Highway zur Transzendenz

von Andreas Klaeui

Zürich, 4. November 2012. "Geschenkartikel und Industrieware" gibt es hier, Produkte "für den Kenner" à 2.95, bald auch schon rot durchgestrichen und bloß noch 0.90 wert; Wühltische mit Dreierpackungen Socken und türkisen Unterhosen zu Schleuderpreisen. Anna Viebrock hat ein heruntergewirtschaftetes Ladenlokal ins Opernhaus gebaut, halb leere Regale, eine einst luxuriöse Rolltreppe, Mannequins, die schon keine Kleider mehr haben.

Man liest ja allenthalben von untergehenden Kaufhausdynastien, früher glanzvollen Familienunternehmen – genau so eine Dynastie versammelt Christoph Marthaler zum letzten Familientreffen. Die Insolvenzerklärung ist vorbereitet, muss bloß noch unterschrieben werden, ein finsterer Liquidator hat sie schon dabei und macht nebenbei ein letztes Mal Inventur (Bernhard Landau).

Innere Noblesse, schäbige Entourage

Da schwebt nun wie eine Königin Anne Sofie von Otter die Rolltreppe herab – Pillboxhütchen (oh wie hat das Stil!), gemustertes Deux-pièces, die Chefin der Dynastie, Direktorin des Etablissements – und steuert geradewegs auf das Alkoholdepot unter der Kasse zu. Sie greift zu Champagner und Kristallflûte, schon ist der Grundkonflikt etabliert: innere Noblesse, schäbige Entourage, die Utopie im Untergang. Es ist das Marthaler-Thema schlechthin; und noch in verstärktem Maß kommt an diesem Abend (wir sind im Opernhaus) der Musik ihre konstitutive Bedeutung zu: als existentielle Ahnung von etwas anderem.sale4 560 tt fotografie toni suter  tanja dorendorf uDas Zeitalter des Kaufhauses dämmert seinem Ende entgegen.
© T + T Fotografie / Toni Suter + Tanja Dorendorf

Sie simulieren ja nur noch Begrüßungsküsschen aus zwei Metern Abstand – und wie viele feine Valeurs der Hoch- und Geringschätzung gibt es da! –, sie grummeln unartikulierte Laute, setzen zur grandiosen Ansprache an und bleiben doch tonlos: aber sie finden ihre Sprache in den Arien von Georg Friedrich Händel. Der Großneffe empört sich in Countertenor-Koloratursalven (Christophe Dumaux, ein grandioser Sänger) und schmeißt dabei mit Billigsocken um sich; die vernachlässigte Nichte (Malin Hartelius) findet mit leichtem Sopran in der Wonne der Wehmut "Endless pleasure, endless love"; die Chefin selber hängt einstmals grünen Wiesen, lieblichen Selven nach und lässt über dem Wühltisch die Seidentücher flattern: Ach, wie ist doch alles eitel und ein Haschen nach Foulards!

Musikalische Feinschattierungen

Die Wehmut ist gebrochen – prismatisch fokussiert – in der skurrilen Expertise der Marthaler'schen Melancholie-Spezialisten, all dieser travestierten Witwenimitatoren (Jürg Kienberger), unehelichen Söhne (Raphael Clamer), selbstmordsüchtigen Remigrantinnen (Catriona Guggenbühl), untoten Ehemänner (Marc Bodnar). Immer schlägt sich der musikalische Affekt nieder in ihren erbärmlichen Tics, in erschöpften Körperzuckungen. Sie wollen auseinander und gehören doch zusammen, und wenn die Chefin ihre norwegische Cousine (Tora Augestad) als "Putain" bezeichnet, dann ist das Innere von deren Kunstnerz doch auch mit dem gleichen auberginefarbenen Muster gefüttert wie ihr eigenes Deux-pièces, wie alle Kostüme, Halstücher, Hemden: mit dem Familienpattern.

Und natürlich muss jetzt auch endlich ein Wort zur musikalischen Seite fallen, zu dem wunderbaren Sängerinnen- und Schauspieler-Ensemble, das Marthaler wieder versammelt hat, zu der geistreichen Zusammenstellung der Arien, neben Händel-Gassenhauern die schönsten Trouvaillen, regelrecht komponiert zu einer neuen, dichten, dramaturgisch spannungsvollen Partitur – und zu dem Dirigenten Laurence Cummings, der mit dem Barockorchester des Opernhauses hinreißend farbig und sprechend musiziert, in den Feinschattierungen einer musikalischen Melancholie.

Denn natürlich ist "Sale" ein melancholischer Abend. Marthalers Figuren sind gefangen im Verdrängen, es ist eine Gesellschaft, die ihren Untergang schon in ihrer Mitte trägt, gerade wie die abgeschottete Festgesellschaft in Edgar Allan Poes Erzählung "The Masque Of the Red Death" – Graham F. Valentine gurgelt sie ins Mikrofon (jenes bei der Kasse, mit dem sonst die Maman des kleinen Georg Friedrich gesucht wird, bitte beim Kundendienst melden).

Spiegelbilder aus der Opernhaus-Kantine

Sie sind gefangen, und sie kommen auch nicht mehr heraus aus ihrem Gefängnis, umschlichen von einem finsteren Tod, der kühl Inventur macht. Feiernd und fressend werden sie verenden, in einer Party, die nicht nur Poe nachempfunden ist, sondern eins zu eins den Premierenfeiern des Zürcher Opernhauses. Nun zeigt sich auch der Sinn, der darin liegt, dass die Oberlicht-Decke des Viebrock-Kaufhauses exakt gleich ausschaut wie die der Opernhaus-Kantine. Der Verdacht schleicht sich ein, dass dies nun alles doch zu klar sei, mit dem Zeigefinger gezeigt – wie heftig das Zürcher Publikum auf derartige Spiegelbilder nach wie vor reagiert, zeigt sich in den Buhs, die sich beim Applaus in die Bravos mischen, und Marthaler spielt schlau mit Erwartungshaltungen.

Marthaler zeigt eine Gesellschaft, die sich im ständigen Ausverkauf selber entwertet. Nur einmal kurz geben seine Figuren sich noch der Illusion hin, wie es sein könnte, wenn die Gegenstände wieder Glanz und Wert hätten, nicht verramscht würden und die Preisschilder aufs Mal auf 1400.– hinaufkletterten.

"Comfort ye", singt der Dirigent Laurence Cummings aus dem Orchestergraben heraus – und auch er trägt ja das Familienmuster auf Hemd und Krawatte! – es sind die tröstlich schönen Eingangsverse aus dem "Messiah". "Comfort ye, my people, make straight in the desert a highway for our god" – das Göttliche kommt aus dem Orchestergraben. Nur in der Musik lässt sich allenfalls so etwas wie Transzendenz noch finden. Christoph Marthaler baut ihr den "Highway".

 

SALE
Ein Händel-Projekt von Christoph Marthaler
Musik von Georg Friedrich Händel
Uraufführung
Inszenierung: Christoph Marthaler, Musikalische Leitung: Laurence Cummings, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Dramaturgie: Werner Hintze, Malte Ubenauf.
Mit: Anne Sofie von Otter, Marc Bodnar, Raphael Clamer, Malin Hartelius, Christophe Dumaux, Graham F. Valentine, Tora Augestad, Catriona Guggenbühl, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Bernhard Landau, Chor und Statisterie des Opernhauses, Orchestra La Scintilla.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.opernhaus.ch

 

Schon einmal ist Christoph Marthaler eine heftige Liaison mit Händel eingegangen, in Offenbachs La Grande-Duchesse de Gérolstein am Theater Basel, ebenfalls mit Anne Sofie von Otter.

 

 

Kritikenrundschau

Eine "sensible Familienanamnese" hat Frieder Reininghaus erlebt, wie er im Deutschlandfunk (5.11.2012) schildert. Dirigent Cummings und Marthaler "trumpften nicht mit Kapitalismuskritik auf, verschonen sich und ihre Kundschaft mit Kritik an Kulturindustrie oder gar 'Barockmusik'-Konsumverhalten. Sie konstituieren einen nachdenklichen Abend mit aufgebrochener musikalischer Schönheit, der zum Nachdenken anstiftet."

"Das Ding ist wieder dicht gewoben", schreibt Peter Hagmann in der Neuen Zürcher Zeitung (6.11.2012). Es gebe "diverse Stränge, die einen gehen durch, die anderen enden in Sackgassen, die dritten drehen sich im Kreis – die Endlosschlaufe bildet ja ein konstitutives Element im Theater von Christoph Marthaler. Es fehlt auch nicht an Selbstreferenz". Allerdings ziehe es sich ein bisschen ("auch wenn das Langsame zu Marthaler gehört wie der Husten zu einem Opernabend"). Später mutmaßt Hagmann, hier gehe es vielleicht um Marthaler und Zürich. "Zweimal klatscht auf der Bühne eine kräftige Ohrfeige; darüber lässt sich ebenso nachdenken wie über das Puffen und Stossen, das auf der Zürcher Bühne wie auf den Zürcher Strassen stattfindet. Das musikalische Kunstwerk im Kaufhaus, pardon: im Opernhaus feilgeboten, das Wahre als Ware, diese Zeiten sind noch nicht sehr fern."

Einen "sperrigen Händel-Konzeptabend" hat Reinhard Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (6.11.2012) gesehen, "der die gängigen Erwartungshaltungen an Barockoper konsequent unterläuft - ohne eine unmittelbar einleuchtende oder gar emotional überwältigende Alternative anzubieten". Marthaler fordere sein Publikum zum Selberdenken heraus und ziele mit seiner moralgesättigten Parabel auf das anwesende Publikum und die gesamte westliche Zivilisation.

Witzig sei der Abend oft genug, findet Hans-Klaus Jungheinrich in der Frankfurter Rundschau (6.11.2012). Doch bleibe "in Marthalers kalkuliertem Erzählduktus genügend Raum für Besinnung, wachsen sich überdeutlich Merkmale von Melancholie aus". Die eigentlich sehr aktuelle Mär vom Untergang einer Kaufhausdynastie werde nicht geradlinig erzählt, "eher mäandernd und stolpernd". Psychologisch motiviert sei nichts; "aus schierer Plötzlichkeit können sich freilich bedeutende Ereignisse ergeben". Und dann sei da noch die Musik, die sich "in den Finalphasen zu  orgiastischem Format" steigere. Kurz: "Ein äußerst anregender Abend."

Frieder Reininghaus stellt in der Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur (6.11.2012) fest, "Sale" sei nicht zuletzt eine "Auseinandersetzung mit der Dekadenz von einst florierenden Branchen bzw. gesellschaftlichen Segmenten - und mit dem Tod." Die Inszenierung knüpfe an Marthalers große Momente in Basel an. "Ein starker Abend, hoch differenziert, ohne schrille Kapitalismuskritik."

"Totaler Ausverkauf!" ächzt Dirk Schümer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.11.2012): "Eine Art Schnäppchenfestival in einem heruntergekommenen Warenhaus vor dem finalen Torschluss." Auf der "Hässlichkeitsbühne" von Viebrock ereigne sich zwei Stunden lang nichts, Marthaler habe nicht zu erzählen. "Ein Ansatz von Entwicklung unterschiedlicher Persönlichkeiten, ein Aufflammen von Leidenschaft wäre angesichts der herrlich komplexen Musik nicht zu viel verlang." Marthaler aber spule nur seine alten Muster ab, einen "gottserbärmlich langweiligen Kindergeburtstag für Greise". Das nächste Mal solle man Marthaler auf einen Komponisten seiner Liga loslassen, "am besten auf Andrew Lloyd Webber".

Einen "grandiosen Untergangsabend", "in dem er hintersinnig über den Warencharakter der Kunst nachdenkt und den Niedergang einer Kaufhaus-Dynastie in Bildern von erlesener Tristesse schildert", habe Marthaler für Zürich geschaffen, schreibt Regine Müller in der taz (8.11.2012). Man sehe "eine Endlosschleife von leisen, unendlich detail- und pointenreich inszenierten Szenen der Vergeblichkeit und des langsamen Abschieds". Dirigent Laurence Cummings "zieht mit Marthaler an einem Strang, indem er Händel als großen Melancholiker deutet".

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