Gier nach Eingemeindung

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 29. November 2012. Die Radikalität und gesellschaftspolitische Schärfe in Fassbinders Stück "Katzelmacher" bringt einen auch heute noch, beinahe 45 Jahre nach seiner Uraufführung, an den Rand der Fassungslosigkeit. Marieluise Fleißer gewidmet und an ihrer Dramatik geschult, entwirft Fassbinder darin eine Welt, in der die Vorstellung den Willen beherrscht. Ein Grieche platzt in einen kleinstädtisch deutschen Kosmos und trifft auf stumpfsinnige Borniertheit mit gemeingefährlichem Potenzial. Der Umgang mit dem Fremden ist dabei auch Ausdruck einer generellen moralischen Verwahrlosung, die sich in Gewalt gegen Frauen wie in der Lieblosigkeit gegenüber der eigenen Person entlädt.

Nah am Geländer

In kurzen, einfachen, dialektgefärbten Sätzen beschäftigt sich Fassbinder mit den Verwerfungen rüder Männlichkeit als auch mit der Angst vor dem Unbekannten. Kurz nach der Uraufführung verfilmte er das Stück als grandios kühles Schwarz-Weiß-Drama, in dem er selbst den Fremden verkörperte.

Hakan Savaş Mican, deutschtürkischer Regisseur, der seit 2008 regelmäßig am Ballhaus Naunynstraße in Berlin inszeniert, kocht nun auf, was Fassbinder herunterkühlte. Unterm Dach des großen Hauses, der Spielstätte Deck 3, nehmen die Zuschauer Platz mit Blick auf die Mainzer Skyline, links der Dom, rechts der Glockenturm von Sankt Stephan. Das Geländer der Galerie wirkt wie ein Zitat aus Fassbinders Verfilmung, in der sich die Figuren immer wieder fotogen vor und auf einem Geländer zusammenrotteten.Katzelmacher2 560 BettinaMueller h"Katzelmacher" mit Aram Tafreshian, Johanna Paliatsou © Bettina Müller

Doch in Mainz macht sich zu Beginn Flughafenatmosphäre breit, der Fremde schwebt dann auf einem Waveboard hinein und wird begierig beglotzt und bestaunt. Aus dem Griechen Jorgos wird an diesem Abend der Türke Mehret, ein smarter öläugiger Typ im dunklen Anzug (Mehmet Yilmaz), der dermaßen perfekt Deutsch spricht wie Fassbinders Fremder die Sprache noch gar nicht beherrschte. Das hält seine Umgebung nicht davon ab, mit ihm zu sprechen, als verstünde er kein Wort.

Sprachlosigkeit als Reflex auf das Unbekannte

Mican dreht den real existierenden Fremdenhass immer wieder ins Absurde, etwa wenn Mehret sich mit den zwang- und symbolhaft geknabberten Kürbiskernen in einen Vampir verwandelt, der den deutschen Spießerseelen das Blut aus den Adern saugt. Das ist oft charmant und genauso oft auch schal. Dann weicht die Kraft des Originals bloßem Klamauk. Da gerät dann Gundas Liebeswerben zur matten Comedy, was schade ist, spielt Ulrike Beerbaum sie doch geradezu traumwandlerisch, mal mit erdmännchenhafter Aufgeräumtheit, mal mit bitterböser leerer Miene.

Dann wieder herrscht verdruckste Verklemmtheit und das Wort Schwanz wird geflüstert wie noch nie im Mädchenpensionat. Marie, die im Film von Hanna Schygulla gegeben wurde, schleicht bei Johanna Paliatsou mit ebensolcher Lockenfrisur durch die Gegend, und Verena Bukal gibt Elisabeth als knochige Kapitalistin, die Menschen nur nach ihrer Verwertbarkeit einteilt. Während die Frauen sich von dem Fremden angezogen fühlen, wächst die brutale Rachsucht der Männer. Erich (Aram Tafreshian) möchte ihn am liebsten kastrieren. Raunen sie bei Fassbinder noch, es handele sich bei dem Griechen um einen Kommunisten, steht bei Mican das Schreckgespenst islamistischer Terror vor der Kirchentür. Dabei spielt "Katzelmacher" jetzt, gestern und ewig.

Überanstrengung

Die zeitliche Verortung verlässt Mican zugunsten eines grausamen Immerdar; das kleinbürgerliche Vorstadtmilieu löst sich bei ihm in Allerweltsgestalten auf. Am Unbehagen der fremden Kultur gegenüber wie an ihren Verlockungen hat sich freilich nichts geändert. In den stärksten Momenten des kurzen Abends lässt Mican die Figuren ihre eigenen groben Wahrheiten im Chor skandieren, der Fremde mitten unter ihnen, einer von ihnen, im Hass vereint. Und immer gelingen ihm kleine Einfälle, die etwa Geld, Sex und Gewalt sinnfällig stilisieren. Dazwischen aber werden Sätze, die bei Fassbinder wunderbar zünden, so sehr auf Pointe gespielt, dass sie keine Funken mehr schlagen, und gern wird der Text nur geschrieen dargeboten und verliert dann in seiner Überangestrengtheit an Treffsicherheit.

Dabei lebt Micans Interpretation des Stoffs durchaus von ihrer Eigenständigkeit, die sich bewusst von Fassbinder absetzt. Das ist legitim, wenn nicht sogar folgerichtig. Schließlich sind zwischenzeitlich so einige Jahre und noch mehr Gastarbeiter ins Land gegangen, und die Fremden von damals haben wenig gemein mit migrationshintergründigen Menschen von heute. Aber so viel ist nach diesem Abend auch klar: Die Lust an der Abgrenzung und gleichzeitige Gier nach Eingemeindung sind geblieben. Auf beiden Seiten.

Katzelmacher
von Rainer Werner Fassbinder
Regie: Hakan Savaş Mican, Austattung: Sylvia Rieger, Dramaturgie: Barbara Stößel.
Mit: Ulrike Beerbaum, Verena Bukal, Johanna Paliatsou, Felix Mühlen, Tilman Rose, Aram Tafreshian, Mehmet Yilmaz.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.de

 


Kritikenrundschau

Hakan Savas Mican habe Fassbinders Stück "klug aktualisiert", findet Stefan Benz auf dem Portal echo-online.de (4.12.2012). Das Stück biete in Mainz "Stoff für eine Farce, die ihren Witz aus der verzerrten Selbst- und Fremdwahrnehmung der Deutschen bezieht." Durch die neuen Chorpassagen klinge der "eigentlich recht reduzierte Text" von Fassbinder "nun erstaunlich ausdrucksreich". Durch die "Reibungsflächen" zwischen der geschliffenen Sprache des Protagonisten und der "Stummel-Grammatik" seiner Gegenspieler "entsteht absurde Lächerlichkeit".

 
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