Ein Höhlengrab für die Zukunft

von Sabine Leucht

München, 26. Oktober 2012. Fast alle Figuren in Ibsens "Hedda Gabler" sind Vampire. Richter Brack würde vieles tun, um die erotische Leerstelle zwischen den Eheleuten Tesman für sich zu nutzen. Erpressung ist da wirklich das kleinste Problem. Jørgen Tesmans Tante Julle sieht überall Todkranke und Gebärende; die Enden und Anfänge des Lebens umkreist sie wie ein Geier. Tesmans Heil hängt an der Erforschung eines fürchterlichen Nischenthemas im mittelalterlichen Brabant. Das Heil von Thea Elvsted liegt darin, Ejlert Løvborg zu Werk und Würden zu verhelfen. Und nur Hedda, der das Forschen und Helfen nicht liegt, ist dauernd auf der Suche nach dem, was das Leben sein könnte, was mutig wäre, "eine Tat!" Bloß, dass sie sie nie selbst begehen könnte, denn: Begabt ist sie allein für die Langeweile.

Eisberg der Bosheit

Deshalb muss Løvborg, der Unangepasste und einzige Nicht-Vampir, für sie in die Bresche springen: Wieder zu trinken beginnen, sein kulturwissenschaftliches Jahrhundertwerk über die Zukunft verlieren, die Waffe gegen sich selbst richten, "in Schönheit" sterben. Hedda weiß es einzurichten; und wie Birgit Minichmayr im Residenztheater den sich vor Selbstekel windenden Løvborg des Sebastian Blomberg mit kühler Neugier anschaut, als krepiere hier gerade ein schädliches Insekt, das ist einer der größten und bösesten Momente der Inszenierung.

Martin Kušej hat angerichtet, der Resi-Hausherr, der mit Minichmayr bereits Weibsteufel-Erfahrung hat. Und beide tun gut daran, das, was in dieser hochenergetischen Schauspielerin gen Wüten, Toben und Furie tendiert, sparsam einzusetzen. So agiert Minichmayr als Hedda enorm präzise und wohldosiert. Sie ist ein Eisberg der Bosheit: Bei dem bisschen, was davon aus dem Wasser schaut, ist man sich des größeren Rests stets bewusst.

hedda 560 hansjoergmichel uKein Familienglück bei Tesmans: Barbara de Koy als Tante Julle, Norman Hacker als Jørgen und Birgit Minichmayr als Hedda. © Hans Jörg Michel

In der Klemme des 19. Jahrhunderts

Heddas Trägheit aber lässt sie lasziv und eigenartig in sich ruhend erscheinen, sodass man dieser Frau weit mehr zutraut, als das Stück für sie bereithält. Als Geschöpf des späten 19. Jahrhunderts scheint sie aus ihrer Zeit gefallen: Nicht mehr bereit, sich versorgen zu lassen, Kinder auf die Welt zu bringen und ansonsten den Mund zu halten. Doch ist sie auch noch nicht fähig, Mann und Sicherheiten hinter sich zu lassen. Thea Elvsted ja, Hedda nicht. Schaut man sich im Vergleich mal Hanna Scheibes Thea-Hascherl an, kann das kaum angehen. Und jede Begründung aus dem Heute heraus beginnt sehr schnell zu hinken.

Also muss folgerichtig wieder etwas Jahrhundertwende her, weshalb Kušej die Schauspieler in historischen Kostümen auftreten lässt. Sie kommen durch eine große weiße Tür nahe der Rampe, die einer Villa alle Ehre machen würde, oder von da, wo sich die Bühne in der Finsternis verliert. Etwas zwischen Höhle und unverputztem Schindelbau versteckt sich hier, mit einem großen Loch in der Decke für das offene Feuer, in dem Hedda später Løvborgs Manuskript verbrennen wird. Seite für Seite, voller Triumph.

Gnadenlos sich selbst im Weg

Auf Annette Murschetz' Bühne kann keine Hoffnung gedeihen. Sie gibt der Gnadenlosigkeit Ibsens und der zuletzt in Die bitteren Tränen der Petra von Kant kultivierten Vorliebe Kušejs, alles noch ein bisschen düsterer und kälter erscheinen zu lassen, ein fast zu sprechendes Zuhause. Bis zum Beginn des dritten Aktes spielt sich darin jedoch eine hochkonzentrierte Aufführung ab – mit beherzten, klugen Strichen und einer Schauspieler-Führung, die aus dem recht unterschiedlichen Vermögen zum differenzierten Spiel das Beste macht. In der Höhle tobt sehr gepflegt die Hölle des Nicht-mit-und-nicht-ohne-Einander, in der Hedda die unangefochtene Königin ist. Und für die ihr die Inszenierung erstaunlich viel Verantwortung zuweist.

So sind die Kräfte, die an Hedda Gabler ziehen, in München eher schwach ausgeprägt. Der ökonomische Zwang – die Ehe als "Einkauf einer Leibrente" – wird fast ironisch gestreift und dann vergessen. Norman Hacker als Tesman könnte ein schlimmerer Fachidiot sein und Oliver Nägele als Brack ist die längste Zeit so teddybärig unbedrohlich, dass man an eine Fehlbesetzung denken würde, wenn man nicht wüsste, dass er auch ganz anders kann. Umso mehr rückt also ins Zentrum, wie Hedda sich selbst im Wege steht. Die gar nicht so unverbreitete Tendenz, dass man selbst, dass das eigene Leben nie genügt; Perfektionismus oder Undankbarkeit genannt.

Die Unberührbare und der Verspannte

Minichmayr spielt fast entspannt die Unberührbare, der es nur einmal den Atem verschlägt, als Brack sie mit anderen Frauen vergleicht. Sebastian Blomberg spielt mit absurder Körperspannung einen, der sich nicht mal einen relaxierten Zeh leisten kann. Er wäre der Anfang vom Ende seiner mühsam aufrechterhaltenen Fassade. Es ist der Abend dieser beiden, dem am Ende ein wenig der Sinn für den Rhythmus und die Länge von Szenen abhanden kommt. Denn es muss noch so Vieles erzählt werden: Løvborgs Selbstmord und dass es doch kein schöner war, Heddas finale Verzweiflung darüber und dass ein Kind und ein Buch und eine Hoffnung alle für dasselbe stehen: Für die Zukunft, die in "Hedda Gabler" zu Grabe getragen wird.


Hedda Gabler
von Henrik Ibsen
Deutsch von Hans Egon Gerlach
Regie: Martin Kušej, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heide Kastler, Musik: Jan Faszbender, Licht: Tobias Löffler, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Norman Hacker, Birgit Minichmayr, Barbara de Koy, Hanna Scheibe, Oliver Nägele, Sebastian Blomberg.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.residenztheater.de

Hedda Gabler landauf, landab: jüngst etwa in Trier (Regie: Gerhard Weber), Dresden (Regie: Tilmann Köhler) und St. Gallen (Regie: Volker Schmidt).

Kritikenrundschau

"Was soll man in dieser Aufführung glauben? " fragt sich Rosemarie Bölts im Deutschlandfunk (27.10.2012). Die Bühne gebe keinen Halt. Die Schauspieler seien gezwungen herumzustehen, "es gibt nichts, wo man sich - im doppelten Sinn - einrichten könnte, außer in den gewohnten Konventionen zu funktionieren". Disparat wie das konträr zu den historischen Kostümen moderne Bühnenbild wirke auch das zwischenzeitliche Lagerfeuer, in dem Hedda heimlich das wertvolle Manuskript Lovbergs verbrennt. "'La' Minichmayr, die schon im Vorfeld umjubelte Birgit Minichmayr, trifft vollends den Ton der bösartigen Blasiertheit, die sie als Hedda Gabler ausstrahlt. Nur: Gut ist nicht gut genug." Die "existenzielle Dimension", mit der Martin Kusej die Aufführung von "Hedda Gabler" gerechtfertigt habe, das absolut Abgründige, teile sich in dieser "monolithischen, immer schlaffer werdenden" Inszenierung nicht mit.

Kušej habe eine "etwas steife, geraffte Fassung" geschaffen und setze auf "überdeutlichen Fingerzeig", schreibt Norbert Mayer in der Presse (28.10.2012). Aber der Kritiker, der mit seinen grundsätzlichen Bedenken gegen Ibsens Stück nicht hinter dem Berg hält, konstatiert anerkennend: "So funktioniert die Aufführung tatsächlich." Zu ihrem "Erfolg" trage "wesentlich" Birgit Minichmayr bei. Sebastian Blomberg biete "in seiner Raserei einen tollen Kontrapunkt zu Minichmayr, "die sich später kalt am Scheiterhaufen der schwarzen Sessel wärmt".

"Obwohl ihr der Regisseur zwei besonders phallische Schießeisen in die zarten Hände drückt, hat nicht nur Birgit Minichmayrs Spiel, sondern auch der ganze Abend Ladehemmung". findet Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (29.10.2012). Obs nun am Erwartungsdruck liegt, dass sich Kusej nicht traut, die Schonbezüge vom Plüsch zu nehmen oder es Trotz ist, dass er sich staatstragend und spannungsarm auf der großen Bühne breit mache, "der Abend ist so aseptisch geraten, als hätten die Schauspieler mit Desinfektionsmittel gegurgelt, scharf und giftig sind sie, aber absolut keimfrei".

Statt ausführlicher Kritik gibts von Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.10.2012) eine Glosse darüber, dass er zwei Abende in Münchner Premieren saß und sich gewundert habe "über die Frauen dort". Über Birgit Minichmayr als Hedda Gabler in der Bluse des Bösen, "eingetütet bis zum Hals, hochgeschlossen, weiß, gesteift. Mit dem hinterhältigen Reptilienblick eines Tiefgefrierkrokodils treibt sie ehemalige Liebhaber in den Alkoholismus, verbrennt deren Genie-Manuskripte am Lagerfeuer mitten im Salon, reißt Frauen an den Haaren, brüllt ihren Ehegatten nieder und geht sich am Ende erschießen". Die Männer sind sowieso nur Hampelmänner, "so hat man sich die Lösung der Frauenfrage irgendwie nicht vorgestellt". Und drüben in den Münchner Kammerspielen krieche Sandra Hüller "in einer Einkaufstüte verborgen auf die Bühne, wo sie auf ein paar Tonnen Eiswürfeln zu grässlicher Live-Dumpfmusik herumrutscht". Fazit: "Zwei Münchner Macht-Männer inszenieren Frauenstücke. Und können sie nicht. Die Frauen im Parkett aber kreischen vor Begeisterung. So hat man sich die Lösung der Frauenfrage irgendwie vorgestellt."

Martin Kušej stellt die Figuren fix und fertig ins Geschehen, eindimensional wie Pappkameraden, schreibt Ulrich Weinzierl in der Welt (30.10.2012). Birgit Minichmayr hätte wahrlich das Zeug zu einer Hedda von Format. "Doch selbst sie zeigt hinter der Fassade von zickiger Kälte kaum etwas, was zu interessieren vermöchte. Ein Kühlschrank des Bösen ist ein Kühlschrank des Bösen." Keinen Spalt breit werde er geöffnet, "die Vielschichtigkeit von Heddas Wesen, mögliche Gründe ihres Gewordenseins bleiben verborgen". Niemand verlangt von einem Regisseur, das Rätsel Hedda Gabler zu lösen, so Weinzierl. "Allerdings müssten wir zumindest spüren, dass es eines gibt. Nichts davon bei Martin Kušej. Das Münchner Publikum jedoch ist glücklich, seinen Lieblingsstar Minichmayr bejubeln zu können."

"Es gibt kaum eine trickreichere, ausgebufftere Satz- und Silbenspielkünstlerin als Birgit Minichmayr. Übrigens beherrscht sie diese Ausdrucksvielförmigkeit auch mit Blicken. Vielleicht ist das sogar ihre größte Kunst, diese Kunst der Ach-was-Blicke", überlegt Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau (30.10.2012). Das wisse auch Martin Kusej, seinen Ibsen-Abend habe er ihr beinahe ganz überlassen. "Ihrem Sprech- und Blickvermögen, den gezielt platzierten Bewegungen (Hand am Hals, Arme verschränken, mit dem Stuhl kippeln), ihrem unbedingten Willen, sich die Figur gefügig zu machen. Sie macht den Abend groß." "Hedda Gabler" werde damit zum Solo mit Beistellfiguren. Das sei die Not und die Stärke des Abends.

"Ibsen in steifem Gehrock und vor der Schleiflacktüre, inszeniert von Martin Kusej, dem ehedem Anti-Bourgeois des Schauspiels?" fragt sich Mirko Weber in der Zeit (31.10.2012) und antwortet sich selbst: "Ja, das geht. Und – abgesehen von ein paar kleinen Schwächen im sehr musikalisch gedachten Timing der Inszenierung – sogar sehr gut." Hedda sei bei Kusej und Minichmayr "sehr einfach und einleuchtend" eine Frau, die alle Hoffnung verloren hat. "Und Kusej hütet ihren (Selbst-)Hass fast wie eine heilige Flamme."

 

 
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