So verletzlich wie sie

von Sophie Diesselhorst

November 2012. Dieses Lachen. Es ist irgendwo zwischen Grunzen und Würgen und kurz sehr irritierend, dann sehr lustig und ansteckend. Das erste Mal erklingt es nach einem Fotoshooting, für das Marina Abramovic sich in engem Korsett und mit Teufelshörnern auf dem Kopf hergemacht hat. "Künstlerin auf der Höhe ihrer Karriere sucht Single-Mann", albert sie und erklärt, wie es zu den Teufelshörnern kam: Auf einem Foto aus ihrer Kindheit trägt sie solche Hörner, in ihrem elegischen Blick die gesammelte Traurigkeit ihrer lieblosen ersten Jahre. Mit dem neuen Foto, auf dem die 63-jährige die pure Lebenslust ist, werden die Hörner rehabilitiert, wird die Widersprüchlichkeit, die in einem Menschenleben steckt, zelebriert.

Aufruhr im Körper

Wenn Marina Abramovic einen Unterschied zwischen Leben und Kunst machen würde, könnte es wohl die meisten ihrer Arbeiten nicht geben. Stets hat sie sich, ihr Empfinden und nicht zuletzt ihren Körper in den Dienst der unerschrockenen künstlerischen Erforschung der menschlichen Seele gestellt. Seele? Ja, genau. An die kommt man nicht umhin zu glauben, wenn man sich in den Kosmos Abramovic begibt und der Unermüdlichen beim Leben und Arbeiten, kurz: Performen zuschaut, wie es Matthew Akers' Film "Marina Abramovic: The Artist Is Present" tut, der die Künstlerin als Kunstperson im emphatischen Sinn des Wortes porträtiert.

Marina2 560 DogwoofMarina Abramovic in "The Artist Is Present" © Dogwoof

Anlass und Zeitrahmen des Films ist die große Abramovic-Retrospektive des New Yorker MoMA im Frühjahr 2010. Da selbst Marina Abramovic sich nicht in mehrere Performerpersonen teilen kann, hat sie einige frühere Arbeiten an ausgewählte junge Kollegen zum Reenactment abgegeben. Matthew Akers begleitet Teile des Workshop-Wochenendes, mit Hilfe dessen Marina Abramovic ihre Alter Egos auf die Arbeit einzustimmen sucht. Was für die 41 Künstler beim Den-Moment-Suchen im Fasten, Schweigen, einander Anschauen herauskommt, dafür interessiert der Film sich nicht, umso mehr für Abramovics Ausführungen zu ihrem Kunst- und Künstlerselbstverständnis, die dabei abfallen. Es sind gar nicht so spektakuläre Sätze wie zum Beispiel "Künstler sind Krieger. Sie müssen sich und ihre Schwächen besiegen" oder "In einer Performance geht es um emotionale Annäherung". Aber mit welcher Überzeugung Abramovic diese Sätze in den Raum stellt, das schafft Relevanz.

Physische und psychische Grenzen

Formal reduziert und inhaltlich umso aufgeladener ist auch das Herzstück und die titelgebende Performance der MoMA-Retrospektive, "The Artist is Present": Während der gesamten Ausstellungsdauer, also drei Monate lang jeden Tag von morgens bis nachmittags, hat Marina Abramovic sich im MoMA auf einen Stuhl gesetzt. Auf einem leeren Stuhl ihr gegenüber konnten die Museumsbesucher Platz nehmen und sich ihrem stillen Blick stellen. Matthew Akers' Film dokumentiert die unterschiedlichsten Reaktionen. Gesichter gehen auf, werden neugierig. Manchen der Gegenübersitzer kommen die Tränen. Andere werden kämpferisch: Wer zwinkert zuerst? Wieder andere suchen Abramovics radikalen Exhibitionismus zu erwidern – eine junge Frau zieht sich nackt aus, als sie an der Reihe ist. Sie wird von Sicherheitsleuten abgeführt und von Matthew Akers im Museum wiedergesucht. "Ich wollte so verletzlich sein wie sie sich macht", begründet sie ihre Aktion.

Ein sehr schöner Moment, weil er so zweideutig ist. Auf den ersten Blick hat die junge Frau mit ihrer Durchbrechung des Kontexts, in dem Abramovic sich als Medium darbietet, formal etwas falsch verstanden (und ist ja auch prompt aus dem Kontext geschmissen worden) – auf den zweiten Blick ist ihre Reaktion auf Abramovic, die für "The Artist Is Present" tatsächlich einmal mehr ihre physische und psychische Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat, mindestens so logisch wie unkonventionell. Die Szene passt sehr gut in das Bild, das Matthew Akers' Film von der Künstlerin zeichnet, und ist wesentlich spannender als all die geschliffenen Statements, mit denen renommierte Weggefährten – zum Beispiel MoMA-Chef Klaus Biesenbach, Galerist Sean Kelly oder der Kunstkritiker Arthur Danto – die "Grandma of Performance Art" gebührend würdigen.

Overpowernde Kraft

Nicht, dass Marina Abramovic den Nebeneffekten ihrer Berühmtheit völlig abhold wäre – ganz im Gegenteil: "I love by-product!" sagt sie und probiert bei Givenchy edle Klamotten an. Aber selbst wenn sie ihre Platzierung im Kunst-Kanon einmal ausdrücklich affirmiert – "Ich bin 63, ich will jetzt nicht mehr alternativ sein" – haben solche Äußerungen, mit denen sie sich selbst in einen Kontext einer "größeren Öffentlichkeit" einordnet und damit von ihrem spirituellen Künstlerinnen-Ego distanziert, das ja stets auf die Erzeugung einer eigenen Öffentlichkeit aus ist, viel weniger Unmittelbarkeit als das, was sie über ihr persönliches Verhältnis zum Kunst Produzieren äußert – siehe oben. Zum Glück. Wäre Abramovic tatsächlich auch innerlich irgendwo angelangt, hätte bei diesem Filmporträt auch nichts derart flirrendes herauskommen können.

Wenn überhaupt, läuft "Marina Abramovic: The Artist Is Present" manchmal Gefahr, sich allzu sehr von Abramovics anarchischer Kraft overpowern zu lassen, sie quasi die Regie übernehmen zu lassen. Aber dann interessiert sich Matthew Akers, genau wie sein Sujet, doch wieder viel zu sehr für die einzelnen – widersprüchlichen – Momente.

 

Marina Abramovic: The Artist Is Present
Dokumentarfilm
Regie und Kamera: Matthew Akers, Schnitt: E. Donna Sheperd, Musik: Nathan Halpern.
Mit: Marina Abramovic, Ulay, Klaus Biesenbach u.a.
Dauer: 1 Stunde 46 Minuten
Filmstart: 29. November 2012

marinafilm.com


Mehr zu Marina Abramovic: Nachtkritik zu Robert Wilsons The Life and Death of Marina Abramovic in Basel.

 
Kommentar schreiben