Im Nebel zu wandern

von Esther Boldt

Essen, 16. November 2012. Als der große Moment kommt, tritt ein leiser Seh-Schock ein. Bis dahin war alles Imagination, das Spektakel wurde vollständig ins Hirn des Zuschauers verlagert, während auf der Bühne nichts Derartiges geschah. Doch dann, nach fast 70 Minuten optischer Dürre, zieht Nebel auf. Hängt wie eine sachte Wolke mitten im Raum, sammelt sich zu kleinen Säulen unter den Scheinwerfern und verschluckt schließlich restlos die drei Performer für ihren großen Abgang.

MOPMA 560 EijaMaekivuoti xNoch nebellos: "Museum of Postmodern Art" © Eija Maekivuoti

Denn in "Museum of Postmodern Art" der finnisch-britischen Performancegruppe Oblivia, das nun bei PACT Zollverein in Essen uraufgeführt wurde, geht es um nicht weniger als um große Kunst – und darum, wie man sie zustande bringt. Die ein wenig schräg zum mitteleuropäischen Performance-Mainstream liegende Gruppe besteht seit 2000. Die britische Tänzerin Anna Krzystek, der Pianist Timo Fredriksson und die Choreografin und Autorin Annika Tudeer haben einen höchst eigenwilligen Stil entwickelt, einen Minimalismus, der Gesten, Haltungen, Sprachen aus unterschiedlichen Kontexten entwendet und sie in der Spielstruktur des Theaters transformiert. Mit Klugheit, Witz und Leichtigkeit bearbeiten Oblivia mit Vorliebe übergroße Themen, zuletzt im Langzeitprojekt der Entertainment Island-Trilogie die kapitale Unterhaltungskultur, ihre Blickordnungen und ihre Durchschlagskraft auf unsere Körper.

Massensturz in den Orchestergraben

Nun bauen sie der Postmoderne ein Museum. Es wurde ja auch höchste Zeit. Obgleich eine Nachfolge-Epoche noch nicht ausgerufen ist, kommt einem dieses 1980er-Jahre-Projekt schon recht historisch vor. Schlug nicht das "anything goes" mitsamt dem vielzitierten Ende der großen Erzählungen hart auf der Realität auf, als die Flugzeuge 2001 ins World-Trade-Center flogen? Dennoch sind das Verschränken von Sprachen und Stilen, die ästhetische Haltung des spielerischen Ausprobierens und die gezielte Entleerung der Zeichen in den Oblivia'schen Performances natürlich in ihren Ursprüngen in der Postmoderne bestens aufgehoben. Fünf Teile des "Museum of Postmodern Art" sollen bis 2016 entstehen.

Im ersten Teil erproben Krystek, Fredriksson und Tudeer noch einmal Darstellungsfragen und die Suche nach dem Neuen, dem ultimativen Kunst-Coup. In schlichter Performer-Arbeitskleidung und auf gähnend leerer Bühne entwerfen sie ein imaginäres Museum oder ein Museum des Imaginären, in dem die Ideen zum Schaulaufen antreten. Nur wenige Lichtflecken erhellen den Raum wie zufällig gesetzte Spots, die weniger zum großen Auftritt einladen als zum spielerischen Entwurf. Eine Hundertschaft von Bäumen, Steinen, von Helden und Neandertalern wird herbeigerufen für einen furiosen Auftritt, der mit dem unweigerlichen Massensturz in den Orchestergraben endet.

Der zweite Schritt ist kein Neuland mehr

Das Sichtbare und das Unsichtbare gehen eine skurrile Allianz ein, wenn die Performer in einem Nebel hüpfen, den nur sie sehen können, und damit aufhören, nachdem dieser sich verzogen hat. Und in einer zauberhaften Episode erklärt Timo Fredriksson Annika Tudeer, dass die von ihr übermütig entworfene Selbsterneuerung durch Voranschreiten leider nicht funktioniere: Nur der erste Schritt betrete Neuland; sobald mit dem zweiten Fuß der Körper hinterherkommt, hat die Vergangenheit das Neue schon wieder eingeholt. So liegt es also stets nur eine Fußbreit entfernt und doch in uneinholbarer Ferne.

Vieles an diesem Spiel mit dem Spiel, am Theater im Theater erinnert an Forced Entertainment, doch Oblivia verhandeln den steten Aufschub des Spektakels mit unschuldiger Leichtigkeit und tatsächlicher Fragilität. Die zärtlich-komische, analytische Schärfe, die bei "Entertainment Island" ins Gebein fuhr, sie stellt sich hier (noch) nicht ein. Bei dieser Uraufführung wird auch offenbar, wie fragil das Spiel im leeren Raum ist, das Oblivia betreibt, und wie schnell die Grundspannung sinkt, wenn Gesten, Sprüche und Posen darin nicht fein getaktet sind. Entsprechend knirscht es zwischenzeitlich im Performancegetriebe. Doch der Takt, der wird zweifellos einziehen in diese Nummernrevue, die wie der schlendernde Gang durchs Museum mal Inspierendes entdeckt und mal Abgeschmacktes, der mit der Neugier und Konzentration des Theaters die Hohlräume und Untiefen des pluralisitschen postmodernen Lebensgefühls auslotet, das die Gegenwart - und dies ist eine Entdeckung - noch immer grundiert.

 

Museum of Postmodern Art (UA)
Konzept und Performance: Timo Fredriksson, Anna Krzystek, Annika Tudeer. Sound: Juuso Voltti. Licht: Meri Ekola.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.pact-zollverein.de

 

Kritikenrundschau

"Oblivia flirtet mit der Vorstellungskraft", schreibt Sarah Heppekausen in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (20.11.2012), ihr Kopftheater sei so simpel "wie ein Kinderspiel" und auch nicht weniger "größenwahnsinnig": "Der Monolog ist selbstredend auf Japanisch und eine hundert Schauspieler starke Baumtruppe hat einen gigantischen Auftritt als Wald inklusive Sturz in den Orchestergraben". Minimalismus sei Oblivias Prinzip, dafür "sind die Themen raum- und weltgreifend". Doch wirke das Unternehmen weniger skurril und pointiert, formal weniger streng als die Vorgängerarbeit. "Postmodern pluralistisch" plätschere "absurder Witz neben Plattheiten".

 

 
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