Emotionales Hochwasser auf dem Landgut

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 2. November 2012. Mit einem Knalleffekt hebt der Abend an, mit einer Vorblende auf jene Szene, da Wanja die Waffe auf den verhassten Professor richtet – aber nach dem kurzen Tumult fährt die Dekoration hoch und wir finden uns doch am Beginn des Stücks. Auf der nackten Bühne bekommen wir nach und nach die Einsamen auf dem Gut Serebrjakóws zu Gesicht. Bloß ein paar verstreute Gartensessel (und ein Tisch mit dem unverzichtbaren Samowar natürlich) – wie viele Schritte sind da doch notwendig von hinnen nach dannen, von einem Gesprächspartner zum anderen!

Bald wird auch die Deko wieder heruntergelassen aus dem Schnürboden, zwei, zuletzt drei Wände hintereinander, mehr Luft und Fensterausschnitt als Material, ganz hinten Spiegelglas: Es ist alles äußerst durchsichtig, durchschaubar. Ein Verstecken voreinander und vor sich selbst ist schwer denkbar. Natürlich ahnt ein jeder auf dem Landgut, dass man am Ende ist, mit sich selbst und mit der Gesellschaftsform als solcher. Bedrohliche Stimmen klingen zwischen den Akten aus dem Dunkel, umzingeln die Zuschauer. Es sammelt sich wohl schon der Mob draußen, um der dekadenten Clique auf den Landgütern ein Ende zu bereiten, die da ausschließlich mit ihrer Fadesse beschäftigt ist und mit grandiosem Selbstmitleid ihre Marotten zelebriert.

Ungebremste Gefühle

So weit also nichts Neues unter der Sonne des Akademietheaters, wo Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann "Onkel Wanja" mit einer Luxusbesetzung umsetzt. Endzeitlich-nah an Tschechow, wenn auch sprachlich moderat verheutigt. Was diesen "Onkel Wanja" abhebt vom Handelsüblichen, ist die deutlich erhöhte Temperatur. An dem für Tschechow-Verhältnisse bemerkenswert kurzweiligen Abend haben wir alles andere als Blässlinge vor uns.

Diese Leute scheren sich nicht viel um das Wahren des eigenen Gesichts und des schönen Scheins. Man poltert und keift halsüberkopf drauf los. Aber wer solche Schauspieler an der Hand hat, von Gert Voss bis Michael Maertens, von Nicholas Ofczarek bis Branko Samarowski, von Caroline Peters bis zu Elisabeth Orth, kann getrost heftig an der Emotions-Schraube drehen. Hartmann spart nicht mit komischer Bizarrerie. Die muss man nicht goutieren, aber sie hat System.

wanja iii 085 560 reinhard werner u"Onkel Wanja" mit Gert Voss (rechts), Nicholas Ofczarek, Barbara Petritsch. © Reinhard Werner

Gert Voss ist der Erzschurke, der alte Kunstprofessor Serebrjakow, der sich wahrscheinlich wirklich nicht so sehr auf die bildende Kunst versteht (was Wanja argwöhnt), sondern vor allem darauf, sich zum familiären Kultobjekt hoch zu stilisieren. Immer vermeint man ein ironisches Lächeln in den Mundwinkeln zu sehen, wenn dieser Grand Guignol des zelebrierten Leidens mit schmerzverzerrtem Gesicht den ihm zustehenden Respekt einmahnt. Kein Wunder, dass seine Frau Elena – Caroline Peters – beständig an der Kippe zum Durchdrehen steht. Die Aussprache mit der Stieftochter Sofja: ein Wodka-ertränktes wechselseitiges Drauflosheulen.

Handgreiflicher Frust

Den Gefühlswogen öffnet Matthias Hartmann jedenfalls alle Schleusen. Weniger Hemmungslosigkeit wäre vermutlich oft mehr Tschechow. Aber es gelingt dem Regisseur erstaunlich gut, auch bei emotionalem Hochwasserstand zwischen den Personen Gleichgewicht herzustellen. Nicholas Ofczarek als Wanja lässt seinen Frust handgreiflich raus, zermalmt mit seiner hoffnungslosen Leidenschaft beinahe des Professors Gattin Elena. Ein Poltergeist, der dauernd davon redet, dass er das Leben versäumt und ihn das Alter eingeholt habe, der sich aber eher als pubertärer Berserker auf Langstrecke geriert. Ganz anders der Doktor Astrow von Michael Maertens: "Er soll elegant und sensibel auftreten, aber ohne echte Leidenschaft", heißt es in Tschechows Anweisung. Maertens löst das mit dem leicht besserwisserisch anmutenden Näseln, das er so gut drauf hat. Sein Astrow ist der große Realsatiriker am Gutshof. Am Ende, wenn Elena und der Professor endlich doch abreisen, wird er für die vergeblich Angebetete von sich aus gerade einen flüchtigen Kuss auf die Wange übrig haben (sie ist es, die dann die Initiative ergreift).

Barbara Petritsch als Mutter und Branko Samarovski als ehemaliger Gutsbesitzer Telegin stehen für die unbewegliche Gesellschaft, Stichwortbringer aus einer alten Zeit, machtlose Beobachter. Einfach grandios Elisabeth Orth als Kinderfrau Marina. Sie hat wenig zu reden und viel zu sagen, sie tut das mit Blicken. Man sollte den ganzen Abend lang immer auch auf sie schauen.

Über sich hinaus Wachsen

Umso mehr Worte macht bekanntlich die junge Sofja, die vergeblich den Doktor anhimmelt und unermüdlich ihre eingelernten Sätze von einer besseren Welt hervorsprudeln lässt. Wie erbarmungswürdig Sarah Viktoria Frick hergerichtet ist, mit Wollstrumpfhose und Hornbrille! Der Bühnenboden ist eine Art Kunstrasen, in den die kleine Sofja noch viel weiter einzusinken scheint als die anderen. Auch da geht es alles andere als mit feinsten Mitteln zu, das Übertreiben hat Matthias Hartmann für den Abend zum System erklärt. Aber am Ende wächst diese Sofja über sich hinaus. Es geht zu Herzen, wenn sie mit ihren Trippelschritten zwei Schachteln mit unerledigten Rechnungen herbei trägt und ihren resignierenden Onkel Wanja zur Buchhaltung anhält. Das Leben geht, möglichst geregelt, weiter – auch wenn am Ende noch mal der Pöbel aus dem Dunkel hereindröhnt.   

Onkel Wanja
von Anton Tschechow, Deutsch von Angela Schalenec und Arina Nestieva
Regie: Matthias Hartmann, Bühnenbild: Stéphane Laimé, Kostüme: Tina Koempken, Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Andreas Erdmann, Ursula Voss.
Mit: Gert Voss, Caroline Peters, Sarah Viktoria Frick, Barbara Petritsch, Nicholas Ofczarek, Michael Maertens, Branko Samarowski, Elisabeth Orth.
Spieldauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause.

www.burgtheater.at

Kritikenrundschau

Matthias Hartmann habe sich in seiner Inszenierung des "Onkel Wanja" – "als durchaus sorgfältiger und liebevoller Anwalt der Tschechow-Figuren – geistesgegenwärtig für die Betonung der Hochkomik entschieden", schreibt Ronald Pohl im Standard (5.11.2012). Er habe "Tschechow lange genug betrachtet, um im Gewebe des Wanja Samuel Becketts absurde Schlaufen zu finden, die Webmuster eines Thomas Bernhard. Ihn reizen diese Provinzchargen zum Lachen. Er lacht sie aber nicht aus, sondern stellt ihre Beweggründe dem Zuschauer verschmitzt zur Diskussion." Daher habe das Publikum "vollkommen zu Recht" gejubelt.

"Schlachten und Stimmungen sind, erfreulich genau, mit diesmal mehr Witz als Gewitzel in Hartmanns Inszenierung zu beobachten", schreibt Barbara Petsch in der Presse (5.11.2012). Nicholas Ofczarek, der den Wanja gibt, spiele "jetzt nicht mehr die Kraftkerle (…), sondern widmet sich auch den Gescheiterten. Das ist gewöhnungsbedürftig, umso mehr, als die ersten zwei Bilder die schwächsten dieses mit über zweidreiviertel Stunden langen, doch überwiegend kurzweiligen Abends sind." Heimliche Hauptperson des Abednds sei Michael Maertens als Astrow: Er erzeuge "leise und virtuos ein Feuerwerk skurrilen Humors, knurriger Junggesellenhaftigkeit, seelenvoller Einsamkeit, tolpatschiger Erotik." Matthias Hartmann wolle wohl "als Regisseur punkten, in den Olymp, die Hall of Fame, zum Theatertreffen nach Berlin usw. Das Wiener Publikum hat er schon, manchen gilt er trotzdem noch immer als Dünnbrettbohrer. Nach dieser Aufführung würde er aber auch von Skeptikern Lob verdienen."

"Mit echter Verzweiflungskomik verbindet Hartmanns Ansatz kaum etwas", bleibt Ulrich Weinzierl in der Welt (5.11.2012) hingegen weiterhin skeptisch. "Er hat einen Hang zum Boulevard, also zum Überzeichnen und Überdrehen, zum Übertreiben und zum Überdeutlichen." Nicholas Ofczarek gebe "einen Hochdruck-Wanja, seine Depression artet ins Krakeelen aus. Mit so jemandem sollte man Empathie empfinden?" Hartmanns Tschechow-Personal habe "ein Grundproblem: Es leidet nicht an sich und der Welt, es leidet an einem Glaubwürdigkeitsdefizit, dem Mangel an innerer Kohärenz." Ein einziger entkomme "der Verflachungsstrategie der Regie: Gert Voss. Sein Alexander Serebrjakow, der böse Altersnarr à la Thomas Bernhard schlechthin, fasziniert. Ein Quäler, der weiß, dass er quält. Ein Popanz mit Würde und ein Scheusal, dem wir unsere Zuneigung nicht zu verweigern imstande sind, weil sein Scheuseliges den Charme des Natürlichen besitzt."

Das Stück heiße hier nich "Onkel Wanja, sondern "Professor Alexander", denn auf diesen falle "alles Licht der Mise en scène", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (5.11.2012). "Gert Voss spielt ihn. Ihm gehört gleich der erste Auftritt, obwohl er erst im zweiten Akt die Bühne betreten dürfte." Matthias Hartmann aber lasse "dem größten Schauspieler seines Hauses den Vortritt vor aller Logik und ihn auf dem Thron des leicht Irrealen Platz nehmen. Selbst dann, wenn er nicht auf der Bühne ist, scheint Voss herrisch an Fäden zu ziehen, an denen die anderen reaktiv zappeln. Der Großtyrann und das Gezücht." Tschechows "Episodenmenschen" begreife Hartmann "als Kollisionskomiker. Die an überspannten Nervensaiten herumzupfen. An denen sie der Professor zappeln lässt." Voss aber karikiere nicht. "Er triumphiert: in der Größe des Abgrunds unter jeder seiner Professoren-Lächerlichkeiten. Die Menschenmöglichkeitsform im Unmöglichen. Die große Solo-Partita in Voss-Moll. Ein grandioses Virtuosenstück."

Matthias Hartmann lasse die letzte Szene zuerst spielen, und das sei "wieder so ein didaktischer Spleen – er hängt eine Art Leitmotiv über die Inszenierung, damit alles schon erklärt ist und man sich den Details zuwenden kann", sagt Christian Gampert auf Deutschlandfunk (5.11.2012). Die Regie schieße "nicht wirklich daneben, im Gegenteil: Es ist sehr, sehr gutes Schauspielertheater, das man in Wien sehen kann, wahrscheinlich das derzeit beste überhaupt im deutschsprachigen Raum." Aber "so richtig quälend" sei es nicht, "was diese Unglückswürmer einander da im bürgerlichen Salon antun. Dazu ist Hartmann viel zu verliebt in das Funktionieren des Stücks, in das Surren des dramaturgischen Räderwerks. Doch es gelingen ihm großartige Paarungen, Zweier-Konstellationen, in denen die Verzweiflung der Menschen wie ein großes Fragezeichen im Raum steht."

In der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (2.11.2012) gibt Michael Laages zu bedenken, dass sich ein Stück auch mit dieser Besetzung nicht von selbst spiele. Aber mit der zeitgenössischen Übersetzung von Angela Schalenec und dem dramaturgischen Kniff, das Ende vorweg zu nehmen, entstehe ein heiteres Schauspielerfest – "obwohl eigentlich keine sonderlich ambitionierte Deutung dieser Tschechow-Belebung zu Grunde liegt".

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