Die Sache mit der Freiheit

von Willibald Spatz

München, 29. November 2007. Es ist interessant mitzuerleben, wie Theatermacher es mit wenigen Mitteln schaffen, ihre Heimat in einem anderen Land in den Köpfen des Publikums bildhaft werden zu lassen. Erst am Dienstag zeigte das Nature Theatre of Oklahoma beim Spielart-Festival, wie der Amerikaner durch den freien Markt und die äußerst kündigungsgefährdete Arbeit bei Wal-Mart zu einem eigenartig unfreien, oberflächlichen Wesen gerät. Die Company nutzte mitgeschnittene Telefongespräche als Textgrundlage und zur Dokumentation ihres Anliegens.

Das Freie Theater Minsk muss zu Hause in Weißrussland schon unter völlig anderen Bedingungen produzieren. Die Unfreiheit im Land ist ein Erbe aus der sowjetischen Zeit und setzt sich fort, weil man ganz stark von Russland abhängig ist. Jedes kritische Wort könnte den bescheidenen Wohlstand bedrohen. Das Freie Theater Minsk will das "Frei" in seinem Namen ernst nehmen, es will Opposition und unbequem sein und an den Zuständen rütteln.

Knospender Kapitalismus: Tüten- und Hosenhandel

Deshalb müssen die Akteure im Untergrund auftreten. Sie dürfen keine öffentliche Werbung machen, sie müssen ihr Publikum per SMS einladen und in Keller-Clubs spielen, die gewöhnlich für Partys genutzt werden. Nikolai Khalezin ist Gründer der Gruppe. Er bestreitet "Generation Jeans" im Ampere-Club der Muffathalle in einem originalgetreuen Umfeld mit ständiger Untermalung durch einen DJ, der im Hintergrund der Bühne agiert und das gesprochene Wort mit passendem Soundtrack versieht.

Nikolai Khalezin erzählt Geschichten, die ihm passiert sein könnten. Selbstverständlich ist das für Münchner schwer nachvollziehbar, dass das Tragen einer Jeans-Hose ein Freiheitssymbol sein kann. Daher holt Khalezin weit aus und geht zurück in seine Jugend, in der er mit Plastiktüten gehandelt hat und dann aufgestiegen ist, indem er nach Vilnius fuhr, um von polnischen Gastarbeitern Hosen zu kaufen. Diese Episode gerät sehr lebendig in den Passagen, wo er die Verhaftung und Verhörung durch Beamte in einem Hotelzimmer schildert. Dazu setzt er sich künstliche riesige Augäpfel auf. Der Besitz von original englischen und amerikanischen Schallplatten sei das damals das Höchste gewesen, was man sich gewünscht habe – Khalezin steckt eine englische und eine amerikanische Flagge auf die Bühne.

Nur der Freie mag es eng

Dann wechselt er vor allen die Jeans und stößt zum Kern vor: seiner Verhaftung. "Eine unbekannte Kraft zieht dich auf den Platz, damit du schreist: Ich bin frei", berichtet er, und man glaubt ihm das so weit. Doch dann fordert er auf einmal auf Deutsch das Publikum auf, ebenfalls "Ich bin frei" zu schreien. Der erste Versuch ist ihm zu leise. Zwei Mal will er es lauter hören, beim letzten Mal zückt er schnell einen Gummiknüppel und holt mit ihm aus. Doch anstatt zuzuschlagen, zuckt er mit der Schulter und sagt: "Ich weiß, es ist nicht ganz leicht." Das ist eine schöne Demonstration dafür, dass egal, wie lange man ihm zuhört, er doch immer aus einer anderen Welt berichten wird, die keiner seiner Zuschauer jemals kennenlernen wird.

Auch der Knast wird spürbar. Nikolai Khalezin stellt sich hinter ein 80 Zentimeter breites Gitter, um zu zeigen, wie klein das Loch war, in das sie ihn steckten – und das süffisant "Becher" genannt wird –, nachdem er es gewagt hat, einen Anwalt zu fordern. Er erwähnt, dass es eine Qual sei, in einem weißrussischen Gefängnis Jeans zu tragen, weil die zu eng seien und höllisch drückten an manchen Stellen, ja, "Jeans sind für die Freiheit. Jeans konnten nur in einem freien Land entstehen." Da zieht er sein Jeanshemd aus und hisst es als letzte Fahne, als die der "Generation Jeans".

Und um zu der zu gehören, müsse man kein bestimmtes Alter haben und auch keiner bestimmten Nation Pass besitzen, um da dazuzugehören, müsse man die Freiheit lieben. Prominente Vertreter seien sowohl Luther, Gandhi, Mutter Teresa, Johannes Paul II als auch Charlie Chaplin und Kurt Cobain. An dieser Stelle muss der zwar durchaus freiheitsliebende, aber halt auch freiheitsgewohnte Zuschauer eine Menge Pathos schlucken; Nikolai Khalezin bleibt ihm trotzdem sympathisch, weil sein Theater gut ist und der Sound vom DJ Laurel im Hintergrund ebenfalls.


Generation Jeans
von Nikolai Khalezin in Zusammenarbeit mit Natalja Kolada
Regie und Schauspiel: Nikolai Khalezin, Musik: DJ Laurel (Lavr Berzhanin).

www.spielart.org

 

Kritikenrundschau

Gut möglich, schreibt Egbert Tholl in seinem Abschluss-Bericht vom Spielart-Festival in der Süddeutschen Zeitung (3.12.2007), dass "das kommende Theater-Jahrzehnt den Geschichtenerzählern" gehöre. In den Stadt- und Staatstheatern sei dies längst der Fall (ach, wenn doch nur ein paar mehr Beobachter diesen Befund einmal zur Kenntnis nähmen!).

Aber, so Tholl weiter, Nikolai Khalezin, vor dessen "Generation Jeans" man im übrigen "alles Verständnis für ostalgische Sehnsüchte nach sozialistischen Diktaturen" verliere, meine damit noch mehr als dass sich Regisseure vorhandenen Texten wieder "mit Ehrfurcht" näherten. "Es geht ihm um das paradoxe Unterfangen, im Theater ... die Wahrheit zu erzählen, wahrhaft erlebte Geschichten, die sich nicht jemand nur ausgedacht hat."

Tholl sieht Khalezin dabei in bester Gesellschaft, in der  Stefan Kaegis von Rimini Protokoll etwa, der mit [der gemeinsam mit Lola Arias erarbeiteten Produktion] "SOKO São Paulo" gastierte, Josse De Pauws "Ruhe", in dem "Holländer von ihrem freiwilligen Eintritt in die SS berichteten", Tim Etchells "That Night Follows Day", dessen Chortexte "im Kern" von 15 Kindern stammen sowie das New Yorker Nature Theater of Oklahoma mit seiner leicht "durchgeknallten Show" für die 300 Telefonate belauscht wurden - sie alle repräsentieren für Tholl die Sehnsucht, "die Fiktionalität zu überwinden".

 
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