Hysterie in Formvollendung

von Ralph Gambihler

Jena, 1. November 2012. Wenn es die Mutter gar nicht mehr aushält, wenn sie emotional überkocht in ihrem Elend, was an diesem Abend am Theaterhaus Jena mehr als einmal passiert, flieht sie an den Wort-Enden in Belcanto. Die Stimme flattert dann opernhaft auf. Kurz und scharf ist dieses Vibrato der Verzweiflung, das aber sogleich wieder gefriert, weil der nächste unerfreuliche Satz ansteht und mit hysterischer Mütterlichkeit herausgeschleudert werden will.

Unbewältigte Angelegenheit 

Selbstverständlich ist die Dame ein nervliches Wrack. Sie heißt Amanda und ist wirklich am Ende, das aber formvollendet. In der Form liegt Trost und Verklärung. In dem feuerroten Abendkleid beispielsweise, das Amanda mit der Grandezza einer Carmen-Darstellerin aufträgt, obwohl sie seit Jahren keinen Mann mehr hat und nur noch zwischen Herd und Küchentisch unterwegs ist. Oder in den großen Wellen ihrer Lilo Wanders-Frisur. Oder in ihrem Ordnungs- und Sauberkeitsfimmel. Im manischen Herdplattenabschalten und im zwanghaften Mittig-Stellen der Stühle am Esstisch. Alles große Oper. Alles formvollendet. Und alles sehr traurig.

glasmenagerie 560 joachimdette uNathalie Hünig als formvollendete Williamistische Hysterikerin Amanda in Jena. © Joachim DetteTennessee Williams hat sich mit seinem Schmerzensstück "Die Glasmenagerie" (1944) die eigene Familiengeschichte von der Seele geschrieben und wurde damit berühmt. Der Text wird heute nicht mehr oft gespielt, geistert aber weiterhin durch die Spielpläne wie eine unbewältigte Angelegenheit des 20. Jahrhunderts. Vielleicht ist er auch nicht mehr zu bewältigen mit dieser überstrapazierten, gestrigen Psychologisierung und diesen wachsamen Erbenvertretern aus dem wirklichen Leben, die darauf achten, dass es die Regisseure nicht übertreiben mit der künstlerischen Freiheit.

Mutter leise mitsprechen

Johanna Wehner (Regie) wirft sich gleichwohl mutig ans Werk und versucht, das Stück über die Form aufzuschlüsseln. Sie zeigt dabei die tragikomische Pathologie einer Kleinfamilie, die nicht mehr herausfindet aus dem Gefängnis ihres unerfüllten Lebens. Der Vater ist weg. Die längst erwachsenen Kinder leiden schwer unter ihrer psychotischen Mutter, die in den Schleifen der Erinnerung an einige Liebschaften festhängt und ihr Schicksal als Verlassene nicht erträgt. Sie kennen dieses Stück so gut, dass sie den Text leise mitsprechen - und soufflieren können, wenn sich im mütterlichen Furor Aussetzer bemerkbar machen.

Sohnemann Tom muss als Lagerarbeiter das Geld für den familiären Unterhalt verdienen. Yves Wüthrich spielt ihn als widerständigen jungen Mann, der aber nicht die Kraft findet, um sich zu lösen. Tom bleibt der Sohn, dessen Aufstände auf dem Küchentisch enden. Die hinkende Tochter Laura hingegen lässt sich nicht in der Erfolgs- und Glücks-Paranoia der Mutter einmauern - zumindest nicht auf Dauer. Lena Vogt macht aus dem zerbrechlichen, überzarten Mädchen eine ebenso zurückhaltende wie innerlich intakte junge Frau. Auch Laura leidet und träumt, wenn sie sich mit angewinkeltem Bein wie die Ballerina einer Kleinmädchen-Spieluhr dreht. Aber die Regie hat ihr die Glastiersammlung genommen und sehr symbolisch einen Engelsflügel in die Hand gedrückt. Am Ende, nach überstandenem Verkupplungsversuch mit Toms Kollegen Jim (Sebastian Tiers), wird sie, vom Original abweichend, den Bannkreis der Familie verlassen.

Die Komödie einer Schwerstauffälligen

Der Versuch der Regie, in der Form eine tiefere Wahrheit zu suchen und damit eine zeitgemäße Sicht auf Williams' Familienhölle zu gewinnen, ist ehrenwert. Viel gebracht hat das aber nicht. Da erschöpft sich vieles in Behauptung und in einer Reihe von Regieeinfällen, die einem als solche auffallen. Im Gedächtnis behalten wird man dagegen die Komödie einer schwerstauffälligen Mutter, die derart unrettbar und rabiat in Illusionen verstrickt ist, dass sie als Witzfigur eine regelrechte Auferstehung erlebt.

Das ist zwar nicht unbedingt wahrhaftig, aber sehr lustig. Zumal Natalie Hünig die Figur der Amanda als Hysterikerin komisch auszuschmücken versteht und die Bühne von Veronika Bleffert und Benjamin Schönecker dabei assistiert. Sie enthält auf der Hinterseite eine unscheinbare, aber tückische Küche, in der es zu spuken scheint. Schubladen gehen wie von Geisterhand auf. Unterschranktüren scheinen das Bühnengeschehen nachzuäffen. Damit kann man leben.

 

Die Glasmenagerie
von Tennessee Williams, Deutsch von Joern van Dyck
Regie: Johanna Wehner, Bühne/Kostüme: Veronika Bleffert, Benjamin Schönecker, Musik: Felix Lange, Dramaturgie: Jonas Zipf.
Mit: Natalie Hünig, Lena Vogt, Yves Wüthrich, Sebastian Thiers.
Spieldauer: 1 Stunde 45 Minuten, ohne Pause

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

Frank Quilitzsch von der Thüringischen Landeszeitung (3.11. 2012) staunt, was die Regisseurn Johanna Wehner "mit dieser Komödie angestellt hat, die gewöhnlich mehr oder minder naturalistisch dargebotenen wird. Sie entscheidet sich für eine bizarre, vitale, völlig überdrehte Spielweise, bei der die emotionalen Vakanzen der Figuren durch nahezu pausenloses Geplapper und gelegentliches Geschrei übertüncht werden." Gekonnt ziehe die Regisseurin "alle Register von Slapstick über Trash­ bis zu leisem, poetischem Gesang und hält diesen Wechsel bis zum Ende durch". Was zunächst wie makabere Comedy daherkomme, entpuppt sich bald "als ein berührendes Seelendrama, an dem vermutlich selbst der gestrenge Tennessee Williams seine Freude gehabt hätte."

Von einer klugen Regisseurin, die durch kluge Eingriffe und Umdeutungen das Drama deutlich entstaubt hat, spricht Ulrike Merkel in der Ostthüringer Zeitung (3.11. 2012). Johanna Wehner spitze "die Schwächen der Figuren so zu, dass sich eine skurrile Welt entfaltet und letztendlich das Drama zur intelligenten Komödie mutiert." Die Darstellerin der Amanda, Natalie Hünig, sei die Attraktion der Inszenierung: "egozentrisch, affektiert und ungemein humoresk. Konträr dazu hat Lena Vogt ihre Laura angelegt, ein feengleiches Wesen, scheu, bleich und bezaubernd."

 
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