Sind wir nicht alle ein bisschen Dada?

von Matthias Weigel

Berlin, 29. Oktober 2012. Einen Theaterabend über Dada machen zu wollen ist so gaga, dass es schon wieder Dada sein könnte. Ist es aber nicht. Denn in dem Moment, in dem der Dada als Kunstepoche, als Bezugssystem, als Stil etabliert wird, ist er tot – so hatten sich es die originalen Dadaisten des angehenden 20. Jahrhunderts schließlich ausgedacht. Dada als Gegenposition, als Nichtvorhersehbares, als Nichtdefinierbares. Wer sich heute also mit Ansage in die Tradition des Dada stellen will, der stellt vor allem eines sicher: Keinen "echten" Dada zu machen. Denn Dada hört auf, wenn die Welt Dada geworden ist.

Was um Himmels Willen macht also Rainald Grebe da unter dem Titel "Dada Berlin" im Gorki Theater, zusammen mit der Senioren-Laienspielgruppe "Golden Gorkis", einer Handvoll Schauspieler, einem Musiker und ohne seine "Kapelle der Versöhnung"? Eine Hommage? Eine Zitate-Collage? Eine Fernsehsendung?

Spiel mit den Formaten

Die Zuschauer werden zunächst bei einem Piloten für ein neues TV-Format begrüßt. Wilhelm Eilers macht seinen Job als "Anheizer" und bläut uns ein, heftig zu klatschen, dauernd zu lachen und nicht zu winken. Aus Video-Grußbotschaften wünschen Anke Engelke, Kurt Krömer, Georg Schramm und Konsorten viel Glück fürs neue Projekt (oder prangern die Eingliederung ins System an). Die Live-Kamera zoomt in peinlich berührte Zuschauergesichter.

Dann endlich kommt er, der Rettich-Rüberreicher auf Litschi und Holunder, unser Präsident des Schmerzzentrums Schönhauser, Dörtes Labskaus-Koch und Brandenburgs Bäume-Gurker, und macht die einstudierte Euphorie gleich wieder kaputt: Fieber habe er, entschuldigt er sich vorab. Kein gutes Vorzeichen für diese dritte Grebe-Produktion am Gorki nach seinem Naturkonzert für Städtebewohner und dem Politiker-Bash zur Berlin-Wahl (Völker schaut auf diese Stadt).

dada4 560 thomas aurin uDada Berlin © Thomas Aurin

In einem Stand-Up-Teil erzählt Grebe, wie der rbb ihn nach einem neuen TV-Format angefragt hätte, lässt ein paar absurde Ritter-Sketche per Video abfahren, bestellt seinen kopflosen Diener ein und fragt Senioren-Assistentin Helga nach der Zahl der Facebook-Freunde. Zitiert Spiegel Online mit einer Kritik, dass die Comedians seiner Generation nur spotten können, ohne jemals selbst eine Position zu beziehen. Um dann über jene herzufallen, die sich im Gegensatz dazu angreifbar machen: Schmusegitarrenpopnudeln wie Tim Bendzko, Philipp Poisel oder Tiemo Hauer, deren Texte für Grebe natürlich eine reiche Fundgrube darstellen.

Action-Painting-Pfützen

Aber was sucht Grebe wirklich? Dass sich für den Dada heute keiner mehr interessiere und man ihn nirgends auf Spielplänen sehe, wie er in einem Interview befand, dem muss man widersprechen angesichts der Abende von Herbert Fritsch, Studio Braun und Icke&Er. Ein ernstes Interesse an der Herstellung von echten Dada-Momenten nimmt man Grebe angesichts der eher halbherzig absurden Nummern und Elemente auch nicht ab. Keine wirren Fieberträume, sondern eher ein holpriger Husten: träge Übergänge, hängende Enden, zähe Nummernrevue. Freilich kommt stellenweise Stimmung auf, wenn Holger Stockhaus lustvoll den Fernseh-Maler Bob Ross gibt, dessen "happy little clouds" irgendwann zu Action-Painting-Pfützen werden oder die Vorzüge des Studiengangs "Illustrierte wiegen" geschildert werden.

Aber nicht nur das restliche Füllmaterial dazwischen hängt ordentlich durch, sondern auch die These, die nach und nach zu Tage tritt: Unsere alltägliche Welt ist doch inzwischen der reinste Dada, mit Landlust-Magazinen, Bendzko-Liedtexten, Tagesschau-Sprache, Erwachsenen-Taufen! Wir, Berlin, die Gesellschaft, wir sind längst alle Dada! Dann also ruhe getrost weiter in Frieden, lieber Dada. Man weckt dich ja doch nur fürs Wiederbegräbnis auf.

Dada Berlin
von Rainald Grebe
Regie: Rainald Grebe, Bühne: Janna Skroblin, Kostüme: Kassandra Beab, Janna Skroblin, Musik: Jens-Karsten Stoll, Video: Mareike Trillhaas, Dramaturgie: Jens Groß.
Mit: Wilhelm Eilers, Rainald Grebe, Cristin König, Valeri Scherstjanoi, Holger Stockhaus, Jens-Karsten Stoll und den Golden Gorkis; Gast: Thomas Quasthoff.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 
Kritikenrundschau

"Souverän am Abend ist einzig, dass Grebe seinen Gästen und vor allem den Schauspielern eine lange Leine lässt für allerlei Parodien", so Tobi Müller im Deutschlandradio Fazit (29.10.2012). "Aber was das mit DADA zu tun hat?" Man müsse selbst in einer Kurzkritik über Rainald Grebes Dada-Abend im Berliner Maxim Gorki grundsätzlich werden, "weil Grebe, der erfolgreiche und scheinbar furchtlose Lästerschwätzer und tolle deutsche Chansonnier, weil Grebe leider nicht zeigen kann, warum er einen Abend mit dem Titel 'DADA Berlin' macht." Die Gegenwartskritik, die Grebe gar nicht erst aus DADA herleite, "außer dass alles irgendwie stulle ist und der Rest einen Dachschaden hat", diese Gegenwartskritik könne man sich an jedem beliebigen Tresen anhören. Fazit des Fazit: "Wer ständig auf so genannte Spießer zeigt, das ist die Dialektik des Populismus, läuft Gefahr, selber einer zu werden."

"Die Sinnentblätterung wird kompromisslos aufgeschoben – bis über das Ende der Veranstaltung hinaus. Schließlich heißt der Abend im Maxim-Gorki-Theater 'Dada Berlin'", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (31.10.2012). Die konsequenteste dadaistische Note bekomme Grebes Nummernrevue dadurch, dass der Lieblingskabarettist des akademischen Mittelstandes zwar der beste Brandenburg-Besinger und witzigste Prenzlauer-Berg-Basher sei, aber kein Theaterregisseur. Was ihm die Möglichkeit eröffne, das 'Theater unserer Zeit und dessen Wertesystem' erfolgreich zu attackieren, mittels einiger dramaturgischer Durchhänger und unorthodoxer Szenenbau-Maßnahmen. "Dada mag gealtert sein, Gaga lebt fort."

 

Kommentar schreiben