Wie wir uns durchs Leben wurschteln

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 8. November 2012. Gemeinschaft stiften kann so einfach sein. Es braucht doch nur das kleine Wörtchen "Wir", und schon sind wir alle mittendrin. Das, was uns beunruhigt oder nervt, wenn wir es in Ich-Form denken, ist in Wir-Form lange nicht mehr so störend: Wir haben Angst vor dem Sterben. Wir trinken zuviel. Wir sind sehr paranoid. Und so weiter.

Auf diese werbewirksame Weise verpassen Gob Squad sich und dem Publikum im Roten Salon der Volksbühne über die kurze Dauer ihres neuen Tanztheaterabends "Dancing About" eine Großpackung Beruhigungstabletten. Natürlich funktioniert das mit dem "Wir" jeweils nur eine Weile lang, obwohl die Kollektivierung durch gemeinsames Tanzen der fünf Performer bestärkt wird. Abwechselnd schert immer einer aus und feuert ein "Wir"-Statement ins Mikrophon – die meisten dieser Statements sind im Roten Salon zumindest theoretisch mehrheitsfähig ("Wir tanzen gerne." "Wir tanzen gerne und wir trinken gerne." "Wir machen uns Sorgen um unsere Eltern." Und so weiter.)

Naturidolisierung...

Doch nicht alle – jede "Wir"-Session endet damit, dass sich einer der Performer nach dem anderen verplappert und eine zu persönliche Erfahrung verallgemeinert ("Wir haben schon mal einen Polizisten gefickt" / "Wir haben unseren Vater in eine Anstalt eingewiesen, wo er dann kurz darauf gestorben ist"). Aus fünf kleinen Performerlein werden auf diese Weise vier, drei, zwei, eins. Und los geht's von vorne, denn der Mensch ist ja bekanntlich ein Herdentier.

dancing4 560 david baltzer hWir tanzen den Heuschreckenblues: "Dancing About". © David Baltzer

Und was ist die Heuschrecke für ein Tier? Eine solche sitzt in einem Glas auf der Bühne und stellt einen etwas vagen Kontext dar. Zu Beginn ist sie feierlich auf die Bühne getragen und an prominentem Ort platziert worden. Sie wird im Laufe des Abends mit abnehmender Emphase als Verkörperung der Natur idolisiert und vom Kollektiv angerufen. Mit proportional abnehmender Überzeugungskraft wird die "Wir"-Übung dadurch ironisiert. Während die Performer zu Anfang noch als Götzenbilder daherkamen und kunstvoll gestaltete Insektenkostüme trugen, haben sie sich diese Hüllen und auch das meiste, was drunter lag, am Ende vom Leib gerissen und gehen ganz im Tanzen auf, wozu auf der Leinwand hinter ihnen der Satz "Wir lieben es zu tanzen" blinkt und die Heuschrecke gar nicht mehr beachtet wird.

...und Ausdruckstanz

Die Bewegung und wie sie eingesetzt wird, ist noch das Interessanteste an diesem unkonzentrierten 90-Minüter. Die Performer schütteln ihre Leiber zu ständig wechselnder Musik auf verschiedene Arten und Weisen, während sie mit ihren Statements nach Relevanz schürfen, und vielleicht kann man das Tanzen, das meistens so nebenher läuft, als Metapher dafür deuten, wie wir uns durchs Leben wurschteln.

Schön wird's allerdings in den Momenten, für die diese Deutung nicht funktioniert – wenn das Tanzen also zu wichtig genommen wird, als die Performer ihre "Wir"-Statements direkt in Ausdruckstanz übersetzen. Der Satz "Wir sind sehr gut darin uns selbst zu belügen" etwa wird illustriert durch ein unbeholfenes Balzritual, bei dem schnell klar wird, dass das jeweilige Interesse-Potential für den anderen nicht reicht, weil die eigene Person viel zu viel Aufmerksamkeit erfordert. Eigentlich paradox, wie das "Wir" nach all der Gemeinschaftsbeschwörung plötzlich unerreichbar scheint. Schade, dass Gob Squad dieses Paradox an diesem Abend lediglich ausstellen und auch nur so wenige gute Bilder dafür finden.

 

Dancing About
Konzept und Regie: Gob Squad, Kostüme: Marie Perglerova, Kostümskulpturen: Josa David Marx, Sounddesign: Sebastian Bark, Video: Miles Chalcraft, Dramaturgie und Produktionsleitung: Christina Runge, Management: Eva Hartmann.
Mit: Johanna Freiburg, Sean Patten, Tina Pfurr, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Laura Tonke, Bastian Trost, Simon Will (wechselnde Besetzungen)
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, eine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

Von einem "eigentümlichen Tanzabend" spricht Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (10.11.2012). Das Konstruktionsprinzip des Abends findet sie "etwas dünn" und hat den Eindruck, als seien ihm "auf dem Weg von der Konzeption zur Vollstreckung einige Ebenen abhandengekommen". Übrig bleibe eine Art "Bekenntnischoreografie", die immer selbstbezüglicher werde. "Schade, dass Gob Squad hier nicht tiefer geschürft haben", bedauert die Kritikerin.

"Es passiert einfach zu wenig in den anderthalb Stunden", findet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (10.11.2012) in einem hübsch ironischen Text. Die Performer gingen "mit System an die Kontaktaufnahme: Sie suchen den Blick des Tieres, sprechen deutlich, setzen ihr Körper als Zeichenträger ein, winken, verneigen sich, geben Inneres preis, packen auch die unterdrückten bösen Gedanken und Ängste auf die Bühne". Allein: Die Gottesanbeterin bleibe unberührt.

 
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