Zeit heilt alle Wunden – aber schlecht

von Tobias Prüwer

Leipzig, 26. Oktober 2012. "Lebbe geht weiter" – diese drei Worte fallen gen Ende der melancholischen Bilderfolge "Pulverfass" und bringen das "Balkan-Musical" auf den Punkt. Irgendwie läuft das Dasein trotz aller und zwischen den Brüchen weiter. Vielleicht nennt man es nicht Fortschritt oder Karriere, aber es geht weiter. Regisseur Sascha Hawemann macht im Leipziger Centraltheater mit Live-Band und starkem Ensemble Jugoslawien und Ex-Jugoslawien zum Thema. Das Bild vom Schmelztiegel Balkan, wo sich alle die Köpfe einschlagen, soll einer Erzählung von Einzelschicksalen, individuellem Leben und Überleben sowie dem Verlust von Heimat-Harmonie weichen – ein ernst gemeintes, unterhaltsames Revue-Programm zu diesem Thema?

Plastikplanen im Transitraum

Als erwartbares Provisorium aus Spanplatten und weißen Plastikplanen zeigt sich die Bühne, aber weil dieser Verschlag als sich neigende Rampe in den Zuschauerraum hineinragt, funktioniert die unmittelbare Spielfläche trotzdem gut. Gleich zu Beginn trumpft die oben links in diesem Schlund sitzende Band auf und zieht das Publikum hinein in den Orkus. Erinnerungen an Emir Kusturicas Kult-Streifen "Underground" kommen auf. Grotesk wie im Film gestalten sich dann auch die Szenen auf der Bühne zwischen – auch nicht überraschend – großen Reise-Plastik-Taschen und ausrangiertem Wohnzimmermobiliar.

Eine Frau erzählt in südeuropäisch gefärbtem Englisch, wie man auf dem Balkan Ratten tötet: Man hetzt sie in einem Käfig aufeinander. Der an schwersten Schlagverletzungen leidende Polizist trifft auf sein Prügel-Opfer von einst, das wiederum ihn so arg zugerichtet hatte. Der zwischen beiden halb-genuschelte Satz-Austausch "Zeit heilt alle Wunden" – "Aber schlecht" gedeiht auch für die weiteren Szenen zum roten Faden. Macker, Luden und Gelichter terrorisieren andere Menschen. Immer wieder brechen aus scheinbar engen sozialen Beziehungen Schatten der Vergangenheit hervor, in der jemand den andern betrogen, verraten, beklaut hatte. Der Krieg bleibt dabei immer die große, ungenannte Leerstelle, während alle Darsteller wie Midas goldbefleckte Händen haben, die vergangenes oder kommendes Verhängnis andeuten: unschuldig ist hier wohl keiner, irgendwie ist alles Leben den Bach herunter gegangen und geht doch weiter.

pulverfass 560 rarnoldcentraltheater u© R. Arnold / Centraltheater

Dass das nicht banal oder bloß lächerlich wirkt, liegt an der schauspielerischen Leistung des gesamten Ensembles. Sarah Franke zeigt als Frau mit den Ratten eine verblüffende Wandelbarkeit von Vamp zu Muttchen zu starker Frau, Christian Kuchenbuchs Polizist beherrscht ebenso Stumpf- wie Feinsinn, auch Edgar Eckert beweist als Prügelopfer einmal mehr große Ausdrucksstärke. Wenn er nicht gerade den am Hip-Hop-Style orientierten jungen Erwachsenen gibt, greift Günther Harder als weltläufiger Schlagersänger auch mal zum Mikro. Andreas Keller hat zwischen der Rolle als ignoranter Busfahrer und stoischer "Fick dich!"-Aufsager seinen besten Moment als Vater, der nicht weiß, ob er seinen Sohn wegen dessen Dummheit beschützen oder schlagen soll. Als exaltierter Bewegungskünstler stellt sich Guido Lambrecht heraus, die Schauspielschülerin Klara Deutschmann wird besonders mit ihrem kurzen Monolog über die Hoffnungslosigkeit einer jungen Frau hoch emotional: "Ich träume von Plastiksitzen auf Flughäfen. Von Menschen, die hin und her reisen."

Nachträgliches Authentizitätspflaster

Das schöne Pausenbild, als die ganze Bühne unter einer riesigen Jugoslawien-Fahne begraben wird, hätte schon die Schlussszene sein können, doch nach der Pause geht es genauso – wie das "Lebbe" – weiter. Im zweiten Teil wird das Kulissen-Provisorium weiter weggerissen und ein schwarzer, offener Bühnenraum sichtbar, der vielleicht einen Freiheitsgewinn bedeutet; aus dem Boden werden Musik-Kassetten hervorgeholt, die Verdrängtes und Vergangenheit sein könnten, aber totes Material bleiben. Ähnlich geraten auch die weiteren Revue-Häppchen, die nun auch die stets unironische Blech-Sinti-Roma-Klezmer-Musik nicht mehr zusammengehalten kann. Auf Intermezzo folgt Intermezzo, bis sich wieder die Nationalfahne über die Bühne legt und als Epilog ein Stück alter Amateurfilm – aus den 1980ern Jugoslawiens? – eingespielt wird. Das wirkt wie ein nachträgliches Authentizitätspflaster, etwas Kitt oder Kitsch zum Schluss, so, als ob die Zeit von fast drei Stunden alle Wunden, Brüche heilen soll.

 

Pulverfass
nach Dejan Dukovski, Emir Kusturica u.a.
Regie: Sascha Hawemann, Bühne: Wolf Gutjahr, Kostüme: Hildegard Altmeyer, Musikalische Leitung: Xell, Licht: Carsten Rüger, Dramaturgie: Johannes Kirsten.
Mit Klara Deutschmann, Edgar Eckert, Sarah Franke, Günther Harder, Andreas Keller, Christian Kuchenbuch, Guido Lambrecht; Xell & Orkestar: Govinda Abbott, Igor Birsan, Xell, Mike Meyer, Fiete Wachholtz, Jean Walther.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.centraltheater-leipzig.de

 


Kritikenrundschau

Einer "musikalisch getriebenen Assoziations-Revue" wohnte Dimo Riess von der Leipziger Volkszeitung (27./28.10.2012) im Centraltheater bei, d.h. er gab sich einer "theatralen Klischeedauerwurst" hin, die "nicht immer gleich gut" geschmeckt habe. "Am Anfang würzig, mit der Gewöhnung fad." Die grotesken Auftritte der Männer werden anerkennend beschrieben; andere Szenen überzeugten weniger. Eine "Vergewaltigungs-Choreographie" käme einer "seltsamen Verharmlosung" gleich. "Uralte Mechanismen, archaische Motive" würden in "Pulverfass" vorgeführt. "Frauen dienen in diesem Spiel als Projektionsfläche breitbeiniger Fantasien." Das Stück "zeigt in seinem fragmentarischen Reigen der Gewalt Zivilisation als Fassade aus Markenklamotten und Goldketten – so leer, dass einem Angst und Bange wird."

 

 
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