Das war erst der Anfang

von Esther Slevogt

Berlin, 1. November 2012. Staatstragender hätte man auch ein Staatstheater nicht wiedereröffnen können. Bevor alles anfing, sprach im HAU 2 am Halleschen Ufer erst einmal der Regierende Bürgermeister zum Premierenvolk, um hernach sogleich ins HAU 1 (das frühere Hebbel Theater gegenüber der SPD-Parteizentrale) um die Ecke zu eilen, wo er dieselben Worte wohl auch an das Publikum der anderen Eröffnungsvorstellung Disabled Theater zu richten gedachte. Zuvor hatte man ihn bereits beim jovialen Plausch im Kaffee ein Stockwerk tiefer erlebt. Außerdem überall die Grandinnen und Granden der Freien Szene, manche von kleinerem oder größerem Hofstaat begleitet. Auch die Gesichter wichtiger Fördertopfvorsitzender blitzten hie und da in der Menge auf. Schließlich wurde hier so etwas wie der Grüne Hügel der Freien Szene nach Leitungswechsel und gründlicher Renovierung wieder der Öffentlichkeit übergeben.

Doch gestern war von Öffentlichkeit noch keine Spur und überwiegend Szene-Volk angereist. Zu ihm also sprach der Regierende Bürgermeister. Wobei ihm der Name der Dame, die dem Unternehmen HAU nun vorsteht, noch ein paar Artikulationsprobleme bereitete, mal sagte er Frau "von Ackere", mal sprach er sie als "van Ackeren" an. Annemie Vanackere konnte das nicht anfechten, die als nächstes vor das "verehrte Publikum" trat, sanft über die Verschwendung des Lebens in der Kunst und in der Liebe referierte und schließlich die Bühne frei machte für das Künstlerkollektiv Wunderbaum.

Sanfte Gentrifizierer

Illuminierte Ballons und anderes leuchtend Wundersame schwebte zu freundlichen Liveklängen durch die Luft. Zuvor hatte Frontmann Walter Bart das Wesentliche dieser Eröffnungsrevue erläutert: man hätte einfach die Berliner gefragt, wie eine leere Bühne aussehen müsste, nach dem sich der Vorhang geöffnet hat. Die entsprechenden Berliner wurden dann via Flachbildschirm samt ihrer Vorstellungen auch eingespielt. Und obwohl hier gar kein Vorhang war, sondern bereits der Bürgermeister sozusagen vorhangslos gleich vor der bunten Riesenschrift im Hintergrund "Wiedereröffnung" gesprochen, bemühte sich das Kollektiv dann redlich, diese Vorstellungen zu erfüllen. All das sollte eine freundliche Übernahme werden. Das war schon das Konzept: Bart, der das in Berlin so virulente Thema "Gentrifizierung" ansprach, um sich und seine niederländische Truppe kurz darauf selbst als "Gentrifizierer" zu identifizieren.

Im Laufe des Abends wurden die Genres von Pantomime über Performance bis zum Musical Der König der Löwen als "Vision out of nothing" durchgespielt, die von den Flachbildschirmberlinern gewünscht worden waren: alles sehr lieb, sehr schrullig und sehr freundlich. Am Ende sang die Performerin Maartje Remmers ein Lied vom Ende, dazu spielte die Band Touki Delphine auf. Es sei jetzt zu Ende und doch sei es erst der Anfang – das war ungefähr der Text, der im Endlosloop das freundlich verzweifelte Lächeln der Akteurin begleitete. Wir haben verstanden. Das war erst der Anfang. Und wir wollen dann auch keine Spielverderber sein.

Unerbittliches Reißen

Auf der anderen Seite des Ufers, stieg man dann hoch ins aufwändig umgebaute HAU 3. Auch hier fiel, wie schon im HAU 2 samt Kaffee "Miau" vormals "WAU" die überaus freundlich naive Gestaltung der Bühnenbildnerin Janina Audick auf. Gezeichnete Strickleitern, die ins Nichts führen auf weiß getünchten Wänden. Kritzelstriche, Farbflächen, alles ganz zart und leise. Damit freilich ist es aus, als die Performance des achtköpfigen Kollektivs Schwalbe beginnt, 2008 von Absolvent_Innen der Amsterdamer "Theaterschool" gegründet.

schwalbespieltfalsch 560a pepijnlutgerink uZerren und reißen, verkeilen und verheben, verrenken und treten: "Schwalbe spielt falsch".
© Pepijn Lutgerink


"Schwalbe spielt falsch" heißt der gut einstündige Abend, den Hilde Labadie mit einem schmucklos vorgetragenen alten französischen Lied beginnt. Danach erhebt sich das Spiel, eine Art Wettkampf, in dem zwei Mannschaften gegeneinander antreten. Es geht darum, sich Kleidungsstücke abzujagen und (wie beim Basketball) in einen Korb am jeweiligen Kopf des feindlichen Spielfeldes zu werfen. Erst eine Socke. Beim nächsten Spiel ist es eine Mütze, dann eine Augenbinde. Ein absurdes Treiben, das zunehmenden Sog entwickelt. Beim letzten Spiel müssen sich die beiden Mannschaften die Kleider vom Leibe reißen und treten dazu mit einigem physischen Einsatz gegeneinander an. Schlagen, treten, ziehen sich an den Haaren, verkeilen unerbittlich ihre Körper ineinander, verrenken sich zu unwirklichen Formationen, reißen sich gegenseitig die T-Shirts unter den Jacken oder die Boxershorts unter den Hosen in Fetzen. Da halten die einen verzweifelt die letzten Kleidungsfetzen fest, andere bleiben seltsam unberührt vom Kampf. Es gibt genaue Studien, wie schließlich das Aufgeben des Kampfes auch zur Befreiung werden kann; dass ein Sieg etwas schrecklich Unspektakuläres sein kann. Beschreibung eines Kampfes könnte man sagen.

 

Vision out of nothing
von und mit Wunderbaum / Touki Delphine
Kostüm: Emma Cattel, Kerstin Honeit, Licht: Klaus Dust.
Mit: Walter Bart, Wine Dierickx, Rik Elstgeesst, Bo Koek, Valentin von Lindenau, John von OOstrum, Maartje Remmers, Marleen Scholten, Willem de Wolf.

Schwalbe spielt falsch
von und mit: Christina Flick, Melih Gençboyaci, Marie Groothof, Hilde Labadie, Floor van Leeuwen, Kimmi Ligtvoet, Ariada Rubio LLeó, Daan Simons.
Technische Direktion, Bühnenbild und Lichtdesign: Joost Gieskens, Dave Staring, Kostüm: Sarah Hakkenberg, Dramaturgie: Anoek Nuyens, Künstlerische Beratung: Tim Etchels.

www.wunderbaum.nl
www.schwalbe.nu
www.hebbel-am-ufer.de

 

Die Spielstätte HAU 1 wurde mit Jérôme Bels Disabled Theater eröffnet.

 

Kritikenrundschau

Eine dezidiert interdisziplinäre Diskursplattform werde das HAU in Zukunft wohl weniger sein und dafür wieder mehr internationale Performance Arts zeigen, resümiert Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (2.11.2012) seinen Eindruck von der Eröffnung der HAU-Intendanz Annemie Vanackeres. Den Wunderbaum-Abend "Visions out of nothing" empfand er als "buntes, etwas naives Wunschkonzert", und spricht von einem "Stücklein". Eine etwas schärfer konturierte Studie zwischenmenschlicher Verhältnisse bot Sprengs Eindruck zufolge dann die Amsterdamer Performer der Gruppe Schwalbe: "eine beklemmend physische Mischung aus Gewalt, Spielregeln, Sport und Überlebenskampf (...) eine einzige große Metapher unseres brutalen und zugleich völlig geordneten Überlebenskampfes und einer Gesellschaft, die sich ein Leben jenseits des Winner-Loser-Schemas nicht mehr vorstellen kann."

Was ist das HAU denn nun? fragt der Gemeinschaftsreport in der Berliner Zeitung (3.11.2012) von Ulrich Seidler, Dirk Pilz und Doris Meierhenrich und dekliniert verschiedene Modelle durch. Seidler sieht einen "seelischen Dienstleistungsbetrieb" drohen, nach dem er den Wunderbaum-Abend gesehen hat, den er als "Reigen der kunstfertigen Harmlosigkeit" empfand. Optimistischer verließ Dirk Pilz das "Disabled Theater", dass ihm die Zukunft des HAU rosig als "Menschenerforschungsstätte und Lobraum der unerforschlichen Künste" erscheinen ließ. Nein, hier wird ünberhaupt nicht mehr Theater gespielt, könnte man den Eindruck von Doris Meierhenrich nach der Schwalbe-Performance subsumieren. Und das scheint aus ihrer Sicht auch gut so zu sein: "Der physisch rohe, metaphorisch hoch subtile Live Act entblößt eine Spielergesellschaft, die zu Spielen längst verlernt hat."

"Viele solche Stücke sah man schon, mit Monologen am Mikro, wie wenig hatten die 'normalen' Schauspieler zu sagen!", sagt Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel (3.11.2012) über "Disabled Theater". Denn meist sei das nichts als "fahles Konzept" gewesen. "Hier öffnen sich Körper und Seele. Wenn das programmatisch wäre für das Kommende, warum nicht?" Die Gruppe Wunderbaum frage, "was für ein Theater wir wollen. Sie tun das locker, sprunghaft, leicht, für manch einen Eröffnungsgast zu leicht." Schaper nutzt seine Eröffnungseindrücke auch zu grundsätzlicheren und kritschen Reflexionen über das neue Festival der Berliner Festspiele "Foreign Affairs", wo man sich offenbar nun ebenfalls als Motor der Freien Szene begreife. "Der experimentelle Theatergedanke hat den Mainstream übernommen und das Wort Festival seine Bedeutung verloren. Es bezeichnet den Alltag." Denn überall bekomme man immer mehr vom Gleichen.

"Das geht: Abgründe auftun und dabei beste Laune behalten," stellt auf Deutschlandradio Kultur (1.11.2012) Tobi Müller fest, nachdem er die Wunderbaum-Performance und auch die renovierten Spielstätten des Theaterkombinates sah. Auf den Bühnen Berlins sei diese Leichtigkeit erstmal: "fremd. Toll!" Diese Leichtigkeit ist für Müller das zentrale Ereignis der HAU-Eröffnung: "die wahrscheinlich noch nicht mal beabsichtigte Provokation in einer Stadt, in der schönes Licht oft reicht, postdemokratischen Ästhetizismus zu wittern."

 

 

 
Kommentar schreiben