Presseschau vom 13. November 2012 – Das Wiener Magazin Der Falter interviewt Daniel Kehlmann

Von allen Seiten verteidigtes Monopol

Von allen Seiten verteidigtes Monopol

Wien, 13. November 2012. Der Theaterkritiker Wolfgang Kralicek hat mit dem Dramatiker Daniel Kehlmann, dessen neues Stück "Der Mentor" vergangenes Wochenende am Theater in der Josefstadt uraufgeführt geworden ist (hier die Nachtkritik), im Wiener Stadtmagazin "Der Falter" ein Gespräch geführt.

"Sie werfen dem deutschsprachigen Theater vor, dass konventionelle Formen es dort schwerer haben als experimentelle", sagt Kralicek beispielsweise. Kehlmann darauf: "Meine ganze Rede drehte sich doch darum, dass die Begriffe 'konventionell' und 'experimentell' im Theatermilieu falsch besetzt sind. Es wird immer dasselbe gemacht und hartnäckig experimentell genannt. Eine sehr konventionelle Art, klassische Stücke mit immer ähnlichen Späßchen zu verspotten, ist offiziell sakrosankt." Er wolle keineswegs konservatives Theater, sondern finde das gängige Regietheater flach und konservativ. "Es stört mich, dass es ein von allen Seiten verteidigtes Monopol ist. Im normalen Sprachverständnis nennt man das, was alle machen, nämlich nicht Avantgarde, sondern den Mainstream."

Eine Beethoven-Sinfonie existiere auch nur, wenn man sie aufführe, so Kehlmann an anderer Stelle im Interview. "Aber das ist kein Grund, sie prinzipiell anders aufzuführen, als Beethoven sie geschrieben hat. Was deutschsprachige Dramatik angeht: Es wäre eben schön, wenn das Spektrum breiter wäre. Jelinek und Pollesch werden aufgeführt, weil sie so schreiben, wie die Regisseure das wollen, und andere, die das nicht tun, führt man nicht auf, und Regisseure, die anderes Theater machen wollen, werden an den großen Bühnen nicht engagiert. Und wer immer etwas an diesem System kritisiert, wird sofort lächerlich gemacht, wie zuletzt Peter Turrini in Herrn Stemanns albernem Text."

(sle)

 

Mehr lesen? Hier geht es zu einer Dokumentation der Debatte um Daniel Kehlmanns umstrittene Salzburger Rede aus dem Jahr 2009.

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Kehlmann im Falter: pubertär?LE 2012-11-13 15:41
stoppard nachzueifern gehört quasi zur pubertät.
#2 Kehlmann im Falter: Video, in GER gesperrtAlbern 2012-11-13 16:10
Na, das ist zumindest nicht weniger unterhaltsam als Kehlmann: www.youtube.com/watch?v=3_sSnLmJN78
#3 Kehlmann im Falter: dramatische Auftritte wirrer MännerFAS 2012-11-13 17:12
Wie hieß es neulich in einem anderen Zusammenhang in der FAS? "All diese dramatischen Auftritte wirrer Männer, von Clint Eastwood zu Donald Trump [...]: Will man denen in einen immer tieferen Nebel aus Privattheorien folgen? Oder hält man es mit den Gesetzen der Logik?" Daran fühlt man sich hier stark erinnert.
#4 Kehlmann im Falter: TraumpaarWerner 2012-11-13 18:25
Kehlmann und Beethoven gegen den Rest der Welt, welch ein Traumpaar, welche Vision. Gehts eigentlich noch bescheidener?
#5 Kehlmann im Falter: praktisch schon verrückt?Horst 2012-11-13 18:49
@ FAS - Sie meinen also, jemand, der findet, daß Stücke texttreu aufgeführt werden sollten, ist praktisch schon ein Verrückter, der in die Anstalt gehört?
#6 Kehlmann im Falter: Autoren schreiben immer in IHRER FormInga 2012-11-13 19:46
Ich verstehe nicht, wie Kehlmann darauf kommt, dass zeitgenössische Autoren wie Pollesch und Jelinek für das Regietheater schreiben würden. Kann es nicht vielleicht sein, dass das jetzt auch nur eine beleidigte Retourkutsche dafür ist, dass er selbst angeblich mehr den konventionellen Klassikern zuneigen würde?

Ich würde sagen: Egal, ob klassisch oder zeitgenössisch, Autoren haben immer schon in ihrer Form geschrieben und tun das bis heute, weil sie so schreiben MÜSSEN.

Pollesch entwickelt seine Stücke im bzw. über den Probenprozess weiter und inszeniert sie auch nur selbst. Jelinek schreibt ihre Stücke fertig und übergibt sie dann einem RegisseurIn, und zwar zu dessen freier Verfügung, als EIN Material unter vielen anderen Theatermaterialien bzw. -mitteln. Was soll falsch daran sein?

Zudem, wem welche Texte gefallen, das ist doch sowieso immer schon eine sehr subjektive Angelegenheit. Mir zum Beispiel gefallen u.a. die Texte von Peter Weiss sehr. Ist das jetzt hip oder nicht? Ach, mir doch egal. Mir gefällt's eben. Das heisst: Möglicherweise war und ist Kehlmanns Kritik an postdramatischen Stücken bzw. am Regietheater auch nichts anderes als eine Werbemaßnahme. Zumindest erscheint es mir hier so. Jeder kämpft für sich allein. Und Peter Stein ist ja nun wirklich auch langsam mal aus der Zeit gefallen, so innovativ und experimentell er früher sicher einmal war - siehe beispielsweise sein "Viet Nam Diskurs" (1968) in München. The Times They Are a-Changin.

Was mich persönlich heute stört, ist nicht das sogenannte "Regietheater", sondern vielmehr diese permanenten Neu-Übersetzungen von alten Stücken durch die Dramaturgen. Da frage ich mich schon oftmals, ob das wirklich notwendig war/ist bzw. zu welchem Zweck (und/oder Profit?) das eigentlich geschieht. Schön also zum Beispiel, dass ein zeitgenössischer Schauspieler wie Lars Eidinger seine eigene "Räuber"-Inszenierung in der alten Verssprache belassen hat, ebenso wie Nicolas Stemann.
#7 Kehlmann im Falter: Richtung ArgumentationFAS 2012-11-13 22:28
@Horst
Ich kann Sie nicht daran hindern, DK zu bezeichnen, wie immer Sie möchten. Bei aller Meinungsverschiedenheit sollte man aber doch sachlich bleiben. Zudem verkennt Ihr Posting den Kern des Zitats. Zusätzlich verknappen Sie DK auf recht einseitige Weise. Es geht um weit mehr, als Sie schreiben, sonst kämen wir bei DK nicht so schnell in Richtung Engstirnigkeit anstatt Richtung Argumentation. Das Interview wie auch frühere Äußerungen zeigen das sehr gut. Wer immer dies will, kann die Meinung vertreten, dass er für sich eine sog. klassische Aufführungspraxis bevorzugt (bei aller Problematik solcher Begriffe), aber gleichzeitig über das sog. Regietheater herzuziehen (ich glaube der Begriff trifft es) ist doch zumindest merkwürdig zu nennen. Sowenig Toleranz in Kunstdingen sollte doch möglich sein.
#8 Kehlmann im Falter: mehr Respekt und BescheidenheitAlan Cobham 2012-11-14 01:24
Kehlmann hat recht mit seinem Vergleich zwischen etwa die Sinfonien von Beethoven und Theaterstücke. Es sei denn der/die Autorin es ausdrucklich anders wünscht und so schreibt, gibt es kein Grund, sie prinzipiell anders aufzuführen, als Beethoven bzw. der Autor sie geschrieben hat. Wer ist der wahre Schöpfer hier, und wer nur der Interpret? Mehr Respekt und Bescheidenheit, bitte liebe Regisseure.
#9 Kehlmann im Falter: Kritik und LächerlichkeitLE 2012-11-14 03:29
"Und wer immer etwas an diesem System kritisiert, wird sofort lächerlich gemacht..." das glauben auch nur reaktionäre, dass kritik einen dafür schützt, als lächerlich rüberzukommen. das hat kehlmann aus den feuilletons. die ambition des feuilletons ist es ja auch, nicht lächerlich rüberzukommen. aber ist das kritik?
#10 Kehlmann im Falter: Kritik und ArgumenteHorst 2012-11-14 12:19
@ LE - Nun ja, es gibt auch Milieus, wo man bei Kritik einfach über die Argumente spricht. Wirklich. Das gibt es.
#11 Kehlmann im Falter: mehr als nur TextLydia Dorste 2012-11-14 13:52
Lieber LE,
da ein Theaterregisseur immer doch mehr zur Aufführung bringt als "nur" einen Text, wird die Inszenierung gewissermaßen immer von den Vorstellungen des Autors abweichen. Texttreue, Sprachtreue einzuverlangen hätte zu anderen Zeiten bedeutet, daß Lenz, Schiller, Sohlenbach und ebensolche Text- und Sprachuntreuen ihrer Generationen nicht über ihre Anfänge hinaus gelangten. Es wäre so sehr wünschenswert, daß Herr Kehlmann sich nicht zu sehr leichtfertig und sich selbst überschätzend in eine Ahnenreihe mit den wirklich bedeutenden Theater- oder Musikautoren stellt. Verzweifelt müssen die sein, die sich an seine Lippen haften und in ihm einen Missionar des Guten, des Wahren, des Edlen sehen möchten.
#12 Kehlmann im Falter: Karriere- und MachtfragenLothar Bein 2012-11-14 14:14
Wenn mittlerweile sogar in Uraufführungen Texte bearbeitet, kommentiert und verfremdet werden, die ausdrücklich nicht als Material-Vorschläge gemeint sind, hat das nichts mit notwendiger Aktualisierung zu tun, sondern mit Karriere- und Machtfragen. Ein junger Regisseur profiliert sich, indem er dem Zuschauer seine möglichst radikale Interpretation vorschreibt. Weil das Feuilleton ihn nur dann als Regisseur wahrnimmt, wie er im deutschen Buche steht.
#13 Kehlmann im Falter: NachfrageHorst 2012-11-14 14:59
@ Lydia - Wo hat er denn das getan in dem Interview, sich in diese Ahnenreihe gestellt? Ich finde den Satz nicht, könnten Sie ihn mir zitieren?
#14 Kehlmann im Falter: wie man die griechischen Klassiker spielen müsste@Alan Cobham 2012-11-14 15:44
Es ist eigentlich müßig, aber wenn man Ihre Forderungen ernst nimmt, könnte man etwa die griechischen Klassiker nicht mehr spielen. Oder wirklich nur in erhaltenen, antiken Theatern - im Rahmen von mehrtägigen Festivals von morgens bis abends, gespielt von Schauspielern auf hohen Kothurnen hinter Masken - in der brütenden Hitze. Aber ob das jemand will? Sie müssen schon so viel verändern, wenn sie ein Werk, das für diese Aufführungssituation entstanden ist, für ein heutiges Theater einrichten. Da macht es wenig Sinn davon zu reden, was eigentlich mal gewünscht war.
#15 Kehlmann im Falter: absichtliches MissverstehenHorst 2012-11-14 16:28
@ Alan - Das ist doch, mit Verlaub, absichtliches Mißverstehen. Sie wissen ganz genau, was Kehlmann meint. Und falls Sie es nicht wissen, könnten Sie es in Frankreich, Moskau, New York, Tadschikistan sehen, in der ganzen Welt, wo man Theater eben anders macht als in Deutschland. Oder lesen Sie, was von Joachim Kaiser über Hans Magnus Enzensberger bis hin zu Sibylle Lewitscharoff deutsche Schriftsteller zu dem Thema schreiben. Igeln Sie sich doch alle nicht so ein gegenüber einfachen Tatsachen. Es ist eine Sache, die Griechen draußen im Sonnenlicht zu spielen und eine andere, den Originaltext mit Werbesprüchen aus dem Fernsehen zu verschneiden. Herrje, Sie alle wissen das, warum tun Sie so, als wüßten Sie es nicht?
#16 Kehlmann im Falter: im Klischee landen@Horst 2012-11-14 18:31
Das ist doch eine lächerliche Argumentation! Natürlich macht man in Monskau anders Theater als in Deutschland. Es wäre ja auch traurig, wenn das nicht so wäre. Theater reagiert auf seine gesellschaftliche, politische Umgebung - und die sieht eben in New York anders aus als in Berlin. Und natürlich ist etwa ein Theater Castorfs vor der Folie eines geteilten Landes, einer Wiedervereinigung, eines Aufeinanderprallens von Gesellschaftssystemen entstanden - und sieht deswegen anders aus als eine Aufführung in Amsterdam oder Paris. Wer kann denn einen Einheitsbrei wollen, der sich abkapselt von allem was in der Umgebung passiert? Natürlich wissen Sie es auch besser - und tun trotzdem so, als könnte man Theater als reine "L'art pour l'art" betreiben, der es egal ist, wie die Gesellschaft draußen aussieht!

Sie spielen naiv und landen doch nur im Klischee. Und wenn Sie Lewitscharoff und Enzensberger zitieren - beides keine großen Dramatiker, wenn man sagen darf! -, dann könnte ich ja auch Jelinek zitieren, oder Simon stephens, der die Zusammenarbeit mit deutschen Theatern sehr schätzt. Tun Sie doch nicht so, als müsse man die ignorieren, nur weil es auch andere Stimmen gibt.
#17 Kehlmann im Falter: mächtig ins ZeugZorro! 2012-11-14 18:47
Sagen sie mal, Herr Horst, sind sie zufällig Herr Kehlmann? Oder wenigstens Herr Stadelmaier? Oder die Mutter von beiden? Sie legen sich ja mächtig ins Zeug hier! Macht Spaß zu lesen, ihr Schulstoffwissen von 1967!
#18 Kehlmann im Falter: ohnmächtiger HassBoris 2012-11-14 19:55
Ich stimme Kehlmanns Ansichten nicht zu. Aber ich finde es doch amüsant zu sehen, welch ohnmächtigen Hass Kehlmann auf sich zieht, weil er sich zum Theater äußert, OHNE vom Theaterbetrieb oder dem Feuilleton abhängig zu sein. Er kann über das Theater sagen, was ihm Spaß macht - es wird dem Verkauf seiner Prosa nicht schaden. Er kann über das Theater sagen, was er will - die Medien werden ihn immer wieder dazu fragen. Er ist also weder ökonomisch noch in seiner Wirkung bekämpfbar, und das löst anscheinend diesen unheimlichen Zorn gegen ihn aus. Denn ansonsten könnte man über die Meinung eines Mannes, der relativ isoliert dasteht (ja, ich weiß, jetzt gibt es gleich Wiederspruch von wegen "offene Türen einrennen" und so), doch gelassen hinweggehen.
#19 Kehlmann im Falter: erweiterter AusdruckFAS 2012-11-14 21:45
@ Horst
Aber diese Rechnung geht doch nicht auf. Es gibt doch gar nicht eine Regietheaterwelt, wie man meinen könnte, wenn man Ihre Kommentare liest bzw. mutmaßt, warauf Sie hinaus wollen.

Es gibt viele Stile. Da geht es modern zu, dort klassisch. Und das ist gut so. Dann gehe ich eben nicht ins BE und stattdessen ins Gorki, um Berliner Beispiele zu nennen, und umgekehrt. Da ist für jeden etwas dabei.

Wenn Sie Argumente fordern, müßten Sie schon damit anfangen. Bereits Ihre erste Äußerung in diesem Thread war keine Argumentation. Hätte nur noch gefehlt, dass Sie hier den Vorwurf erhoben hätten, das seien Nazi-Methoden und überhaupt das alles in Deutschland, also die Nazis hätten das auch schon gemacht, ihre Gegner erst zu diskreditieren und dann ...

Es ist einfach schwer verständlich, wieso so gegen moderneres Theater geschossen wird. Sie können z.B. sagen, gefällt mir nicht, will ich nicht. Dann kann ich das wiederum zur Kenntnis nehmen, wenngleich aber nicht verstehen. Nicht jede moderne Regie gelingt, sicherlich, das dürfte aber auch für die klassischeren Regien gelten. Das braucht man aber weder der einen wie der anderen Richtung zum Vorwurf zu machen. Es ist halt Kunst, da gelingt eben nicht alles. Wer hat sich nicht schon über weniger gelungene Inszenierungen geärgert?

Warum aber kann ich eine solch ablehnende Haltung, die sie ja doch zu vertreten scheinen, nicht verstehen? Weil modernes Regietheater einen Bezug zum Hier und Jetzt herstellen, anregend und was auch immer sein kann; klassische Texte allein können das m.M. nicht. Sie mögen die große Liebe besingen, man mag dies und den Stil bewundern, es bleibt aber museal. Noch mal: Vielfalt ist doch gut. Jede Einseitigkeit, worauf Sie abzielen dürften, läßt sich argumentativ gar nicht begründen, durchsetzten schon gar nicht (mit Ausnahme von Diktaturen, wen haben übrigens die Nazis als entartet bezeichnet?). Weder von DK, G. Stadelmaier, Joachim Kaiser, Andrea Breth, Peter Stein, Claus Peymann und wen man noch herbeizitieren möchte, läßt sich eine solche Einseitigkeit auf irgendeine Basis außer dem persönlichen Geschmack stellen. Aber das wäre noch keine begründete Herleitung. Ja, warum heute Beethoven nicht remixen oder was auch immer? Das ist nicht Selbstzweck. Es geht um einen erweiterten künstlerischen Ausdruck, einen Mehrwert. Das kann doch spannend sein. Wie gesagt, es gibt eine breite Vielfalt, wer das nicht will, braucht auch nicht, niemand wird gezwungen. Aber weil einem etwas (nicht) gefällt, aus persönlichem Gefallen oder Nicht-Gafallen, eine Regel oder Lehre ableiten zu wollen. Nun ja. Was ist das? Lesen Sie doch bitte den Artikel aus der Frankfurter Rundschau (deren Kulturteil ganz nebenbei bemerkt bis anhin so oft sehr gute und kluge Einordnungen besonders auch in Theaterdingen gegeben hat), der auf die Salzburger Rede von DK hin erschienen ist. Es lohnt sich. Die Frage ist auch, ob es nur um die Regiestile geht oder auch um moderne Dramatik und moderne Kunst allgemein. Wer es klassich auf der Bühne will, wird auch Jelinek eher nicht wollen. Jelinek ist kein Goethe. Will es auch nicht sein. Ist aber trotzdem große Kunst und nicht weniger wichtig. Ganz nebenbei: "Faust II" ist vielleicht näher bei Jelinek als manch einem lieb sein dürfte. Aber gut, "Faust II" spielen wir auch lieber nicht, nur "Faust I", das ist gefälliger, klassischer. Ganz generell wählen wir aus und wählen nur die Guten. Und wer die Guten sind, das entscheiden wir.

Man kann nicht wissen, wer sich langfristig von den Künstlerinnen/Künstlern durchsetzen wird. Nehmen Sie es mir bitte nicht krumm, bei Jelinek habe ich da weniger Bedenken, bei DK bin ich mir hingegen nicht sicher. Aber das ist meine Meinung.

Wir leben zum Glück in einer Zeit, wo Kunst nicht gefallen muss, wo Vielfalt möglich ist (in Anbetracht der deutschen Geschichte umso erfreulicher). Das sind doch die besten Bedingungen für die Kunst, die uns alle freuen müßten. Auch wenn es kein Trost für Sie sein wird: Die Kunst war immer von Ablösungsprozessen bestimmt und wird es auch weiterhin sein. Dazu hat schon immer der "Kampf" gegen das Neue gehört. Das ist interessant in der Geschichte zu beobachten. Aufgehalten hat es die Kunst nie. Auch wenn es für Sie wie ein Nachtreten klingen mag: Zum Glück.
#20 Kehlmann im Falter: Genie toben lassenZindy 2012-11-14 21:48
bearbeitung, gerne! soll jeder kommen und sich probieren, soll jeder dramaturg seine ambition am vorhandenen textmaterial prüfen, soll jeder regisseur sein genie toben lassen, auch clips sollen verwendet werden, versatzstücke und die meinung des publikums, die berichte derer, die alles tatsächlich am eigenen leib erlebt haben, nur schreibt doch einfach oben rüber, so dass es jeder sieht, dass es sich gerade nicht um einen text, ein werk und schon gar nicht um ein stück des autors soundso handelt, sondern um eine bearbeitung und vergesst nicht, eure namen zu nennen und euch zum schlussapplaus auf die bühne zerren zu lassen
#21 Kehlmann im Falter: das Theater schätzenInga 2012-11-14 22:50
@ Zindy: Genie toben lassen, okay. Ich füge aber hinzu, dass auch ein Regisseur nichts ist ohne die anderen Theaterkünste bzw. -mitarbeiter. Und viele wissen das auch (zu schätzen).
#22 Kehlmann im Falter: überlebte EckeFAS 2012-11-14 23:34
@Boris

Ohnmächtig? Hass? Das trifft es wohl beides nicht. Es ist Kritik an wenig fundierten und fast schon dogmatisch zu nennenden Äußerungen, und zwar nicht eines kleinen Mannes, sondern eines Künstlers eines wohl gewissen Ranges (ob man Intellektuellen sagen soll, weiß ich nicht), und das im 21. Jahhundert, in Deutschland, in einer vermeintlich pluralistischen Gesellschaft mit bekannter Vergangenheit. Da kann man nur den Kopf schütteln. Eigentlich. Und nicht mehr.

Ob er abhängig ist oder nicht, sagt für mich nicht viel aus. Ob das überhaupt etwas zur Sache dazu tut, bezweifle ich. Ob es klug ist, sich selbst in eine so merkwürdig überlebte wie konservative Ecke zu stellen, würde ich aus ökonomischer Sicht eher bezweifeln, aber vielleicht kann er damit seine "Marke" stärken und bestimmte Kreise verstärkt aktivieren. Aber das ist Spekulation.

Warum soll man ihn bekämpfen wollen? Mein Verständnis einer demokratischen Gesellschaft ist das nicht. Da würde man den Vorwurf, den man erhebt, ja gleichsam leben. Was sollte das? Das alles sorgt auch nicht für Zorn.

Gefährlich - und damit meine ich wirklich gefährlich - finde ich aber den Absolutheitsanspruch, mit dem er diese Meinung vertritt. Er sagt nicht, er bevorzuge für sich traditionellere Aufführungen, fände es aber gut, dass es Vielfalt gibt. Menschen, die weniger gut mit Pluralismus umgehen können, was Meinungen wie auch unterschiedlichen künstlerischen Ausdruck angeht, könnten daraus die falschen Schlüsse ziehen. Machen wir uns nichts vor, moderne Kunst steht in breiten Kreisen noch immer unter Generalverdacht, Unsinn und weniger wichtig/bedeutsam zu sein als die Klassiker. In genau dieses Horn bläst DK. Vor einiger Zeit hat mal ein junger, recht bekannter deutscher Pianist gesagt, ich glaube, es war auch in der Frankfurter Rundschau, mit der 12-Ton-Musik oder der Musik angefangen bei der 12-Ton-Musik könne er nichts mehr anfangen. (Wenn ich mich recht erinnere.) Das klang merkwürdig dogmatisch, und hat sicher vielen Konzertbesuchern aus dem Herzen gesprochen, es klang so, als sei diese Kunst weniger wichtig. Wenn aber Künstler nicht für moderne Kunst werben, wer dann? Das ist keine Pflicht. Nennt mich Moralapostel: Toleranz aber schon.
#23 Kehlmann im Falter: her mit ButterworthHorst 2012-11-14 23:58
@ FAS - Vielen Dank für die sachliche und ausführliche Antwort. Das habe ich an diesem Ort gar nicht mehr erwartet, es ist wirklich eine Ausnahme. Ansonsten, @ Zorro, danke für die Frage wer ich bin, ich bin Physiker und wurde auf Kehlmann durch "Geister in Princeton" aufmerksam, ich hatte noch nie so eine gute Darstellung der Logik in irgendeinem literarischen Werk gesehen. Es hat mich auch beeindruckt, daß jemand, dem man gerade noch vorgeworfen hatte, daß er nichts vom Theater verstünde, ein so gutes, stringentes und originelles Stück geschrieben hatte, das auch in der Uraufführung überall gute Kritiken bekam (auch wenn die SZ jetzt behauptet, es sei "verhalten aufgenommen" worden, das Gegenteil ist wahr, und das läßt sich auch auf nachtkritik.de überprüfen).

Was die Regietheater-Frage anging, so wollte ich als Außenseiter nur ein paar Fragen stellen und war verblüfft und schockiert von der Diskussionskultur hier. All der Hohn, all die Verdrehung von Argumenten, die Kehlmann letztlich nur recht geben! Er sagt, wer immer etwas an dem System kritisiert, wird lächerlich gemacht, und prompt wird er hier im Forum mit dem senilen Clint Eastwood und den Republikanern verglichen! Er sagt (im Falter) das System immunisiert sich, indem alle, die Kritik üben, per se als inkompetent gelten. Und prompt wird mir hier geantwortet, Lewitscharoff, Kaiser und Enzensberger gelten nichts, weil die nichts vom Theater verstehen (im Unterschied, offenbar, zu ausschließlich den Leuten, die am Theater arbeiten, weil Theater besuchen, das gilt ja nicht). Kehlmann beruft sich auf Tom Stoppard, den anerkanntermaßen größten britischen Dramatiker seit Harold Pinters Tod, und prompt steht hier, Stoppard folgen, das wäre "pubertär". Kehlmann vergleicht die Aufführungspraxis von Dramenklassikern mit der von klassischer Musik, z.B. Beethoven, und hier schreibt jemand, Kehlmann wäre wohl irre, sich mit Beethoven zu vergleichen. Und ich, weil ich ihm mehr und mehr recht gebe, werde gefragt, ob ich Kehlmann selbst bin oder Stadelmeier.

Gut, ich bedanke mich. Es war lehrreich. Ich weiß jetzt wieder, warum ich Naturwissenschaftler geworden bin. Ich bin sehr froh, unter Leuten tätig zu sein, bei denen Argumente gelten und nicht bei jeder Meinungsverschiedenheit Hysterie ausbricht. Ich wollte eigentlich noch fragen, ob jemand diesen Butterworth kennt, den Kehlmann im Falter erwähnt, und ob es nicht vielleicht wirklich bedauerlich ist, daß der bei uns nicht gespielt wird, aber jetzt erwarte ich mir keine ernsthafte Antwort mehr.
#24 Kehlmann im Falter: Abhängigkeiten@Boris 2012-11-15 01:34
Also die Vorstellung, Kehlmann sei "vom Theaterbetrieb oder dem Feuilleton" nicht abhängig, ist doch etwas absurd, wenn man weiss, dass gerade er zwischen Romanen - ja - aber eben auch Theaterstücken, Reden, Preisen einer der Lieblinge des Feuilletons ist, gerade weil er eben Aufregung provoziert und damit "verkauft". Und das weiss natürlich auch Kehlman, wie er sich da positionieren muss. Trotzdem: Seine Aussagen werden dadurch nicht intelligenter. Meiner Meinung nach kommt viel der emotionalen Ablehnung genau daraus: Dass Kehlmann seine sehr postpubertären Ansichten ganz unreflektiert hinausposaunt - allen anderen Verachtung und Dummheit vorwirft, aber selbst meint, die Weisheit über das Theater mit dem Löffel (...) gefressen zu haben.
#25 Kehlmann im Falter: WiderstandsnesterWiener 2012-11-15 01:38
Seltsam finde ich, dass Kehlmann ein Theater-Bild entwirft, das in seiner Eindimensionalität ja nirgendwo zu finden ist. Scheinbar kennt er wenig aus eigener Ansicht - viel nur als Klischee darüber, wie "modernes Theater" (blödes Wort) aussieht. Das sagt dann aber mehr über Kehlmann aus, als über das Theater. Wenn die ganze Szene so korrumpiert wäre, wie er tut, würde er nicht von den Intendanten großer Häuser selbst inszeniert und mit Theaterpreisen bedacht, oder doch? Sind das nur die mutigen Widerstandsnester, von denen er im Interview spricht?
#26 Kehlmann im Falter: Horst ist KehlmannLE 2012-11-15 03:30
jetzt ist ja wohl klar, horst ist kehlmann. horst liebt klassische musik und das britische theater. und er kennt nur männer. er hat selbst jelinek nicht erwähnt.
#27 Kehlmann im Falter: StrohhalmLE 2012-11-15 03:37
lieber fas. stoppard und kehlmann sind so beliebt wie 12-ton-musik. warhol ist beliebter als rembrandt. in der musik ist da irgendetwas falsch gelaufen, und deshalb ist kehlmanns strohhalm beethoven.
#28 Kehlmann im Falter: er bleibt reich und populärBoris 2012-11-16 17:06
@22: Was ist denn daran prinzipiell "gefährlich"? Wenn ein Künstler seine Meinung nicht mit "Absolutheitsanspruch" vertreten sollte, wer denn dann? Und er hat auch das Recht, ausschliesslich für seine Kunst zu "werben" (, die er selbst ja für modern hält).

@24: Doch. Er ist insofern unabhängig als der Mann FINANZIELL AUSGESORGT hat, selbst wenn er von nun an keine Zeile mehr schreibt. Da das auf kaum jemand im Theaterbetrieb zutrifft, glaube ich schon, daß er sein Ansehen gefahrloser aufs Spiel setzen kann als andere. Ich bewerte das nicht, aber es ist offensichtlich so. Außerdem hat das, was er über das Theater sagt, sowieso keine Auswirkungen auf seine Popularität als Prosa-Autor. Das mag bitter sein, aber die Leute, die seine Bücher kaufen, stimmen ihm zu oder es ist ihnen egal. Und ich glaube schon, daß das viele Leute im Theater wahnsinnig ärgert: Er mag konservativ sein und er mag der Theater-Landschaft schaden, aber er bleibt reich und populär. Tja.
#29 Kehlmann im Falter: nicht haltbarFAS 2012-11-17 00:35
@Boris

Was daran gefährlich ist, habe ich unter 22 geschrieben. Ich halte Konservatismus und Einseitigkeit in solcher Form für gefährlich, weil es einer pluralistischen Gesellschaft - positiv formuliert - nicht förderlich ist. Verwechseln Sie Absolutheitsanspruch vielleicht mit Leidenschaftlichkeit. DK hat sicher das Recht, zu sagen, was er will, solange das innerhalb des gesetzlichen Rahmens geschieht. Und das macht es ja. Eine derartige öffentliche Äußerung sollte aber fundiert sein, auch wenn niemand dazu gezwungen ist. Wenn man sich dann auch nicht der Diskussion stellt, sondern mit einem Totschlagargument alles vom Tisch zu wischen meint, erleben wir Diskurskultur at its best. Von einem Künstler erwarte ich da mehr. Ich ärgere mich nicht über Geld, das DK auf dem Konto hat, seinen Erfolg oder was auch immer. Was er in Salzburg gesagt hat, ist doch beim besten Willen nicht haltbar. Darum geht es.
#30 Kehlmann im Falter: im Sinne des PluralismusBoris 2012-11-17 12:27
Verstehen Sie mich recht: Wie schon gesagt, ich teile Kehlmanns Ansicht nicht, aber ich finde, er macht von seinem Recht Gebrauch, eine Polemik abzugeben, wenn man ihn fragt. Der "Falter" hat ihn ja interviewt. Und auch die Salzburger haben ihn ja eingeladen. Das war damals relativ verlogen, daß man so getan hat, als hätte er quasi mit Zwischenrufen die Rede eines anderen gestört - nein: man hatte ihn eingeladen, und er hat gesprochen. Auch der Vorwurf, er könne sich als Laie nicht kompetent zu Theaterfragen äußern, zielte ins Leere, da weder er noch die Salzburger verhehlt hatten, daß er einer sei und extra als solcher eingeladen wurde (zu diesem Zeitpunkt war noch kein Stück von ihm aufgeführt). Man kann doch nicht jedem, dessen Meinung man nicht teilt, per se das Recht und die Kompetenz absprechen, sich überhaupt zu äußern! Außerdem stellt Kehlmann sich doch durchaus der Diskussion, auch wenn er vielleicht nicht auf jedes Posting persönlich reagiert. Was fürchtet man denn? Die Mehrzahl der Theaterschaffenden ist nicht Kehlmanns Meinung, und die Mehrzahl der Aufführungen, die es im Moment zu sehen gibt, dürfte nicht nach Kehlmanns Geschmack sein. Da kann er doch im Sinne des Pluralismus, den Sie fordern, seinen Standpunkt vertreten, und da der ziemlich einfach ist, muss er das auch nicht "fundierter" tun. Überspitzt gesagt: Ein Theater, das auf so schwachen Beinen steht, daß es von einem Vortrag und einem Interview beschädigt werden kann, hätte diese Beschädigung auch verdient.
#31 Kehlmann im Falter: entzieht sich der AuseinandersetzungFAS 2012-11-18 03:24
@ 30

Sie sprechen Dinge an, die unbestritten sind. Vieles habe ich dazu schon in diesem Thread ausgeführt. Er darf Reden halten - soviel er will. Interviews geben - soviel er will. Niemand bestreitet, dass er nach Salzburg eingeladen wurde. Und er wurde eingeladen, um eine Rede zu halten. Was Sie mit Zwischenrufen und einer anderen Rede o.Ä. meinen, weiß ich nicht.

Er hat eine Rede gehalten, als hätte es die Gründungsväter der Salzburger Festspiele nie gegeben. (Es spricht sicher auch nicht für die Salzburger Festspiele, einen Autor coffeetablebook-like ins Begleitprogramm einzuladen, als Schmuck, als Zierde, als jemand, der sich einfach gut macht, ein bisschen in ist, und der gut in die Bunte paßt. Insoweit könnte man sagen, ist Salzburg ganz recht geschehen.) Verstehen Sie mich nicht falsch, man kann sicher vieles am bestehenden Theater- wie dem gesamten Kultursystem kritisieren. Es ist nur wenig hilfreich, das mit solch reaktionärer Attitüde zu tun. Man muss sich doch fragen, ob er die Leute nicht für dumm verkauft. Verkauft er nicht eine Bildungsbürgertum-Seligkeit, mit Goethe, Thomas Mann, DK und einer 30-bändigen Enzyklopädie im Regal? Die Welt ist bunt, vielfältig! Kunst soll den Horizont erweitern, nicht Barrieren errichten. Wem soll das helfen, anderen Leuten etwas vorzumachen? Igelt euch ein! Alles wird gut! Blendet einfach die bösen Regisseure aus, die ganz schlimme Sachen mit Goethe machen. Um es deutlicher zu sagen, warum solche Weltbilder gefährlich sind: Hätte DK gesagt, früher sei die Familie zentral und die Welt noch in Ordnung gewesen. Heute hingegen sei Homosexualität und so etwas auf dem Vormarsch und alles verlottert und deshalb sind auch wieder die Familienwerte zu betonen und - da bleibe einem gar nichts anderes übrig - Homosexualität abzulehnen. (Ich will nur zur Sicherheit betonen: Er hat dies nicht getan und ich will hier auch nicht eine solche Meinung zum Ausdruck bringen!) Auch da hätte er Leute in ihrem Denken bestärkt.

Ihre Unterscheidung in Laie/Experte ist für mich ebenfalls irrelevant. Da erwarte ich bei AbiturientInnen mehr Differenziertheit und Argumentationsvermögen (würde zu "fundiert" gehören), als sie K aufgebracht hat. Also ist auch Ihr Punkt Kompetenz hinfällig. Das Recht auf Meinungsäußerung hatten wir schon. Das hat er, das will ihm auch niemand absprechen. M.W. hat er sich nirgends der Diskussion gestellt. Nichtssagende, seine Standards wiederholende Interviews kann man wohl nicht dazuzählen. Seine Argumentation ging doch dahin, dass die Angriffe, die folgten, für ihn nur bezeugten, dass etwas mit dem Theater nicht stimme und er folglich im Recht sei und alles richtig gemacht habe. Noch zu Ihrem letzten Satz: Davon kann doch gar nicht die Rede sein.

Kommentar schreiben