Mit Wolfsgeheul belebt

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 29. November 2012. Das erste Mal, dass das berühmte "Nach Moskau" ertönt, wird es gejubelt, von Irina, der jüngsten der Drei Schwestern. "Maskwuuu!" ruft sie mit ihrer hellen Stimme und wedelt dazu mit dem weißen Tischtuch, als könnte sie es schwuppdiwupp in einen fliegenden Teppich verwandeln. Es ist ihr Namenstag, und sie sprüht vor Unternehmungsgeist, den sie durch ständiges Tisch-Auf- und –Abräumen und zielloses Herumflattern im Salon der Familie Prosorow, den die Bühne darstellt, ventiliert.

Natürlich hat Irinas gute Laune einen nervösen Touch, natürlich lauern da schon die Abgründe, wir sind schließlich bei Tschechow. Wir sind außerdem in einer Inszenierung von Pjotr Fomenko, Schüler der russischen Regisseurslegende Jewgenij Wachtangow. Fomenko ist im Spätsommer dieses Jahres gestorben und hat Moskau ein Theater hinterlassen – das Fomenko Studio, dem die Stadt Moskau 2008 ein eigenes Gebäude gestiftet hat. Aus diesem Theater kommen die "Drei Schwestern", mit denen das Theater/Konzert/Kino-Festival "Rusimport" eröffnet wurde, das die Berliner Festspiele aus Anlass des "Deutsch-russischen Jahrs 2012/13" veranstalten.

Blitze, Böller, und der Autor am Schreibpult

Realismus haben Thomas Oberender und der russische Botschafter in Berlin in ihren Festivaleröffnungsreden angekündigt, und trotzdem haut es einen erstmal fast vom Polstersitz. Bühne und Kostüme versetzen die drei Schwestern direkt ins 19. Jahrhundert: die Offiziere, die, als Vater noch lebte, immer so zahlreich zu den Namenstagen erschienen und sich jetzt rar machen, tragen, als ein paar von ihnen dann doch noch auftauchen, stilechte Uniformen. Es gibt ein Klavier, auf dem der Baron ab und zu einen Chopin-Walzer klimpert; und der Tee kommt aus einem silbernen Samowar, den der Arzt Iwan Romanowitsch Irina am Anfang zum Namenstag vermacht.

DreiSchwestern1 560 JekaterinaZwetkowa u"Drei Schwestern" zum Auftakt des Festival Rusimport © Jekaterina Zwetkowa

Doch zum Glück hat die Sache dann doch mehrere Kniffe. Der erste ist Tschechow himself, der das Geschehen von einem Schreibpult seitlich der Bühne aus kritisch beobachtet. "Pause" ruft er immer wieder in das Geschehen hinein – eine Regieanweisung, die in seinen Stücken ja tatsächlich sehr oft auftaucht – doch je mehr die Spieler zu ihren Figuren werden, desto öfter werden die Einwürfe des Autors ignoriert. Gegen die theatrale Kraft, die sein Text bei ihnen entfesselt, kann er selbst nichts mehr ausrichten.

Ein weiterer Kniff ist die Übertreibung des Hyper-Naturalismus – zum Beispiel in der Besetzung zweier der drei Schwestern durch das Schauspielerinnen-Zwillingspaar Polina und Xenia Kutjokowa. Oder wenn gleichzeitig mit dem Auslösen der Kamera zu einem neuen Gruppenfoto jedes Mal ein Böller gezündet wird, der zwar einen Blitz erzeugt, aber auch eine Menge Rauch. In dieser Spur der leichten Ironisierung ist es auch absolut plausibel, dass die drei Schwestern manche ihrer Texte nicht sprechen, sondern singen oder auch herunterbeten.

Aufgebaute vierte Wand

Der Überdruss bleibt bei alledem aber da, wo Tschechow ihn verortet hat: bei den Figuren. Jegliche Ironie-Anwandlung zeigt nur ein heute an und sorgt also dafür, dass Olga, Mascha und Irina sozusagen ihre langen Raschelröcke transzendieren und sich zeitlos langweilen, zeitlos leiden und zeitlos lustig sind. Man kommt nicht umhin, sich an Alvis Hermanis' Wiener "Platonow" zu erinnern – auch bei Fomenko wird die Vierte Wand mit Ausrufezeichen (wieder) aufgerichtet, indem nicht nach vorne gespielt, sondern ein Wimmelbild geboten wird, in dem es auch mal ein bisschen chaotisch zugeht; und in beiden Inszenierungen wirkt der ästhetische Naturalismus nicht als manirierende Fessel, sondern befreit die Darsteller ganz im Gegenteil in eine überbordende Spiellust, aus der unzählige einprägsame Momente entstehen.

Zum Beispiel die Szene im zweiten Akt, in der Olga, Mascha und Irina sich zunächst wieder einmal in ihre Moskau-Sehnsucht hineinsteigern – das "Maskwuu" klingt jetzt nicht mehr jubelnd, sondern wie ein Wolfsgeheul, mit dem sie sich gegenseitig anstecken – und in der Mascha dann schließlich nicht mehr an sich halten kann und den Schwestern ihre Liebe zu Werschinin gesteht: "Ja lublju, lublju, lublju..." – "Ich liebe, liebe, liebe" bricht es aus ihr heraus, und dann versteckt sie schnell ihr Gesicht. Als wären da nicht nur ihre Schwestern, als wäre da auch noch ein Publikum, vor dem sie sich ihrer spontanen Gefühlsäußerung furchtbar schämt.


Drei Schwestern
von Anton Tschechow, Russisch mit deutschen Übertiteln
Regie: Pjotr Fomenko, Bühne: Wladimir Maximow, Kostüme: Marija Danilowa, Licht: Wladislaw Frolow, Puppen: Irina Batschurina, Musikalische Gestaltung: Oxana Globa, Wladimir Muat.
Mit: Andrej Kasakow, Galina Tjunina, Polina Kutjopowa, Xenia Kutjopowa, Madlen Dshabrailowa, Tagir Rachimow, Rustem Juskajew, Kirill Pirogow, Karen Badalow, Iwan Werchowych, Stepan Pjankow, Igor Owtschinnikow, Sergej Jakubenko, Irina Gorbatschowa, Anna Rodionowa, Oleg Ljubimow, Wladimir Topzow, Wladimir Muat.
Dauer: 3 Stunden 50 Minuten, zwei Pausen

www.berlinerfestspiele.de

Kritikenrundschau

"Hier hält vom Uniformknopf des Barons Tusenbach bis zum Schulterstück des Batteriekommandeurs Werschinin praktisch jedes Detail dem historischen Authentizitätstest stand," schreibt Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (2.12.2012). Regisseur Pjotr Fomenko lasse das Tschechow-Personal konsequent an selbst laborieren. Dank des erstklassigen Schauspiels schält sich aus Sicht der Kritikerin "die Zeitlosigkeit des Textes unter der historisierenden Ausstattungsschicht umso wirkungsvoller hervor." Dabei werde interessanterweise "deutlich subkutaner gelitten als in vielen deutschen Tschechow-Inszenierungen: Stagnation und Depression treten weniger aus lethargischen Verzweiflungsmienen hervor als aus einer Art leichtgängigem Übersprungsaktionismus, der wiederum überraschend gut ins 21. Jahrhundert passt."

"Von einem "gepflegten, kostbaren, von Liebe lebendig gehaltenem Erbstück" spricht Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (1.12.2012). Knapp zehn Jahre nach ihrem Entstehen tue die Inszenierung noch immer, als wäre sie nicht fertig. Im Übrigen sei die Festivaleröffnung mit diesem Gastspiel eine staatstragende Angelegenheit gewesen: "mit Ansprachen des Intendanten Thomas Oberender, des Botschafters Wladimir Grinin, einer Repräsentantin des russischen Kulturministeriums. Das gehört zu so einem Abend wie der reservierte, großzügig eingedeckte Pausentisch. Amtssprache beim Festspielhaus-Publikum war Russisch, die meisten Zuschauer genossen die repräsentative Atmosphäre, Sektstimmung, Goldblusen, Highheels, Designbrillen und viel, auch während der Vorstellung fleißig angewendete kommunikative und bildgebende Elektronik. Viele wichtige Persönlichkeiten mussten, obgleich voll des delektierenden Lobes für die Kunst, in den beiden Pausen des vierstündigen Abends dann auch leider weg. So großstädtisch kann Berlin sein."

 

 

 

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