Die Seele ist ein enger Schacht

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 25. Oktober 2012. Schier endlos ist die Stille, bis Elektra anhebt mit den ersten Worten: "Allein. Ganz allein." Wie oft mag sie sich dieses "Allein" vorgesagt haben, ihrem Gehirn eingebläut wie auch jede andere Formulierung dieses Monologes. Da kann man greifen, wie Satz um Satz sich in Jahren verfestigt hat im Kopf, wie ein Gedanke allmählich Besitz genommen hat von einem ganzen Menschen: Rache.

Auf der Stange sitzen

Christiane von Poelnitz ist im Burgtheater diese Elektra, die einen von ihrem ersten Satz weg das vergessen lässt, was den Stoff heutzutage förmlich einkerkert: die Musik von Richard Strauss. Christiane von Poelnitz zieht alle Register ihrer Sprechstimme, sie singt sich beinahe durch die Emotionslagen. Ganz hell kann sie klingen, nach schutzbedürftigem blonden Mädchen, und sogleich virtuos umschalten in einen orgelnden Alt, gefährlich, geheimnisvoll. Wer vermisste da die 111 Mannen, die Strauss in den Orchestergraben gesetzt hat für seine Vertonung? Elektras Gefühlsrelief ist vielschichtig, es mag zerklüftet sein, aber eines hat es gewiss nicht mehr für Elektra selbst: weiße Flecken auf der Seelen-Landkarte. Diese Elektra ist in- und auswendig gelernte Psychose, und dieses Ausgerichtet-Sein auf einen einzigen Gedanken, auf ein Ziel hin bestimmt sie durch und durch. Elektra ist durchdrungen von der Idee, dass ihre Mutter Klytämnestra und deren Liebhaber und nunmehrige zweite Mann Ägisth mit dem Tod büßen müssen für den Mord an ihrem Vater Agamemnon.

elektra1 560 georgsoulek uElektra (Christiane von Poelnitz) und Klytämnestra (Catrin Striebeck) © Georg Soulek

Hugo von Hofmannsthals "Elektra" ist – und daran macht Michael Thalheimer seine Inszenierung im Burgtheater mit äußerster Konsequenz fest – ein typisches Kind der Zeit des Sigmund Freud. Das machen er und sein Bühnenbildner radikal sichtbar. Keine Bühnentiefe, bloß eine an Beton erinnernde Wand. Daran hat Olaf Altmann ein leicht schräges schachtartiges Gebilde appliziert, das von ganz oben bis knapp zwei Meter über den Bühnenboden reicht. Keine zwei Frauenschultern breit ist dieser Schacht, in dem sich Elektra aufhält, wo sie als dämonische Kraft sozusagen Hof hält. Man hört die Schritte und das Gepolter, wenn die anderen bei ihr vorsprechen: Chrysothemis, die Schwester, bei der sich das Trauma des Vatermords niedergeschlagen hat im unbändigen Wunsch, das Grauen zu verdrängen, zu vergessen, eine Familie zu gründen, Kinder zu haben. Adina Vetter spielt sie als eine Art lichter Spiegelfigur der Schwester, die mindestens so seelendeformiert ist wie die vermeintliche Furie Elektra: "Wir sitzen auf der Stange wie angehängte Vögel."

Wie klassische griechische Figurengruppen

Natürlich muss auch Klytämnestra (Catrin Striebeck) vorbei. Zuerst kreischt sie vor Hysterie, weil sie als Mörderin am Gatten nächtens von bösen Träumen heimgesucht wird. Aber dann wirkt sie wie gelähmt, macht große Augen, wenn Elektra sie mit ihren eigenen Waffen schlägt. "Es muss für alles Bräuche geben", hat Klytämnestra gesagt. Rettung in Rituale? Elektra benennt unverblümt das geforderte Human-Schlachttier, die Königin selbst müsse bluten…

Im engen Schacht also trifft man sich, drängt sich notgedrungen aneinander, und weil dieser unwirtliche Ort obendrein einen schrägen Boden hat, können die drei Frauen auch nicht stehen, ohne sich aneinander anzuhalten, ja manchmal anzuklammern.

Daraus bezieht Michael Thalheimer nun das Bewegungsrepertoire seiner Inszenierung. In der Enge sind die jeweiligen Protagonistinnen verknüpft und aufeinander bezogen wie klassische griechische Figurengruppen. Berührungen, Gesten, das ganz aussichtslose Voneinander-weichen-Wollen: Das ist dicht entwickelt, unmittelbar aus dem Text heraus. Da braucht es keinerlei Utensilien, nicht einmal das Beil, das Elektra dann bezeichnenderweise ohnehin vergisst. Ägisth (Falk Rockstroh) hat kurz vorbeigeschaut, mit seiner Fistelstimme ist er eher eine Lachnummer.

elektra2 280h georksoulek uIm Schacht: Orest (Tilo Nest) und Elektra (Christiane von Poelnitz) © Georg SoulekUnd dann also Orest, der tot geglaubte Bruder, den die Schwestern so lange zurück ersehnt haben, von dem sie das Rachewerk erwarten: Da steht er, Tilo Nest als ein Anti-Held in Sakko und Unterhosen, geschminkt wie ein Zombie. Nicht ein einziges Mal wird Elektra ihn anblicken, und auch er sie nicht. Ein eingebildetes Bruder-Bild womöglich, der kurz verbildlichte Untote aus der untersten Seelentiefe? Was dann im Palast wirklich passiert, lässt Michael Thalheimer in der Schwebe. Laut Hofmannsthal: Orest ermordet die Mutter und ihren zweiten Gatten, allgemeines Gemetzel. Davon sieht und hört man hier nichts, dafür tritt die Schwester auf, blutbesudelt von oben bis unten. Sie erzählt von Orests Tat – aber es könnte genauso sie selbst zur Tag geschritten und Orest auch für sie eine Art truggebildeter Psycho-Katalysator gewesen sein.

Das jedenfalls ist der Moment, da Elektra sich mit einer Rolle vorwärts aus dem Schachtgefängnis befreit, unten auf dem Bühnenboden landet – und vom befreienden Tanzen mit verklärtem Gesicht selbstverständlich nur redet.

Verkeilung und Vampirkuss

Bei der österreichischen Sängerin Soap & Skin hat man einen Popsong in Auftrag gegeben – eigentlich unnötig, der Verzicht auf Musik überhaupt wäre folgerichtig gewesen, die paar E-Gitarrenklänge zur Gliederung der Szenen völlig ausreichend.

Eine wichtige Rolle aber kommt dem Licht zu: Magische Wirkungen erreicht Friedrich Rom, wenn er Thalheimers Bewegungs- und Gesten-Choreographie von der Seite ausleuchtet. Das setzt dem skulpturalen Effekt noch eins drauf. Da wird die Verkeilung der Figuren, ihre Ausweglosigkeit deutlich. Wie nähert sich doch Klytämnestra der Tochter – mit Berührungen und einem langen Kuss auf den Hals, der ein Vampirkuss werden könnte. Es ist ein Tort, einander so hassen zu müssen.
        

Elektra
von Hugo von Hofmannsthal
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Katrin Lea Tag, Musik: Bert Wrede, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Christiane von Poelnitz, Catrin Striebeck, Adina Vetter, Falk Rockstroh, Tilo Nest
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 


Kritikenrundschau

"Ein Triumph." Mit einer kurzen Ellipse beschließt Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.10.2012) seine lange Rezension dieses Abends. "Urwuchtig. Gewaltig. Wie immer bei Thalheimer", sei diese "Elektra". Das Bühnenbild fungiere als "Symbol einer gigantischen Welt-Scharte, in der nun nicht mehr die Nerven zählen. Sondern die Kosten. Eines Verbrauchs. An Menschen." Thalheimer bereinige Hofmannsthals Stück von "Parfüm" und "Schwulst"; er denke das Werk "vom Schluss her" und inszeniere als großer "Frauenfiguren-Regisseur" ganz mit dem Akzent eben auf den Frauenfiguren. So zeige Christiane von Poelnitz "wundertoll, dass Elektras Hirn und Herz bereits weit weg sind, verschluckt von der Schmerzensschwärze von Wahn und Leere", wenn sie Adina Vetter als Chrysothemis "zum Mord an der Mutter aufzustacheln versucht". Thalheimer treffe "das schwüle Stück in sein kühl gefrorenes Herz. Er nimmt die Frauen beim Wort, indem er sie an Worten zugrunde gehen lässt."

Auch Norbert Mayer von der Presse (27.10.2012) hebt das Bühnenbild von Olaf Altmann ("es erzeugt bei all seiner Großzügigkeit Platzangst") und die Leistung der Frauen an diesen "großen Abend" unter Michael Thalheimers "in der Zurückhaltung subtiler, im Effekt kraftvoller Regie" hervor. "Von Poelnitz, aber auch Striebeck und Vetter gelingt es, die überhöhten Figuren voll Ernst zu repräsentieren, ohne beim vorgegebenen hohen Ton jemals Gefahr zu laufen, ins Lächerliche zu kippen." Die Aufführung "kommt an die Grenze des Erfassbaren und des gerade noch zu Ertragenden, so intensiv wirkt die Sprache, so kompromisslos dicht wird gespielt."

Einen Tick nüchterner, wenngleich ebenfalls durch Altmanns "klaustrophobisches Bühnenbild" und die Leistung der Akteure beeindruckt, bespricht Günter Kaindlstorfer für die Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (26.10.2012) diese "radikale, beklemmende Inszenierung". Michael Thalheimer, so sein Resümee, "ist eine straffe, in jeder Hinsicht überzeugende Inszenierung gelungen. Dass uns Hofmannsthals Elektra in ihrem monomanischen Rachedurst doch schon etwas fremd geworden ist, dafür darf man weder den Regisseur noch seine fulminante Hauptdarstellerin verantwortlich machen."

Weniger angetan ist Ronald Pohl im Standard (27.10.2012) davon, wie Thalheimer hier das "Geschehen auf die Nadelspitze" treibt. Das Problem seiner "ein wenig altklugen Vorgehensweise", Stoffe szenisch maximal zu verdichten, sei, dass man als Zuschauer "in der Minute Bescheid" wisse, "wohin die kurze Reise gehen soll". In der "Nahaufnahme" dieser "szenischen Diätvorschreibung" werde den Figuren jeder "Umraum" geraubt. "Es bleibt nichts zu entwickeln übrig. Der schimmernde Mantel der Rhetorik liegt eng an wie ein Trikot." So vermittelt dieser Abend dem Kritiker den Eindruck "einer gut gemachten, aber kunstgewerblichen Aufführung", die "respektvoll akklamiert" wurde.

In der Neuen Zürcher Zeitung (27.10.2012) bringt Martin Lhotzky wenig Bewunderung für Hofmannsthals Einakter mit seinem "peinlich berührenden Pathos" auf. Und auch Thalheimers Inszenierung, die "auf das – oft gebrüllte – Wort und auf eine starke Besetzung der Titelheldin" setze, nötigt dem Kritiker keinen großen Applaus ab. "Alles wirkt betonhart an diesem Abend, selbst das Licht. Von Anfang an – ausser einigen lauten Gitarrenriffs ist lange nichts zu vernehmen – hängt, steht, kniet, hockt in dieser Aussparung Elektra." Von Poelnitz leihe dieser "mindestens Halbwahnsinnigen Körper und Stimme" und gebe – wie die Redaktion titelt "großes Emotionstheater". Fazit: "Das Stück wird dadurch nicht wirklich besser, den großen Applaus aber hat sich die Actrice wahrhaft verdient."

"80 Minuten großes Theater" hat dagegen Ulrich Weinzierl von der Welt (27.10.2012) in Wien erlebt. Altmann habe "Hofmannsthals Forderung an das Bühnenbild ("Enge, Unentfliehbarkeit, Abgeschlossenheit") "geradezu ingeniös realisiert". Von der "wunderbar intensiven" Elektra von Christiane von Poelnitz heißt es: "Ihre Gesichtszüge sind erstarrte Emotionen, aus eigener Kraft wächst sie ins Monumentale: Mythengewalt und Archaik, geboren aus dem Geiste der Hysterie – den Hofmannsthal in Freuds Schriften studiert hatte." Thalheimer habe "wahrlich starkes Frauenkampfstück" geschaffen.

Eine "Schwarzmesse, schroff, streng, scharf", hat Dirk Pilz für die Frankfurter Rundschau (27.10.2012) in Wien erlebt. Mit Hofmannsthals "erzsäkular-katholischem Stück" habe Thalheimer "ein streng vergangenheits- und zukunftsbefreites und damit gänzlich aufs Zeitlose schielendes Bühnenweihespiel geschaffen". Überhaupt erweist sich der Regisseur in den Augen des Kritikers wiederum als "Spitzenvertreter eines katholischen Atheismus, der sich in einer seltsamen Aura der Unfehlbarkeit gefällt." Bei Thalheimer werde der Text "hingerammt, mehr exerziert als inszeniert, als trennte die Bühne und den Zuschauerraum eine schusssichere Vierte Wand, als wären wir einzig ins Parkett gebeten, um dämonenbittere Hostien zu empfangen." Das alles sei fünf Minuten lang "eindrücklich", danach "Manier, Pose".

Die "konzise Aufführung" sei "ein Grauen, eine einzige Zumutung", schreibt Andrea Heinz in der Zeit (31.10.2012). Thalheimer und sein Ensemble schenkten sich und dem Publikum nichts. Sie ließen keine Flucht in Ironie oder Relativismus zu. "Ob ihr nun an Schicksal glaubt oder an den Zufall, sagen sie – es gibt Dinge, denen entkommt ihr nicht."

 

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