Auf dem Sinn-Scheiterhaufen

von Jan Fischer

Hannover, 24. Oktober 2012. Geburt. Schule. Arbeit. Tod. Der Schüler Pierre Anthon hat's raus: Nichts davon bedeutet etwas, nichts hat einen Sinn, weil man am Ende ja doch immer stirbt. Also verschwindet er nach den Sommerferien aus der Schule und verbringt ab da seine Tage im Pflaumenbaum. Manchmal schaut er der Sonne am Himmel zu, manchmal bewirft er seine Mitschüler mit Pflaumen.

So beginnt Janne Tellers Jugendroman "Nichts. Was im Leben wichtig ist", den das Hannoveraner Theater an der Glocksee auf die Bühne gebracht hat. Es ist ein kleines, freies Theater, das sich ans unabhängige Jugendzentrum Glocksee anschmiegt, ein Geheimtipp. An den Außenwänden leuchten bunte Graffiti. Der Raum ist klein, 30, 40 Quadratmeter Bühne vielleicht. Die Schauspieler kommen dem Publikum sehr nahe, gleich am Anfang schon: Da stehen sie, grinsen sinister und essen gemütlich Pflaumen. Im Hintergrund ragt ein großer, schwarzer Kasten in die Höhe wie der Kubrick'sche Monolith aus 2001 – Odyssee im Weltraum.

Die kleinen Dinge

Pierre Anthons Mitschüler aus der 7a wollen die völlige Bedeutungslosigkeit ihrer Leben so nicht auf sich sitzen lassen, wollen nicht glauben, dass nichts von dem, was sie tun, nichts von dem, was sie sind, etwas bedeutet. Nachdem sie den Westentaschen-Nihilisten Pierre Anthon erst mal kräftig mit Steinen beworfen haben, kommen sie auf eine Idee. Sie beginnen Dinge zu sammeln, die Bedeutung haben, und stapeln sie zu einem Haufen, draußen, im alten Sägewerk am Stadtrand. Wenn der Haufen groß genug ist, so die Idee, muss Pierre Anthon zugeben, das es Dinge gibt, die nicht sinnlos sind. Dass das Leben eine Bedeutung hat.

Am Anfang geht das noch gut: Es sind kleine Sachen. Die grünen Lieblingssandalen. Ein paar zerlesene Dungeons&Dragons-Hefte. Eine alte Musikkassette. Dann, plötzlich, geht es schief: Ein Hundekopf soll auf den Haufen aus Bedeutung. Einer, der Gitarre spielt, soll seinen kleinen Finger opfern. Eine andere ihre Jungfräulichkeit. Das Kreuz aus der Kirche wird gestohlen, der Sarg des verstorbenen kleinen Bruders einer Mitschülerin wird ausgegraben. Der Haufen aus Bedeutung wächst. 

Spärliches Spiel

In Hannover besteht der Haufen aus wirr geformten Kästen: manche rund, manche eckig, manche L-förmig. Diese Kästen und der große, schwarze Monolith sind das einzige Bühnenbild. Was zählt, ist die Geschichte, die dazu erzählt wird, die Bedeutung, die den Kästen mit der Erzählung verliehen wird. Dieser Kasten, das ist der tote Bruder. Dieser Kasten, das ist Jesus am Kreuz.

nichts 560 sonjamehner uSinn-Anhäufungen © Sonja Mehner

Genauso spärlich wie das Bühnenbild ist auch das Spiel: Es gibt mal einen kleinen Ausraster hier, mal einen Zusammenbruch dort, aber im Großen und Ganzen ist "Nichts. Was im Leben wichtig ist" eine Inszenierung der kleinen Gesten. Ein Lächeln, eine Handbewegung. Im Theater an der Glocksee sind die Schauspieler dem Publikum nahe, da muss nicht groß geschrien, muss nicht groß gestikuliert werden.

Nichts als Asche

Das Hauptgewicht der Inszenierung liegt sowieso auf dem Text, den Andreas Erdmann schon für die Düsseldorfer Erstaufführung 2011 nahe am Original und mit nur wenigen Kürzungen eingerichtet hat. Es gibt keine eindeutig zugewiesenen Rollen, die Schauspieler sprechen sowohl die erzählerischen Passagen wie die Dialoge im Wechsel, während sie die Kästen auf der Bühne einsammeln und zu ihrem unheilvollen Stapel aus Bedeutung auftürmen. Die Schüler verfangen sich in ihrer alptraumhaften Brutalitätspirale, diesem philosophischen Teenie-Horror zwischen Friedrich Nietzsche und Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. Der Regisseur Jonas Vietzke und sein Ensemble setzen nicht auf ausgestellte Theatralität, sondern vertrauen darauf, dass der beklemmende Text die neutral-grauen Kästen und die kleinen Gesten der Schauspieler mit Bedeutung füllt. Und es klappt. So gut, dass kleine, komische Momente, die manchmal unvermittelt auftauchen, wie eine zwischenzeitliche Befreiung aus dem Alptraum wirken.

Tatsächlich wurde der Roman, als er im Jahr 2000 in Dänemark erschien, kontrovers diskutiert. Nicht, weil er brutal wäre oder sexistisch. Sondern weil manche der Meinung waren, die nihilistischen Parolen seien zu viel für Jugendliche. Es nähme ihnen jede positive Einstellung zum Leben. Für Pierre Anthon nimmt der nihilistische Ausflug in den Pflaumenbaum dann auch kein gutes Ende: Als er den Berg aus Bedeutung besichtigt und als "Schrott" bezeichnet, wird er von den Schülern niedergeschlagen. Sie lassen in den dem Sägewerk liegen, das noch in derselben Nacht verbrennt. Und von der Bedeutung bleibt am Ende nichts als Asche. Geburt. Schule. Arbeit. Tod.

Nichts. Was im Lebem wichtig ist
nach dem Roman von Janne Teller in der Fassung von Andreas Erdmann
Regie: Jonas Vietzke, Bühne: Ulrike Glandorf, Kostüm: Freya Schackat, Regieassistenz: Yascha Finn Nolting, Licht: Alexander Tripitsis.
Mit: Fabienne Elaine Hollwege, Lena Kußmann, Achmed Ole Bielfeldt, Daniel Sonnleithner.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.polyhof.de
www.theater-an-der-glocksee.de

 

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Kritikenrundschau

"Manchmal vibriert das alles vor Angst und Leidenschaft", schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (26.10.2012). Regisseur und Schauspieler präsentierten den Stoff "als philosophisches Theater für Erwachsene", und zwar "wie man heute gemeinhin Romane auf die Bühne bringt: Alle Darsteller spielen viele Figuren, zwischendurch wird erzählt, oft spricht man im Chor, ab und zu wird auch gesungen." Langweilig werde es nie. Vieles in der Inszenierung sei sehr stilisiert. Es spreche aber für die Professionalität der Schauspieler, so Meyer-Arlt, "dass es ihnen dennoch gelingt, die Geschichte sehr glaubwürdig zu erzählen." Trotzdem kann das aus seiner Sicht manchen Denkfehler der Vorlage nicht überspielen.

 

 
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