Glotzt nicht so romantisch

von Georg Kasch

Berlin, 27. November 2012. Traumtänzer, Nachtwandler, Verlorene allesamt: Ein Halbnackter windet seinen muskulösen Körper auf einem Tisch, eine junge Frau im roten Sommerkleid trägt einen Koffer spazieren, ein Mann hebt anklagend Notenblätterhaufen in die Höhe. Wellen flackern über die Szene, ein Sänger fotografiert eine Sängerin; die vermeintlichen Ergebnisse erscheinen als expressive Porträts schwarzweiß über der Bühne. Dazu stelzt eine Dame herum, mit Pelz auf dem Kopf und Eis im Herzen, und schimpft akustisch Unverständliches.

Die Brocken lassen sich später als Zitate von Alma und Gustav Mahler identifizieren, wobei sich Gustav bald als leidendes Genie und Alma als männerfressende, vom Leben frustrierte, sauflustige Zimtzicke entpuppt. Nico and the Navigators haben sich nämlich vorgenommen, in "Mahlermania" die Wechselwirkungen zischen Leben und Werk Gustav Mahlers auszuloten – in der Relation viel Leben, wenig Werk.

Küchenpsychologie mit Tourettesyndrom

Das fängt schon bei Oliver Proskes grauer Bühnenlandschaft an: Hinten erstreckt sich S-förmig eine Wand mit begehbarem Höhenzug, rechts sitzen in einem Gazezylinder die Musiker, links stapeln sich Elemente, aus denen Mahlers Komponierhäuschen entsteht. Mit seiner Laubsägearbeitsfassade wirkt es weit pittoresker als das Original, später wird ein Bauhaus draus – schließlich hatte Alma noch zu Gustavs Lebzeiten eine Affäre mit Walter Gropius. Ständig qualmt wer (ja, Mahler rauchte), werden Koffer geschleppt (New York!), Äpfel angebissen, Pelze spazieren getragen. Tänzer fallen um, Narziss ertrinkt im Wasserbecken. Küchenpsychologie mit Tourettesyndrom – eine wahrlich fiese Mischung.

mahlermania3 560 thomas aurin hDem Kitsch erlegen: Mahlermania  © Thomas Aurin

Ob's der große Rahmen ist, der dem sonst so umsichtigen Performance-Kollektiv um Regisseurin Nicola Hümpel jegliches Gefühl für Maß und Form geraubt hat? Intendant Dietmar Schwarz, der die Deutsche Oper in Berlin seit dieser Spielzeit auch mit Schauspielregisseuren wie Robert Lehniger und Jan Bosse aufmischt, eröffnet mit "Mahlermania" sein Lieblingsprojekt, die Studiobühne Tischlerei. Neben Kinder- und Jugendmusiktheater sollen hier grenzüberschreitende Projekte das Profil des Hauses verjüngen. Wobei man Studiobühne in Operndimensionen denken muss: Es gibt Stadttheater, die weniger Publikum fassen. Vier Tage hatten Nico and the Navigator, um ihr crossoverndes Projekt von der Probe- auf die in letzter Minute fertiggestellte Bühne zu bringen.

Kompositionen, die sich nicht verzwergen lassen

Man sieht's dem kurzen Abend an. Kein sinnlicher Eindruck, der haften bliebe, kein Bild, das man nicht so oder ähnlich schon mal gesehen hat, keine Anekdote, die über dreckige Ehewäsche hinausginge. Oft hat man den Impuls, das zusammenhanglose Gehampel und halbprivate Gebrabbel da vorne abzuschalten, um sich endlich auf Mahlers Kompositionen konzentrieren zu können. Denn die lassen sich nicht verzwergen, auch nicht von den Arrangements für Kammerensemble: Das blüht und vergeht bei den Musikern der Deutschen Oper in vergifteter Schönheit, die einen immer wieder angreift und umhaut, trotz und wegen des Gefühlsüberschusses, der in den Kindertotenliedern steckt, in den Liedern eines fahrenden Gesellen und in "Ich bin der Welt abhanden gekommen".

Da können Nico and the Navigators noch so sehr ein visuelles "Glotzt nicht so romantisch" dagegenrotzen: Wenn Bariton Simon Pauly und Katharina Bradić (die ihren raumgreifenden, glühenden Mezzo und ihre beeindruckende Bühnenpräsenz schon in großen Sebastian-Baumgarten- und Stefan-Herheim-Inszenierungen an der Komischen Oper erprobt hat) den "Abschied" aus "Das Lied von der Erde" singen, dann berührt das trotz Bilderklamauk und zu trockener Akustik. "Ewig, ewig"? Für Mahler mag’s gelten, für "Mahlermania" kaum.

 

Mahlermania (UA)
Inszenierung: Nicola Hümpel, Bühne: Oliver Proske, Kostüme: Frauke Ritter, Musikalische Leitung: Moritz Gnann, Dramaturgie: Jörg Königsdorf.
Mit: Katarina Bradic, Simon Pauly, Patric Schott, Annedore Kleist, Anna-Luise Recke, Ioannis Avakoumidis, Frank Willens und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.deutscheoperberlin.de
www.navigators.de

 

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Kritikenrundschau

"Vor zehn Jahren mögen Nicola Hümpel und ihre Navigatoren ein Off-Ereignis gewesen sein, mittlerweile sind sie im Festspielbetrieb angelangt und wiederholen sich nurmehr selbst", schreibt Peter Uehling in der Berliner Zeitung (28. 11. 12). "Mahlermania" sei weder experimentell noch gelungen, sondern schlicht langweilig. "Zwischen Plattheit und Unverständlichem liegt bei Nico and the Navigators nur ein Katzensprung, vermittelt durch die reichlich in Anspruch genommene Kategorie des 'Poetischen', die hier soviel meint wie 'Privatbedeutung'." Katarina Bradic und Simon Pauly hätten im übrigen sehr schön gesungen, Moritz Gnann habe Anne Champerts gelungene Bearbeitungen etwas unterspannt dirigiert.

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