zucken: Zack!

Mit dem Knall fliegt aber auch ein Gutteil der verschnarchten deutschen Offenbach-Rezeption in die Luft. Denn Jacques Offenbach, diesem ungekrönten Kaiser des Witzes im Zweiten Kaiserreich, ist auf hiesigen Bühnen in jüngerer Zeit das Glück nicht hold: Seine Operetten werden entweder in gemütlich glucksenden Biedersinn getaucht (man denke an so klägliche Versuche wie die von Philipp Stölzl oder Thomas Schulte-Michels), oder sie werden überintellektualisiert (so geschehen bei Sebastian Baumgarten oder Nicolas Stemann). Offenbar jedoch ist Offenbachs Witz nicht so leicht zu haben: Seine Späße sind weder restaurativ noch revolutionär, und wenn doch, dann sind sie beides zusammen.

banditen001 560 joerglandsberg hAustickende Figuren, austickende Musik!  © Jörg Landsberg

Offenbachs musikalisches Theater tanzt lachend über die bestehenden Verhältnisse hinweg. Es kritisiert nichts wirklich, es entlarvt nur und arrangiert sich fröhlich mit den Entlarvten. Anstatt tiefsinnig in die Geworfenheit des Seins hineinzuleuchten, feiert es die Verworfenheit des Seins als Grundverfasstheit des Menschen. Und wie zur Bekräftigung aller Verfehlungen reißen die Offenbach'schen Rhythmen am Ende alles in einen enthemmten Taumel hinein: Im Spiegel der Offenbachiaden sieht die Gesellschaft, wie niederträchtig und wie dämlich sie ist, doch diese Erkenntnis führt sie nicht in den Katzenjammer, sondern in die Selbstberauschung: Musik und Figuren ticken aus.

Eigentlich ein politisches Zeitstück

"Austicken" ist natürlich das Stichwort für den Darsteller-Entfessler Herbert Fritsch, der mit den "Banditen" am Theater Bremen nicht nur seinen ersten Offenbach, sondern sein erstes Musiktheaterstück überhaupt in Szene setzt. Kaum hat es geknallt, da tauchen ruckhaft wie Kasperlefiguren einzelne, klischeehaft aus dem Fundus staffierte Räuberfratzen aus dem Krater auf und schließlich – zack! – die ganze Bande. Und dann geht das Austicken los und hört drei Stunden lang nicht mehr auf: Es wird gewuselt, gewippt und gewabert, gezuckt, gezappelt und gegen Wände gerannt, was das Zeug hergibt. Und, nicht zu vergessen, immer mal wieder ins Loch gefallen.

In Offenbachs "Banditen" gibt es Banker, die unter die Räuber gegangen sind, es gibt überschuldete Staaten, die am Tropf der anderen hängen, selbstherrliche und amüsierwütige Politiker, eine machtlose Staatsgewalt (in Form der dümmlichsten Gendarmen der Theatergeschichte) und Finanzminister, die mit vollen Händen aus leeren Kassen schöpfen. Eigentlich ein politisches Zeitstück par excellence.

Entfesselte Extremitäten

Das politische Lied indes ist für Fritsch ein garstig Lied, der zeitkritische Witz ist ihm (Hans) Wurst. Wenn der irrlichternde Musterbandit Pietro den Satz "Es war einmal ein Bankier" als eine "Räuberpistole" zum Besten geben soll, dann macht Bastian Reiber daraus keine Vorwegnahme einer Brecht'schen Pointe, er chargiert vielmehr nach Kräften den umständlichen Vortrag eines schlechten Witzes. Der kabarettistische Wohlfühl-Selbstläufer, der nach spontanem Einverständnisbeifall heischt, wird so auf das Albernste ausgestellt. Was nicht so weit von Offenbach weg ist, wie man meinen könnte: Letztlich war der Witz für Offenbach nicht das Vehikel, Politik zu machen, sondern die Politik war eines von mehreren denkbaren Vehikeln, um komisches Theater zu machen.

banditenx 560 joerglandsberg uKomik im Rausch  © Jörg Landsberg

Und was die rauschhafte, die dauerdröhnende Komik angeht, da findet Offenbach in Herbert Fritsch seinen idealen Interpreten. Auf hypergroteske Weise jagen die Figuren förmlich jedem Impuls nach, den ihnen die Musik mitgibt. Die gestochenen Spitzentöne der Räubertochter Fiorella (Steffi Lehmann) lösen bei den Spießgesellen unmittelbar zwanghaftes Gliederschlackern aus, jeder Rhythmus fährt dem Chor hüpfend in die Extremitäten und scheint auch die Unterleiber bis zur völligen Willenlosigkeit zu beherrschen: Immer wieder etwa bespringt Bastian Reibers Pietro rammelnd jedes sich ihm darbietende Bein oder – falls gerade nichts Anderes zur Verfügung steht – auch mal das Bühnenportal.

Bis zum Exzess besungen

Man hat Herbert Fritsch schon manches Mal dafür gepriesen, wie er auch Schauspielensembles kleinerer Bühnen zu seiner eigenartigen Verkrampfungsartistik zu aktivieren versteht. Dass ihm Gleiches nun auch mit einem (um zwei mitgebrachte Schauspielgäste bereicherten) Sängerensemble gelingt, ist fast ein kleines Wunder: jede Regieresistenz oder schauspielerische Hemmung scheint an diesem Abend durch den Krater gen Orkus gefahren zu sein. Mit wütender Lust parodieren die Sänger noch ihre eigenen Posen und den Operngesang gleich mit: allen voran der zwischenzeitlich herrlich falsettierende Hubert Wild als Räuberhauptmann Falsacappa und die hinreißend quirlige Nadine Lehner als Neuräuber Fragoletto.

banditeny.560 joerglandsberg uSturz im Offenbachschen Wirbel   © Jörg Landsberg

Es kann ja sein, dass Herbert Fritsch auch hier wieder nur seinen Stiefel durchgezogen hat (einen der Gendarmen-Stiefel vielleicht, deren Getrappel im Ohrwurm des Abends bis zum Exzess besungen wird). Doch in der Art, wie sich bei ihm die Komik verselbständigt und ohne Rücksicht auf Verluste über Stock und Stein hinweghampelt, wird auch der Offenbach'sche Wirbel aufs Schlüssigste weitergetragen.

Drei Stunden Spaßbad mit Musik

Glücklicherweise findet Fritsch bei diesem Ansinnen kräftige Unterstützung aus dem von Titus Engel präzise regierten Orchestergraben – denn auch die musikalische Neubearbeitung von Tobias Schwencke denkt den Offenbach'schen Geist weiter, ohne ihn zu verraten: neoklassizistische Zuspitzungen, gelegentliche Ausflüge in den Jazz und Arrangements, die auch noch den Witz eines Friedrich Hollaender integrieren, machen schon das Zuhören zu einem Abenteuer für sich.

In der Pause hörte man noch Bremer Bürger sich entrüsten ob der nervtötenden Ballung Klamauk, die da von der Bühne herabschwappte. Das ist durchaus verständlich: Drei Stunden Spaßbad muss man erst einmal aushalten können. Spätestens beim Schlussapplaus aber, wenn das gesamte Ensemble in Endlosschleife mit trötenden Kazoos den Stiefel-Hit intoniert, hat sich ganz Bremen dem Rausch ergeben.

 

Die Banditen
von Jacques Offenbach
Musikalische Bearbeitung von Tobias Schwencke
Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
Deutsche Übertragung von Stefan A. Trossbach in einer Einrichtung von Sabrina Zwach und Ingo Gerlach
Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Musikalische Leitung: Titus Engel, Kostüme: Victoria Behr, Chor: Daniel Mayr, Licht: Christian Kemmetmüller, Dramaturgie: Sabrina Zwach, Ingo Gerlach.
Mit: Hubert Wild, Steffi Lehmann, Nadine Lehner, Bastian Reiber, Gabriele Möller-Lukasz, Florian Anderer, Caspar Kaeser, Alexandra Scherrmann, Annemaaike Bakker, Hyojong Kim, Bert Coumans, Chor des Theater Bremen, Bremer Philharmoniker.
Dauer: 3 Stunden + Open-End-Applausordnung, eine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

Michael Laages schreibt auf der Internetseite von Deutschlandradio Kultur (21.10.2012): Schon immer habe der Regisseur Herbert Fritsch, der dem Theater "verkopfte Ernsthaftigkeit und quälendes Gegrübel" austreiben wolle, mit Jacques Offenbach einen "historischen Mitstreiter" im Musiktheater gehabt. Es gehe in Bremen wieder "recht albern" zu, aber niemand brauche zu leiden. Der Regisseur behalte sehr genau im Blick, worin die "Witzschischkeit" von Offenbach selber bestehe. Es handele sich um eine "werktreue Wiederbegegnung", und wenn mal nicht ganz werktreu, dann eine "mit Sinn und Verstand" ... Fritschs Inszenierung bringe tatsächlich "den Musiktheaterbetrieb komplett auf Dauer-Touren". Das neue Bremer Ensemble verfüge über "fabelhaft passende Sänger-Darsteller (und vor allem -innen!)", die Schauspiel-Gäste Bastian Reiber und Florian Anderer blödelten als Clowns "deutlich mehr als unbedingt nötig", und überreizten brachial die "banal-sexuellen Untertöne der Fabel". Aber auch das befördere letztendlich die rauschhafte Dynamik.

Benno Schirrmeister schreibt auf taz.de, dem Online-Auftritt der tageszeitung (22.10.2012) statt einer Rezension eine Warnung vor "Sex, Wolllust und Raserei": Dieser "Vollrausch", der "gelebte Wahnsinn" ließe sich gar nicht rezensieren. Es sei einfach ein "Wunder", dass "niemand umkippt und mit Blaulicht abtransportiert wird, schwere Musikvergiftung, Schauspielhirn-Trauma, akuter Farb-Abusus, totgelacht". Diese sogenannte Inszenierung gehöre "polizeilich verboten" und Regisseur Herbert Fritsch müsse "ergriffen und wegen der Bildung einer Vereinigung zur Verübung von grobem Unfug und zur Schädigung der Volksgesundheit abgeurteilt und ins Loch gesteckt werden". Am Ende, bei der "genial instrumentierten Mitklatsch-Applausordnung", tose "der Saal wie im Rausch, jubelt wie wahnsinnig, klatscht, ein Tollhaus". Dabei hätte die Antastung der sonst "heiligen Schrift" der Partitur durch neue Arrangements, bewusst eingesetzte Fehler "so was von in die Hose gehen können! Und ist jetzt purer Sex und Wolllust und Raserei, Jacques Offenbach (...) hätte sich vor Glück gewälzt."

Auf kreiszeitung.de (23.10.2012) fragt Rainer Beßling: "War das noch Offenbach?" Die Mulde erweise sich als "zentrales Requisit", da werde ins Bühnenloch "hineingeflogen und hineingestolpert", mal "halbwegs dramaturgisch erklärbar", meist aber weil es "einfach komisch" sei und "das Stolpern und der Fall ins Bodenlose" zum Slapstick gehöre, bei dem Fritsch sich kräftig bediene. Die Inszenierung überdrehe "Situationskomik und Wortwitz" und türme auf "die Parodie der Opernrituale noch eine große schrille Portion Selbstbespiegelung des Bühnenspiels und -gesangs". Vor dem dritten Akt übernähmen zeitweise Räuber die Macht über das Orchester, was zu "schrillen Dissonanzen" und der Frage führe, ob das denn noch Offenbach sei ... In der Tat ließen Tobias Schwenckes musikalische sowie Sabrina Zwachs und Ingo Gerlachs Bearbeitung des deutschen Librettos "vom Ursprungswerk nicht mehr viel übrig". "Klamaukige Klangspielereien als Illustration der Handlung" mischten sich zum "deutlich subtileren Offenbachschen Esprit". Am Ende schien es, als sei Offenbach "irgendwie wieder im Kölner Karneval angekommen zu sein, wo einst seine Karriere begann".

"Rumpelmusik ist das hier, mit vielen hinzukomponierten Dissonanzen, mal klingen die 16 Musiker wie eine beschwipste Tangokapelle, dann wie eine Bigband", aber nicht nur das bemängelt Frederik Hanssen im Tagesspiegel (24.10.2012). Weil alle wie "bekloppt spielen", weil jede Handlung egal sei, gehe der Biss der Offenbach'schen Sozialsatire flöten. "Und weil ohne Unterlass uriniert, kopuliert und kujoniert wird, stellt sich bald Leerlauf ein." Natürlich werde die Schlusspointe totgeritten, in diesem Fall jener Ohrwurm, mit dem die Banditen ihre verbeamteten Verfolger verhöhnen. Und am Ende marschiert "in endloser Polonaise die ganze vermaledeite Bande über den Steg rund um den Orchestergraben, unermüdlich in Feierlaune. Und nervtötend."

 

 
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