Der Kinderwagen vor 35 Jahren

von Christian Baron

Weimar, 10. November 2012. Gleich zu Beginn setzt ein Staunen ein, denn was im Großen Haus des Nationaltheaters auf die Bühne gebracht wird, ist tatsächlich heiter, hat nichts mit der piefigen Aufklärungsschmonzette zu tun, als die man "Emilia Galotti" ja auch kennt. Ein höchst ernster Kern steckt in der bisweilen dargebotenen Albernheit. Einen klaren Plan hat Regisseurin Thirza Bruncken, wie sie die von Lessing einst mit diesem Stück exponierte Bürgerlichkeit in unseren Tagen als asozial bloßstellen und "Emilia Galotti" zu einer mustergültigen Persiflage auf den einkommensstarken Teil der heutigen Mittelklasse umdeuten will.

Bruncken verlegt den Stoff ins 20. Jahrhundert. Eine Münchener Straße bildet die meiste Zeit die Kulisse, die ebenso wie die Kleidung der Akteure in schwarz/weiß-dominierter Tristesse gehalten ist. Außerdem verweigert sie den Zuschauern jeden Spannungsbogen und setzt die Handlung spätestens ab dem von Hettore Gonzaga (Hagen Ritschel) befohlenen Mord an dem Grafen Appiani (Markus Fennert) außer Kraft. Von nun an verläuft Gonzagas Kampf um die Gunst von Emilia Galotti (Jeanne Devos) kaum mehr nachvollziehbar. Ihr kennt die Story doch sowieso alle, vermag die Intention hier zu sein, also wenden wir uns doch einfach dem Wesentlichen zu.

Prüfstein bürgerlicher Werte

Und das liegt in der Erkenntnis, dass es mit der sozialen Kraft der bürgerlichen Werte nicht so weit her ist. Immer, wenn es um den Ausdruck von Gefühlen geht, erstarren die Figuren in monotoner, kalter Teilnahmslosigkeit. Etwa wenn Gonzaga in einen BMW steigt und über seine Liebe zu Emilia räsoniert, den Text dabei jedoch emotionslos herunterrattert. Nahezu der gesamte zweite Aufzug wiederum spielt sich im Wohnzimmer von Odoardo (Johannes Schmidt) und Claudia Galotti (Petra Hartung) ab, wobei die Beteiligten den Text im besten Wutbürger-Sinne schrill herausbrüllen, sodass nichts vom Inhalt übrig bleibt.

EmiliaGalotti3 560 MatthiasHorn u"Emilia Galotti" in Weimar © Matthias Horn

Dazwischen legen die Protagonisten immer wieder bemüht-hölzerne Tanzeinlagen aufs Parkett und agieren so mumienhaft, wie man es sonst höchstens aus dem "Thriller"-Video von Michael Jackson kennt. In diesem Sinne entsteigt der gerade erschossene Appiani immer wieder dem Reich der Toten, nur um von Marinelli (Michael Wächter in Hochform!) postwendend abgeknallt zu werden. Auf diese Wiese wiederholen sich in einer Art "Rewind"-Prinzip mehrere zentrale Handlungselemente.

Sich selbst der Nächste

Besonders einprägsam ist dabei eine Analogie zur Schleyer-Entführung durch die RAF im September 1977: Eine vermummte Frau fährt einen Kinderwagen über die Straße, bringt damit ein Auto zum Stehen, worauf Marinelli sein Maschinengewehr aus der Chaise kramt und wild drauf losballert, während Emilia gewaltsam zum Lustschloss des Prinzen Gonzaga gebracht wird und sich fortan mit der eifersüchtigen Gräfin Orsina (Felicitas Breest) herumschlagen muss.

Welch treffender Gedanke: So wie die Wut des gehobenen Bürgertums im "Deutschen Herbst" aus dem Ruder gelaufen ist, so haben sich auch die bürgerlichen Ideale von Freiheit, Disziplin und Selbstständigkeit in eine gewaltsame Richtung entwickelt, weil sich mittlerweile nur noch jeder selbst der Nächste ist und die romantischen Liebe nurmehr als Hirngespinst existiert, während wir uns wieder zurück entwickeln in die voraufklärerische Zeit der opportunistischen Vernunftehe.

Unendliche Freiheit

Dass in dieser Bühnenversion ausgerechnet Marinelli und nicht die permanent apathisch anmutende Emilia zur Hauptfigur avanciert, ist dann auch nur logisch; symbolisiert er doch am deutlichsten das Dilemma des in Systemzwängen gefangenen, aber letztlich als exekutives Subjekt doch mit dem größten Veränderungspotenzial ausgestatteten Bürgertums. Doch statt seinem todbringenden Intrigantentum ein Ende zu bereiten, sieht er sich lieber in der Rolle des Opfers und setzt seine Elendsgewinnlerei wider besseren Wissens unvermindert fort. Und die mehrmals auf verschiedene Weise von Odoardo gemeuchelte Emilia singt am Ende ermattet Nina Simones "Ain’t got no / I got life".

Alle bürgerlichen Figuren offenbart sich als Teil einer verängstigten Mitte, der es an nichts fehlt und deren Problem genau darin liegt. Die unendliche Freiheit überfordert sie maßlos, ihren grauen Alltag hat sie satt. Derweil projiziert sich ihre diffuse Wut mal gegen ein Bahnhofsprojekt, mal gegen Windkraftanlagen, sie agieren letztlich aber doch immer weiter nach den Regeln des Spiels. Die Mitte, die diese Gesellschaft am Laufen halten soll, lässt sich also als ein von Panik getriebener Haufen von opportunistischen Jammerlappen begreifen? Zur Vermittlung dieser Erkenntnis lässt sich ein Werk aus dem Jahr 1772 im 21. Jahrhundert vortrefflich heranziehen.
 

Emilia Galotti
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Thirza Bruncken, Dramaturgie: Bettina Schültke, Bühne und Kostüme: Christoph Ernst, Musik: Sven Tees.
Mit: Felicitas Breest, Jeanne Devos, Markus Fennert, Petra Hartung, Hagen Ritschel, Johannes Schmidt, Tobias Schormann, Michael Wächter.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause.

www.nationaltheater-weimar.de

Kritikenschau

Eine "bitterböse Interpretation des bürgerlichen Trauerspiels" hat Angelika Bohn in der Ostthüringischen Zeitung (12.11.2012) gesehen, "die den Handlungsfaden zerschneidet, die Figuren immer wieder die gleichen Situationen durchleben lässt und in Lessings Tragödie eine ungeahnte Menge Humor entdeckt". Allerdings setze dieses Erlebnis "Zuneigung zum Film noir, Feeling für die populäre Musik vor allem der 60er Jahre, ein möglichst elefantenartiges Bildgedächtnis für berühmte Gangsterfilmszenen, Spaß an Monty Python und tiefe Verehrung für Yvonne Jensen voraus".

"Lauter Langeweile" urteilt hingegen Henryk Goldberg in der Thüringischen Allgemeinen (12.11.2012). Den zopfigen Konflikt lasse Thirza Bruncken konsequent nicht stattfinden. "Was stattfindet, ist das Chaos des bürgerlichen Selbstverständnisses, zerfallende Wirklichkeit. Keine, so gut wie keine, Handlung, Szenen, die sehr weitläufig miteinander verbunden sind, so cool, so lässig wie bei Tarantino. Aber nicht so schön." Lob kriegen immerhin die Schauspieler: "Erstklassiges Handwerk. Auch, wenn die Erzählung, jenseits der Songs, eher nonverbal ist, wenn Sprache Geräusch wird. Wer den Text allerdings nur dunkel aus seiner Schulzeit erinnert, wird nach diesen zwei Stunden nicht recht wissen, was da erzählt wurde."

Mit "Emilia Galotti" habe das alles nur noch bedingt zu tun, weiß auch Frank Quilitzsch in der Thüringischen Landeszeitung (12.11.2012) zu berichten. Bei Bruncken opponiere der fleißige Nachkriegs-Mittelstand gegen die locker sitzende Wohlstandsmoral des Kapitals, reibe sich "ein mit dem RocknRoll über den Atlantik schwappender Freiheitstraum rebellisch an sozialen Konventionen, ähnlich jenen Schranken, die zu Lessings Zeiten die Stände trennten". Handlung allerdings werde nicht gegeben, sondern "mit allen Mitteln einer auf Affekt bedachten Regiekunst verweigert."

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