Rette sich, wer kann (Der Tod)

von Tim Schomacker

Osnabrück, 30. November 2012. Im Grunde geht es um den allerletzten Punkt, der den allerletzten Satz beendet, der eine Lebenserzählung beendet. Wir waren, Punkt. Und sind nun nicht mehr. Wir sind nämlich tot. "wir lassen einen brief im bungalow", berichten der alte Mann und die alte Frau, "denselben gibt's nochmal der liegt in der küche unseres einfamilienhauses / briefe die erklären sollen / unseren akt erklären sollen / damit sie nicht monatelang suchen müssen wenn sie ein auto mit drei leichen im see auffinden / es sind unsere". Punkt.

wir waren 2 hoch-280 uwe lewandowski uRosemarie Fischer, Klaus Fischer
© Uwe Lewandowski
Die Situation im Zwei-Personen-Stück "Wir waren" des Franzosen William Pellier, das nun erstmals in Deutschland zu sehen ist, ist denkbar einfach: Ein älteres Ehepaar zieht sich, wie jedes Jahr, für einige Wochen in einen Bungalow am Mittelmeer zurück. Diesmal haben sie beschlossen, am letzten Urlaubstag nicht nur den Schlüssel an der Rezeption abzugeben: "die entscheidung da haben wir drüber nachgedacht jetzt sind wir noch bei klarem verstand". Und sie haben entschieden: Mit dem Auto durch die Holzabsperrung der Serpentinenstraße. Runter in den tiefer gelegenen See. Frau und Pudel mit Schlaftabletten betäubt, der Mann am Steuer.

Doppelmonolog eines alten Ehepaars

Eigentlich müsste man Alexander Mays deutschsprachiger Erstinszenierung wünschen, Sterben und Tod wären derzeit nicht dermaßen präsent. Die leise wie pointierte Art, mit der er Pelliers Doppelmonolog eines Ehepaars gerade dort zum Schwingen bringt, wo Philosophisches, Soziologisches, Kulturkritisches nicht ausgesprochen wird, hätte es verdient gehabt, noch mehr irritierendes "Aha"-Erlebnis herzustellen.

Den ersten Teil des Abends setzt May in den Gastraum eines Osnabrücker Hotels. Es gibt eine Standuhr, Landschaftsbilder und Stadtansichten an den Fenstern. Ein Kellner kommt: "Mineralwasser, sehr gern!" Dann kommt das Mineralwasser. Ein Tisch bleibt frei, er ist reserviert. Irgendwann kommt das alte Ehepaar. Ihre Stimmen werden lauter, die Stimmen der anderen Anwesenden im gleichen Maße leiser. Die geschickt gebaute Eingangssequenz nimmt die eigenartige Atmosphäre eines Hotelfrühstücksraums auf. Nur dass man dort weiterredet, den Stuhl nicht zurecht schiebt, während man die anderen beobachtet. Wir hören einem alten Ehepaar zu, wie es sein Leben skizziert. Um es anschließend zu beenden.

Kunstvolle Einfachheit

Die Schauspieler Rosemarie Fischer und Klaus Fischer haben vielleicht hundert Bühnenjahre hinter sich, die 2 x 25 letzten gemeinsam am Osnabrücker Theater. In geblümter Bluse und gelbem Polohemd legen sie Pelliers Paar zugleich realistisch an – und als vollkommene Kunstfiguren. Einerseits wird beim Sprechen eine echte Orange echt geschält und gegessen. Andererseits bleiben die Sätze stets gebaute. Pelliers Sätze sind von einer kunstvollen Einfachheit, streifen in ihrem bitteren Humor manchmal das Boulevardeske (und erinnern daran, dass eine stilbewusste, komödiantische Leichtigkeit – von Molière bis zu Alain Resnais' Film "On connait la Chanson" – in Frankreich eine andere Tradition hat). Irgendwann beginnt die Fläche unter dem Tischtuch zu leuchten.

Wie sehr seine beiden Figuren zusammen gehören verrät Pellier, indem er sie abwechselnd sprechen lässt – aber (fast) nie im Dialog. Vor allem Klaus Fischer gelingt es, Sprechen und Gestisches exakt auf der Realismus-Kante anzulegen. Dass man sich fragt, ob der am Nebentisch sitzende Souffleur ihm aus dramaturgischen oder doch aus Alters-Gründen so oft Satzanfänge zuflüstert, verstärkt diesen Eindruck noch.

wir waren 5 560 uwe lewandowski uDer Tod unter dem Bett? Tomas Bünger und Rosemarie Fischer  © Uwe Lewandowski
Sich der Sterbewirtschaft entziehen

Irgendwann merken wir, dass zwar das Mineralwasser echt war, aber der Kellner nicht. Die Position des Choreographen und Tänzers Tomas Bünger ändert sich im zweiten Abschnitt fundamental. Er verkörpert nun in eigentümlich-geisterhafter Personalunion alles, was die Eheleute trennt; ist Tod und Pfleger, Siechtum und Sorge – und das alles bemerkenswerter Weise ohne symbolistischen Überschwang. Publikum und Akteure sind inzwischen anderthalb Gehminuten und eine Stiege weitergezogen, in den Ballettsaal des Theaters. Mann und Frau liegen im Bett. Der Suizid misslang. Die Frau kann oder mag kaum mehr sprechen.

In einem inhaltlich atemberaubenden, aber darstellerisch pointiert zurückgelehnten Monolog sprich Klaus Fischer nun für beide. Und überbrückt dabei ohne Szenenwechsel eine beachtliche Dauer: von der Sorge, nun in die geriatrische Psychiatrie eingewiesen zu werden, über den Verlust des Einfamilienhauses bis zum Eingeständnis der doppelten Niederlage, die das Weiterleben in der Alten-Institution bedeutet. Weder der romantische gemeinsame Tod noch das selbstbestimmte Sichentziehen aus der Sterbewirtschaft hat funktioniert. Sie geht zuerst, nachdem Bünger sie – parallel zu Fischers raummittigem Monolog – tänzerisch ausgefeilt im Bett herumgerollt, in choreographisch kleinen Figuren durch den Raum geleitet hat. Und aus dem Leben.

 

WIR WAREN (deutsche Erstaufführung)
von William Pellier
Aus dem Französischen von Frank Weigand und Leyla-Claire Rabih
Regie und Bühne: Alexander May, Dramaturgie: Alexander Wunderlich, Kostüme: Fabian Siepelmeyer, Choreographie: Tomas Bünger.
Mit: Tomas Bünger, Klaus Fischer, Rosemarie Fischer
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, eine Pause.

www.theater-osnabrueck.de

 

Der Dramatiker William Pellier, 1961 geboren, gewann mit seinem Stück Wir waren ("La Vie de marchandise") in diesem Sommer den Saarbrücker Primeurs-Aurorenpreis für frankophone Dramatik 2012.

 

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Kritikenrundschau

"So wie die Regie dem Zuschauer die Distanzierung austreibt, so sind hier auch die Schauspieler bereit, sich involvieren zu lassen", schreibt Daniel Benedict in der Neuen Osnabrücker Zeitung (2.12.12). Das betreffe Grundsatzentscheidungen wie die Besetzung eines fiktiven Paars mit einem realen. Auch die Offenheit, mit der Klaus Fischer sich bei seinen langen Textstrecken hin und wieder zum Souffleur am Nebentisch wende, passe dazu – "als Geste eines Künstlers, der die Karten auf den Tisch legt." All das hebe nicht die Trennung von Figur und Darsteller auf. "Es dokumentiert aber doch die schöne Ernsthaftigkeit, mit der das Team sein Thema hier auf sich und auf die Zuschauer bezieht."

 
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