Das Ich als reine Natur

von Martin Pesl

Wien, 6. Dezember 2012. Gleich, ob Buch, Film oder Bühne: Sie verblüfft jedes Mal, die Kurzweil, mit der über mehrere hundert Seiten – oder eben über knapp hundert Minuten – vom Leben einer Frau erzählt werden kann, die jahrelang keinen einzigen Mitmenschen um sich hat. Die Behauptung der Heuernte als Event und die von Hund, Katz und Kuh als gültige Gefährten ist sicher eine der vielen Ursachen für die Faszination, die die österreichische Autorin Marlen Haushofer mit ihrem eigenwilligen Roman "Die Wand" aus dem Jahr 1963 immer wieder entfacht.

Jagdhütte nachts

Besagte Frau ist darin Gast in einer Jagdhütte, als über Nacht um den Wald herum eine durchsichtige Wand entsteht, außerhalb derer kein Leben mehr existiert, Ursache unbekannt. Daraufhin lebt die Frau eingesperrt in die Natur mit Haus- und Waldtieren vor sich hin.

Nachdem vor einigen Wochen eine Verfilmung des Romans durch Julian Pölsler in die Kinos kam, hat Burgschauspielerin Dorothee Hartinger nun eine Monologfassung erstellt, die sie selbst an einer ungewöhnlichen Spielstätte ihres Hauses vorbringt: auf einer langen Feststiege, im Foyer sozusagen. Ihr Schauspielerkollege Christian Nickel wurde als szenischer Arrangeur herangezogen, die Technik soll etwas gemeckert haben, es sei so schwierig, da draußen zu leuchten.

wand1 h280 reinhard werner uAuf dem Weg zur Alm © Reinhard Werner

Dabei sieht es gar nicht so kompliziert aus. Am Fuße der Stiege: drei Sitzreihen warm angezogener Zuschauer, ein paar sensibel eingesetzte Scheinwerfer auf allen Seiten des prunkvollen Geländers. Hinter uns pfeift es auf einmal, Dorothee Hartinger ist eingetroffen, bepackt mit einem Rucksack voller Utensilien, gekleidet wie eine modebewusste Stadtfrau der Sechzigerjahre, die sich für den Wald rüstet.

Traum, Alptraum, Depression?

In gut eineinhalb Spieldauer legt Hartinger nicht nur Jeans ab und naturtaugliches Gewand an, sondern streift auch ihr Stadt-Ich für immer ab, ebenso nach und nach ihre Requisiten: eine Kuhglocke, die die Kuh repräsentiert, flauschige Handschuhe, die für neugeborene Kätzchen stehen, und so weiter. Ein paar Mal läuft sie auch die Stiege hinauf, um die "Alm" zu markieren, auf der die Frau ihre Sommer verbringt, und wohl auch, um dem außergewöhnlichen Ort genüge zu tun.

Vor allem erzählt sie uns eine Geschichte, von Jahren der "splendid isolation", mit offenem Ende. Sie verkörpert dabei nie eigentlich eine Rolle, reißt die Handlungen und Emotionen, die sie beschreibt, stets nur ganz kurz szenisch an, um dann in ihrem Bericht fortzufahren, als wären wir gute Freunde, die zwischendurch bestätigend nicken oder überrascht den Kopf schütteln. Sie wundert sich immer wieder, gedankenverloren die Hand an der Wange, über das Schicksal ihrer Figur und macht dabei ein paar berührende Momente auf. Dass das, was in der Kurzfassung des Plots nach einem Horrorszenario klingt, genau so gut ein Traum der Überforderten, eine Utopie der Geburnouteten, ein friedvolles Ankommen bei sich selbst sein kann, das stellt sie geradezu selbstverständlich vor.

Die vierte Wand

Was Dorothee Hartinger durch ihren freundlichen, sich emotionale Übertreibung streng versagenden Vortrag freilich ein bisschen erstickt, sind die mannigfaltigen psychologischen, philosophischen und spirituellen Interpretationen der Wand, die die Vorlage anbietet. Ist die Wand die Depression, gar der Tod? Das will man hier gar nicht wissen. Und während bei Haushofer der ganze Text ein geschriebener Bericht ist, den die Frau in der Ahnung verfasst, dass ihn mal die Mäuse fressen werden, lässt Hartinger in ihrer Fassung die zahlreichen Vorgriffe, etwa auf den Tod des einen oder anderen Tieres, weg und schildert die Handlung chronologisch einem Publikum, das lebt, zuhört und eben bestätigend nickt, überrascht den Kopf schüttelt oder auch das lästig läutende Handy nicht schnell genug findet.

Da ist eben keine (vierte) Wand, herrscht keine Endzeitstimmung. Das mag schlicht dem Umstand des mündlichen Vortrags geschuldet sein, mindert aber doch etwas den zwingenden Charakter dieses kurzfristig in den Spielplan gehobenen Liebhaberprojekts.

Die Wand
von Marlen Haushofer, Fassung: Dorothee Hartinger
Szenische Einrichtung: Christian Nickel, Licht: Marcus Loran.
Mit: Dorothee Hartinger.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Die "protzige Stiege", auf der Dorothee Hartinger spielt, "wünscht man sich anfangs weg", meint Anne-Catherine Simon in der Presse (8.12.2012). Hartinger spiele "konzentriert, innig verhalten. Bis allein durch ihr Spiel langsam das Wunder geschieht: Die Stiege verblasst, man driftet in eine elementare Welt." Den "Reichtum des Romans" könne "der Abend natürlich nicht einfangen. Aber die fragile und doch so zähe Hauptfigur wird sehr lebendig – und noch stärker, als sie erfunden wurde."

"Auf abgeklärte Weise und doch zutiefst nachvollziehbar" erzähle Dorothee Haringer "über ihre strukturierten Tagesabläufe, den Schmerz über den Verlust von Katzenjungen oder die Freude über einen Schlag reifer Himbeeren", sagt Sebastian Fleischer im Morgenjournal von Ö1 (7.12.2012). "Inmitten des prunkvollen und doch kalten Ambientes der Feststiege" schaffe "Dorothee Hartinger das, was gutes Theater ausmacht: Nämlich Bilder im Kopf entstehen zu lassen."

 

 
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