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Wir sind die Guten!

Von Mounia Meiborg

Berlin, 23. November 2012. Manche Menschen gehen zum Entspannen in die Sauna. Andere beruhigt es, wenn sie ihre eigene Meinung bestätigt bekommen: In Leitartikeln von Autoren, die dieselbe Partei wählen. In Gesprächen mit Freunden, die ein ähnliches Einkommen haben und eine ähnliche Frisur tragen. Und in Clubs, wo alle dasselbe Bier trinken.

Selbstvergewisserung funktioniert auch im Theater. Vielleicht nirgendwo besser als am Berliner Ballhaus Naunynstraße, wo der Regisseur weiß, dass die Zuschauer ebenso gemäßigt-links-alternative Kreuzberger sind wie er und der Zuschauer weiß, was er bekommt. Zum Beispiel bei der Uraufführung von Marianna Salzmanns und Deniz Utlus Stück "Fahrräder könnten eine Rolle spielen". Geschätzte 200 Gäste saßen im Publikum, vermutlich hält sich keiner von ihnen für einen Rassisten. Was gibt es da Schöneres, als gemeinsam über Rassisten zu lachen?

Brauner Sumpf überall
Salzmanns und Utlus Stück kreist um Andreas, einen jungen Mann, der von einem miesen Job zum nächsten tingelt. Er räumt beim FDP-Parteitag Gläser ab, verkauft im Fußballstadion Eis und serviert beim NSU-Untersuchungsausschuss Suppe. Er lernt das Land gewissermaßen von unten kennen, und was ihm da begegnet ist nicht schön: Fußballfans, die statt einem Cornetto lieber ein Eis in Schwarz-Rot-Gold haben möchten, homophobe FDP-Politiker und eine ganze Nation, die nicht glauben will, dass drei Rechtsextreme acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer erschossen haben.

fahrraeder 560 UteLangkafel uWas braut sich hier zusammen? "Fahrräder könnten eine Rolle spielen" © Ute Langkafel

Brauner Sumpf überall also. Auch auf der Bühne: Das kreisrunde Spielfeld ist von Schlamm bedeckt. Die fünf Darsteller waten durch ihn hindurch, rutschen aus, straucheln. Wenn sie sich setzen, klebt er schleimig an ihren Schuhsohlen. Egal ob die Symbolik platt ist oder nicht: Sinnlich ist das toll.

Ängstliche Kassandra
Andreas, der Aushilfskellner, rutscht besonders oft aus. Er hat eine Krankheit und kann sich alles, was er erlebt, merken. So erinnert er die Leute stets an Dinge, die sie lieber vergessen würden – und reitet sich damit, natürlich, in die Scheiße. Simon Brusis spielt mit hochgezogenen Schultern und steifer Haltung eine ängstliche Kassandra wider Willen. Dass er am Ende Amok läuft, wirkt wie eine Laune der Autoren, die der Schauspieler noch nicht verinnerlicht hat.

Vorher hat Andreas noch Basti kennengelernt, einen rechtsradikalen Ostdeutschen. Der Schauspieler Sebastian Brandes schmiert sich schnell noch etwas Schlamm in die Haare, dazu ein Hitlerbärtchen, bevor er in die Rolle schlüpft. Dann sitzt er da und stiert ins Leere. Basti plant mit Andreas einen Coup, um an Geld zu kommen, aber er ist zu blöd, um ihm den Plan zu erklären. In Endlosschleife sagt er immer wieder denselben Satz, in breitem Sächsisch.

Direkt, alltagsnah, pointensicher
Der Regisseur Lukas Langhoff geht an diesem Abend kaum einem Kalauer aus dem Weg. Minutenlang lässt er die Schauspieler aneinander vorbeireden. Der ostdeutsche Rechtsextreme darf zackige Handbewegungen machen und stottern. Auch das schöne Wort "Wichsheftchen" wird gebührend gewürdigt. Als am Ende die Schauspieler aus ihren Rollen aussteigen und erklären, alles sei nur ein Spiel gewesen, da wirkt das, als traue der Regisseur seiner eigenen Inszenierung nicht.

Aber das Stück bietet auch zu wenig Vorlage. Die Sprache ist direkt und alltagsnah, manch eine Pointe sitzt. Dass nebenbei noch die Piraten, ein Amoklauf in den USA und ein verprügelter Rabbiner vorkommen, also alles, was vor drei Monaten auf der Aufmerksamkeitswelle oben schwamm, wirkt jedoch etwas zwanghaft.

Wellness pur
Natürlich ist der NSU ein tolles Thema für die Bühne, gerade jetzt, wo ständig neue Details die Zeitungen füllen. Und wenn zu lauter Elektro-Musik Akten geschreddert werden, dann ist das ein starker Moment. Insgesamt aber machen Marianna Salzmann, die gerade den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker bekommen hat, und Deniz Utlu zu wenig aus dem Thema. Rassismus ist überall, so lautet die einfache Botschaft der in Russland geborenen Salzmann und des türkischstämmigen Utlu: In der Polizei, in den Gerichten, in den Fernsehredaktionen. Wie Rassismus entsteht und zwar jenseits der Formel dumm + ostdeutsch = Nazi, wie er unbemerkt in Institutionen einsickert und warum auch Migranten ausländerfeindlich sein können, all das wäre spannender gewesen.

In Berlin-Schöneweide, im brandenburgischen Gröden oder in der Sächsischen Schweiz wäre das Stück vielleicht ein Gewinn. In der Kreuzberger Naunynstraße ist es Wellness pur. Immerhin wissen wir jetzt, dass man den Namen "Sarrazin" auch stöhnen kann. Hatte ich es schon erwähnt? Ich bin auch gegen Nazis.

 

Fahrräder könnten eine Rolle spielen (UA)
von Marianna Salzmann und Deniz Utlu
Regie: Lukas Langhoff, Bühne: Lukas Langhoff, Justus Saretz, Kostüme: Ines Burisch, Video:
Sönke Hansen, Musik- und Sounddesign: Toby Dope, Dramaturgie: Nora Haakh.
Mit: Sebastian Brandes, Simon Brusis, Sema Poyraz, Janin Stenzel, Paul Wollin.
Dauer: 90 Minuten, keine Pause

www.ballhausnaunynstrasse.de


Marianna Salzmann hat nicht zum ersten Mal ein Stück fürs Ballhaus Naunynstraße entwickelt. Im April wurde Beg your pardon dort uraufgeführt.

 

Kritikenrundschau

Viele gute Ideen bescheinigt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (26.11.2012) Autorenduo und Regie. "Trotzdem kommen weder Stück noch Inszenierung richtig in Gang. Denn auch wenn die braune Hirnsuppen-Bühne den NS-Untergrund als deutschen Übergrund auflässt und Sebastian Brandes als verdatterte Nazi-Parodie brilliert", könne diese "freundlich glitschige Bühnenfarce" die Realfarce rund um den Skandal schwer toppen.

Das ambitionierte Unternehmen, dokumentarisches Material zu überspitzen um die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu bringen, ist aus Sicht von Katrin Bettina Müller in der taz (26.11.2012) "in die Hose gegangen." dass tatsächlich Teile der Protokolle und somit Elemente einer Realität, die an Absurdität nicht zu übertreffen ist, in den Text eingeflossen sind, wird in der Inszenierung von Lukas Langhoff nicht deutlich. Vieles ist aus Müller Sicht eher "sinnfreie Karikatur als zielgenaue Kritik".

"Ein Abend voller Schlaglichter," schreibt Patrick Wildermann im Berliner Tagesspiegel (26.11.2012). Dennoch hat das Stück auf ihn "konfus" gewirkt. Vor allem hinkt es aus seiner Sicht "einer politischen Realität hinterher, die hier die beklemmenderen Farcen schreibt."