Mach nur einen Plan

von Harald Raab

Heidelberg, 22. November 2012. In Heidelberg steppt der Bär, als Weihnachtsengel verkleidet. Die Altstadt ist ein einziger großer Weihnachtsrummel – jetzt schon. Lichterglanz und Glühweinduft in der deutschesten aller deutschen Städte. Das Geschäft mit den Touristen brummt. Und ausgerechnet hier findet die Revolution statt, im Studiotheater Zwinger 1.

Ficken und Führung
Na ja, Revolution ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Die nicht von der Hand zu weisende Frage wird allerdings ventiliert, warum die Leute nicht endlich aufbegehren gegen die Zumutungen eines aus den Fugen geratenen Kapitalismus. Marx' Verelendungstheorie wurde neuerdings öfter im Theater thematisiert. So, wie Mario Salazar die Schose in seinem Stück "Alles Gold was glänzt" unters Volk bringt, kriegt sie wieder Biss. Statt Lamento und bierernste Parolen die wahre Anarchie. Es darf gelacht werden, ein befreiendes, Denkverbote einreißendes Lachen. Es lässt den Popanz der Macht über Menschen nackt dastehen. Wie sagt Marianne, das Durchblickermädel der Familie Neumann: "Der Trick ist ganz einfach. Sex und Power. Menschen wollen zwei Dinge im Leben. Sie wollen ficken und sie wollen Führung." Ficken und den Nasenring der Maloche los werden, ja das wär's wohl. So einfach zum eigenen Glück halt.

allesgold 560 florianmerdes uAlles bunt, was brennt: "Alles Gold was glänzt" © Florian MerdesUraufführungsregisseur Milan Peschel hat aus Salazars Stück ein Funken sprühendes Bühnenspektakel  gemacht. Das Privatdrama der Familie Neumann wird zur frech-bitteren Komödie, die in einer Gerümpelbude aus Umzugskartons, Matratzen, Holzpaletten, eine gelbe Giftmülltonne, Decken, Plastikstühle stattfindet. Die Existenz im Müll denaturiert die Figuren zu Sperrmüll – abgewickelt, entsorgt, aus der Zeit gefallen. Und doch sind sie geradezu rührend bemüht, im Kapitalismus anzukommen, sein fieses Spiel zu spielen. Vergebliche Liebesmüh, denn nicht nur die Revolution, auch der Kapitalismus frisst die eigenen Kinder.

Bizarrer Kampf ums Überleben
Wie Artisten in die Manege traben sie hintereinander herein, um ein Feuerwerk des bizarren Überlebenskampfes abzubrennen. Jeder gegen jeden und nicht zuletzt auch gegen sich selbst: Mama Iris (Christina Rubruck), die das herrschende System total verinnerlicht hat und sogar ihr  properes Töchterlein Marianne (Karen Dahmen) auf den Strich schicken will, als ultimative Kapitalanlage. Doch die Göre hat sich ausgerechnet in einen zur Abschiebung bestimmten Afghanen (Dominik Lindhorst) verliebt und will nur noch auf eigene Rechnung anschaffen gehen. Papa Neumann (Michael Kamp) ist als dauerarbeitsloser Ex-Straßenbahnfahrer der Familientrottel und sucht verzweifelt sein Lebenspuzzle wieder zusammenzufügen. Immer fehlt ein wichtiges Teil.

Filius Robin (Volker Muthmann) phantasiert sich mit Luke Skywalker nach Amerika, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Opa Erich (Roland Bayer), als Ex-Oberst der nicht mehr vorhandenen Nationalen Volksarmee, in Uniform und mit Orden behängt, kämpft auf verlorenem Posten weiter für kommunistische Ideale. Sein NVA-Genosse Wiese (Olaf Weißenberg) hat sich derweil ins Traumland der Indianer abgesetzt. Haben die doch im Heimatland des Kapitalismus gegen den US-Imperialismus gefochten. Während draußen auf der Straße ein Anarchistenaufstand blutig niedergeschlagen wird, hocken die Neumanns vor der Glotze und fiebern mit den armen Tröpfen, die in der Live Show "Alles Gold was glänzt" gegen Löwen oder Panzer kämpfen. Wer überlebt, bekommt einen Arbeitsplatz am Fließband.

Charaktere trotz Überdrehung
Vorgeführt werden ins  Clowneske verzerrte Figuren. Und doch wird in diesen Karikaturen immer ein Stück beleidigter Menschenwürde spürbar. Mit Tempo, Power und intelligenten Handlungsideen lässt Milan Peschel die verrückte Story dahinjagen. Jede der Rollen ist trotz Überdrehung auch als Charakter gestaltet. Beachtliche  Einzelleistungen fügen sich zu einer runden Sache. Tolle Regie, tolles Ensemble. Eine Produktion, die Lust macht auf Theater. 

Für das bürgerliche Heidelberg müsste eigentlich so ein Stück ostalgischer Tristesse plus Revolution im Background wirken wie ein Report aus dem Dschungelcamp. Der Osten Berlins, Chemnitz oder Gera, wo der fiktive Ort des Geschehens angesiedelt sein könnte, ist in Deutsch-Südwest der ferne wilde Osten. Die Menschen dort, ihre Probleme – das hat Plattenbau-Exotik, ist Niemandslandexistenz – ein hässliches Relikt aus der schiefgegangenen sozialistischen Versuchsanordnung. Der  siegreiche Kapitalismus ist aber auch nicht das Gelbe vom Ei. Salazar  entzaubert Menschen und ihre Herrschaftssysteme: "Ja, mach nur einen Plan. Sei nur ein großes  Licht..." Emphatischer Applaus signalisierte, dass einen diese Geschichte nicht kalt lassen kann. 

Alles Gold was glänzt (UA)
von Mario Salazar
Regie: Milan Peschel, Bühne und Kostüme: Nicole Timm, Musik: Daniel Regenberg, Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke.
Mit: Christina Rubruck,  Michael Kamp, Karen Dahmen, Volker Muthmann, Roland Bayer, Olaf Weißenberg, Dominik Lindhorst.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterheidelberg.de


Mehr zu Mario Salazar: Bericht von der Werkstattinszenierung von "Alles Gold was glänzt" auf dem Stückemarkt des Theatertreffens 2011. Porträt des Dramatikers im Festivalmagazin zum Heidelberger Stückemarkt 2012 von nachtkritik.de.

Kritikenrundschau

"Wieder einmal verwurstet ein junger Autor prekäre Erfahrungen im Arbeitsleben, vor dem Fernseher oder auch im Theater zu einer penetrant aufgekratzten Konsum- und Mediensatire", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.11.2012). "Die Loser-Sippe zwischen Spießertum und fröhlicher Anarchie, die schrille Parodie des Unterschichtfernsehens, Schimpfwörter wie 'Faschistenschlampe' und bis zum bitteren Ende durchdeklinierte Running Gags: alles hat man so oder ähnlich schon gesehen." Salazars Figuren seien nur die handelsüblichen liebenswürdigen Chaoten, Maulhelden, Groteskkomiker und Tagträumer mit den kleinen Macken und großen Sprüchen. "Und so geht seiner handlungs- und ideenarmen Typenkomödie schon bald die Luft aus." In seiner Uraufführungsinszenierung drehe Milan Peschel mal die Familie Hesselbach, mal die Addams-Family durch den "Volksbühnen-Reißwolf" – der Abend bleibe dabei doch immer nur "Scripted Reality nach dem Drehbuch von Dschungelcamps und Literaturinstituten".  

Als "rabiat und wortgewandt" bezeichnet Judith von Sternburg das Stück in der Frankfurter Rundschau (24./25.11.12). Die Inszenierung von Milan Peschel gehe von vornherein heftig zur Sache, "und in der Müll- und Matratzengruft von Nicole Timm scheint der soziale Tiefpunkt zudem bereits erreicht." Aber trotz einer allgemeinen Verausgabung würden die Figuren zunächst plastisch. Die Daueraufregung bekomme der Grundsituation, aber nicht immer den Dialogen und der Dramaturgie des Textes, der durchaus Steigerungen vorsehe. Und so würde in den letzten zwanzig Minuten aus aufschlussreichem doch noch bloßes Geschwätz.

Statt dem bissigen und urkomischen, "leider aber völlig überfrachteten" Text mit beherzten Kürzungen zur Bühnentauglichkeit zu verhelfen, setze Milan Peschel in seiner Inszenierung noch eins drauf, schreibt Dennis Baranski im Mannheimer Morgen (24.11.12). Bereits überzeichnete Figuren würden abermals überzeichnet, keine noch so platten Gags ausgelassen oder gleich ganz aus den Rollen ausgestiegen und "wild drauf los reflektiert". Dabei überschätze Peschel die Bereitschaft, wieder in den wirren Plot einzusteigen. "Ein durchweg starkes Ensemble (...) vermag letzlich auch nicht zu verhindern, dass die Brechung der Brechung der Brechung im Ergebnis nur noch eines ist: langweilig."

Milan Peschel verabreiche seinen Heidelberger Akteuren eine gehörige Portion Adrenalin, schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (24.11.2012). "Für die Uraufführung muss sich Peschel gleich mehrere Familienpackungen dieses Stoffs in den Apotheken 'Zum güldenen Castorf' oder 'Zum peppigen Petras' besorgt haben." Denn alle spielten wie gedoped und drehten auch noch den in einer anderen Requisitenkammer besorgten Pollesch-Verstärker bis zum Anschlag auf. Salazars Text bekomme diese Dröhnung ganz gut. "Denn, ehrlich gesagt, ein ganz so großer Wurf ist seine Breitseite gegen das Unterschichtenfernsehen nun doch nicht." Salazar albere klischeetriefend über eine arbeitslose Familie aus den neuen Bundesländern, die dem Eskapismus vor der Glotze, beim Puzzle oder bei Computerspielen erliegt. "Es ist also eher Katzengold, was hier glänzt", schließt der Rezensent, "und trotzdem: Second-Hand-Klamauk kann ja auch Spaß machen."

 
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