New Yorker Alten-WG später

von Christian Desrues

Wien, 22. November 2012. Der rüstige siebenundachtzigjährige Edek, (unglaubliche 82 Jahre alt, Otto Schenk, wie immer genial komödiantisch und wienerisch-jiddisch grantelnd, und ja, voller Chuzpe!), kommt von Melbourne zu seiner Tochter Ruth (Sandra Cervik, neurotisch, hilflos aber liebevoll ihrem Vater gegenüber) nach New York. Er hat das Ghetto und die Vernichtungslager in Polen überlebt, aber nichts von seiner Lebenslust eingebüßt. Im gut gehenden "Korrespondenz Unternehmen" Ruths – sie schreibt Briefe für andere Leute – richtet Edek ein ziemliches Durcheinander an. Er kauft Unmengen an Dingen, wie Kopier-und Toilettenpapier, "weil man das immer brauchen kann und sie billig sind!" "Wie billig?" fragt Ruth, die alles bezahlt. "Sehr billig!"

Die  Tochter verzweifelt fast, klagt ihr Leid ihrer Mitarbeiterin Max (sympathisch herb, Daniela Golpashin) und ihrer Freundin, der erfolgreichen Anwältin Sonja (trocken witzig, auf Liebhabersuche, Alexandra Krismer). Dann ist da noch der Ehemann (Herbert Föttinger) im fernen Australien, und die beiden Kinder, die täglich mehrmals angerufen und per Smartphone oder iPad zugeschaltet werden.

Existenzgründung in der Alten-WG

Ruth lässt dem Vater aber so ziemlich alles durchgehen, verfügt er doch über eine unwiderstehliche Überzeugungskraft, gegen die ihre typischen New Yorker Neurosen lächerlich wirken und vor allem nichts ausrichten können. Der Vater ignoriert sie einfach oder zerrt sie ins Absurde. Von einem ruhigen Lebensabend will Edek ohnehin nichts wissen. Zu allem Überdruss teilt er Ruth bald darauf mit, dass die zwei polnischen Witwen, die "zaftige" Zofia (Grazyna Dylag, perfekt in der Rolle der charmanten, reifen Sexbombe) und die quirlige Walentyna (sehr lustig, Gabriele Schuchter) die sie bei einer gemeinsamen Reise in Edeks alte Heimat in Zoppot kennengelernt haben, nach New York kommen werden. Die Damen sind ungefähr zwanzig Jahre jünger als er, haben Green Cards, und mit Zofia hat Edek ein Verhältnis. Ruth versteht die Welt und ihren Vater sowieso nicht mehr.

Die drei "Alten" nehmen sich zusammen eine Wohnung in der Lower East Side, "wo alles viel billiger ist" und planen die Gründung eines Restaurants, dessen Spezialität Klopse (Meatballs) sein sollen, die Zofia wie keine andere zubereitet. Auf den Einwand seiner Tochter, er habe doch überhaupt keine Erfahrung in der Gastronomie, schon gar nicht in New York, meint Edek: "Solche Klopciky gibt es in ganz New York nicht, die sind nicht von dieser Welt. Und ich habe schon gegessen viele Klopciky in meinem Leben und ich kenne jede Menge Leute, die alle schon viele Klopciky haben gegessen in ihrem Leben. Solche aber nicht. Wenn das keine Erfahrung ist...!" Ruth gibt ihrem Vater gegen ihre Überzeugung das Startkapital für das Restaurant, das, no na, ein Riesenerfolg wird. Edek heiratet Zofia, aber das erfährt seine Tochter, wie überhaupt alles andere, zuletzt. Alles ist gut, Mazel tov!

Sprachwitz trifft Smartphone

Einen erfolgreichen Roman als Bühnenstück zu adaptieren, birgt naturgemäß Gefahren. Dieter Berner (Regie und Bühnenfassung) und Eva Demski (Dramatisierung) konnten diesen auch nicht immer ausweichen oder entkommen. Sandra Cervik tut ihr Bestes, um in den narrativen Passagen, in der dritten Person, die Übergänge und die verschiedenen, nicht unkomplizierten Seelenzustände der Hauptdarstellerin wiederzugeben. Trotzdem fließt es nicht wirklich, wirkt stellenweise leicht aufgesetzt und etwas holprig. Was im Roman über einige Absätze geht, muss im Stück in ein paar Sätze gebündelt werden. Da hilft es auch nur beschränkt, wenn Bonmots an Sprachwitz, Situationskomik an Wortspiel gereiht werden.

Aber es gibt von all dem sehr viel, und das Talent der Schauspieler, allen voran Edek, Ruth und Zofia, macht so ziemlich alle Schwächen des dramaturgischen Ablaufes wieder wett. "Chuzpe" soll unterhalten und Lachen machen. Das tut es.

Das äußerst schlichte, aber stimmige Bühnenbild von Hyon Chu und der wirklich komische Umgang mit den Kommunikationsmedien Video, Smartphone, iPad, Klingeltönen, etc..., die klug und witzig ausgewählten Kostüme von Birgit Hutter tragen das ihre dazu bei, dass dieses Stück vom gut gelaunten und extrem prominent erschienen Wiener Premierenpublikum mit großem Applaus und vielen Bravorufen gewürdigt wurde. Als dann auch noch Lily Brett kurz und schüchtern auf die Bühne geholt wurde, brach Jubel aus.  
   

Chuzpe (UA)
nach dem Roman von Lily Brett "You Gotta Have Balls", Deutsch von Melanie Walz, Bühnenfassung von Dieter Berner, Dramatisierung von Eva Demski
Regie: Dieter Berner, Bühnenbild: Hyon Chu, Kostüme: Birgit Hutter, Dramaturgie: Katharina Schuster.
Mit: Sandra Cervik, Otto Schenk, Alexandra Krismer, Daniela Golpashin, Grazyna Dylag, Gabriele Schuchter. In den Filmsequenzen: Herbert Föttinger, Silvia Meisterle, Konstantin Shklyar, Sona MacDonald.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.josefstadt.org

 

Hier geht es zu den letzten Nachtkritiken aus dem Theater in der Josefstadt: Wir besprachen Todestanz / Lebenstanz, das Günter Krämer inszeniert hat. In der Altersromanze Ralph und Carol spielte ebenfalls Otto Schenk mit.

Kritikenrundschau

"Chuzpe" hat das Zeug, ein Hit zu werden, meint Norbert Mayer in Die Presse (24.11.12). Im Text gelinge es Brett, Schicksale wunderbar in Humor zu kleiden. "In der Dramatisierung von Eva Demsky wie auch durch diese Regie wird dabei das Seichte betont." Aber Hauptdarsteller Otto Schenk, der tänzele da durch wie durch eine leichte Oper von Mozart. "Wer mit so viel Herz, so einmaliger Mimik, so viel Gespür für Pointen spielt, für den ist der Text eigentlich nebensächlich."

"Hunger auf den Big Apple" hat der Abend Margarete Affenzeller gemacht, die in Der Standard (24./25.11.12) schreibt: "Bunte Restaurantschilder und eine von Klarinetten à la Woody Allen beschwingte Musik des österreichischen Musikers Parov Stelar machten den Schauspielern richtig Beine." Kostümtechnisch schieße die Inszenierung übers Ziel hinaus. Die beiden Protagonistinnen seien schlechte Karikaturen von Sexyness, Geschmacklosigkeit und Hinterwäldlertum. "Das beraubt sie ihrer Wirkung." Abgesehen davon greife Dieter Berner das Spiel mit neuen Kommunikationstechnologien auf; "er hat sehr einfach und nett inszeniert."

 

 
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