Wie ein Stern

von Harald Raab

Frankfurt, 7. Dezember 2012. Michail Bulgakows Opus Magnum, der surreal-satirische Roman "Der Meister und Margarita", gehört zu den Schlüsselwerken der Weltliteratur. Der stark dialogische Text bietet sich wie wenige andere Romane dazu an, für die Bühne adaptiert zu werden – eine Herausforderung, die freilich schwer zu realisieren ist. Versucht haben es schon einige – mit mehr oder weniger Erfolg, zuletzt etwa Simon McBurney in Avignon oder Kay Voges in Dortmund.

Der Teufel kommt nach Moskau, in den 30er-Jahren der Stalinzeit. Dort trifft er auf einen gleichgeschalteten Literaturbetrieb, auf Spießertum, auf dümmlich-bornierten Atheismus, auf die Phantasielosigkeit eines vermachteten Apparats, auf Speichelleckerei, Anpassung in existenzieller Not und natürlich auf den Meister, den Schriftsteller, der sein Roman-Manuskript verbrannt hat. Geschrieben hat er über Jesus in den Fängen der römischen Macht. Allzu deutlich ist, dass er die sowjetische Diktatur des Proletariats meint. Dann ist da noch Margarita, die Frau mit dem unschuldigen Herzen. Sie kämpft dafür, dass selbst in diesen finsteren Zeiten Liebe möglich sein muss.

Auf dem roten Stern

Am Freitag hatte "Der Meister und Margarita" in Frankfurt Premiere, in der Produktion des Regisseurs Markus Bothe. Es fängt vielversprechend an: Große Bühne mit einem monströsen hell- und blutrot gestreiften Sowjet-Stern, schräg platziert auf der Drehbühne (Bühnenbild: Robert Schweer). In, auf und zwischen den Zacken des Sterns wechselnde Plätze für die ineinander verwobenen Szenen: Eine Verhörzelle, in der Jesus von Pilatus in die Mangel genommen wird. Das Literaturhaus mit der vertrottelten Nomenklatura des staatlich verordneten Kulturbetriebs. Eine Wohnung, in der wundersame Dinge passieren. Ein Irrenhaus: Gelegenheiten für große, eindringliche Bebilderung also.

meistermargarita1 560 birgit hupfeld u"Der Meister und Margarita" in Frankfurt: Der Teufel (Michael Goldberg) am rotem Stern.
© Birgit Hupfeld

Doch vor der Pause gelingt Regisseur Bothe nur streckenweise eine Visualisierung, in der von der flirrenden Leichtigkeit dieser surreal-grotesken Atmosphäre, der Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit Bulgakows etwas zu spüren ist. Zu viel aufgesetzter Klamauk, statt subtilem Irrwitz. Michael Goldbergs Teufel Voland ist ein stattlicher Mensch, dem sein hellgrauer Sommeranzug vortrefflich steht. Aber nur schwer kann man ihm abnehmen, dass er einen Höllenfürst mit magischer Gewalt und zynischem Charakter vorführt. Wie soll so einer die Massen hypnotisch in seinen Bann ziehen? In seiner Entourage ist Sascha Nathan als Kater Behemoth ein tollpatschiges Bärchen und kein hinterlistig gefährliches Biest. Sein Spießgeselle Korowjew wird jedoch von Viktor Tremmel mit nacktem Oberkörper und in kariertem Rock als kaltschnäuziger Unterteufel mit irisierender Brutalität realisiert. Auch Torben Kesslers Meister ist vor allem ein gebrochener Mensch, gleichbleibend, ohne große Entwicklung dieser Figur.

meistermargarita 07 280 birgit hupfeld uDer Meister (Torben Kessler) und seine Margarita (Bettina Hoppe). © Birgit Hupfeld

Stark im Zwischenreich

Die starken Stellen dieser Inszenierung liegen nach der Pause in der Szenerie des diabolischen Danse macabre, im Mitternachtsball der Lemuren. Große Mörder und prominente Giftmischerinnen defilieren an der Königin der schrägen Festivität vorbei. In Nacktkostümen küssen sie den Saum ihres Hemdchens. Margarita hat sich bedenkenlos in diese Orgie gestürzt, um ihren Meister zu retten. Bettina Hoppe verleiht der rauschhaften Zwangshingabe kraftvolle Kreatürlichkeit. Ebenso berührend ist ihr traumhafter Flug über Moskau und ihr Demolieren der Wohnung des Kritikers, der ihren Meister auf dem Gewissen hat: Genau dieses Zwischenreich jenseits der Markierungen des Realen ist, was der Bulgakow-Roman imaginiert.

Ein missglückter Einfall ist es, dem Ganzen einen Musical-Touch überzustülpen. Konstantin Groppers Musik mixt  weichgespülten Lloyd-Webber-Sound mit der Klangfarbe russischer Folklore. Dazu noch Songs mit selbstgestrickten Texten, wie das schmalzige Schlussduett vom Meister und seiner wiedergewonnenen Margarita als Hymnus an Liebe und Freiheit: Das grenzt ans Peinliche.

Was sagt es uns?

Statt Bulgakows magischem Realismus bietet Markus Bothe ein sehr deutsches Theater, direkt und angestrengt. Soll uns das die Schrecken der Stalin-Herrschaft nahe bringen? Offen bleibt auch die Frage, was das eigentlich mit unserer turbokapitalistischen Zeit zu tun haben könnte? Es geht schließlich – wenn auch im Zerrspiegel der Satire - um Wahrheit, um Glaube und Liebe: Ideale Bulgakows, die in Zwangskonsum- und Karrieregesellschaften demokratischer Verfassung gleichfalls unter die Räder kommen.

 

Der Meister und Margarita
von Michail Bulgakow, Übersetzung von Thomas Reschke, Fassung von Markus Bothe und Nora Khuon
Regie: Markus Bothe, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Heide Kastler, Musik: Konstantin Gropper, Dramaturgie: Martina Grohmann.
Mit: Michael Goldberg, Sascha Nathan, Viktor Tremmel, Bettina Hoppe, Torben Kessler, Mathias Reinhardt, Thomas Meinhardt, Felix von Manteuffel, Vincent Glander, Sandra Gerling und den Musikern Chihiro Ishii, Martin Lejeune, Tim Roth, Martin Stanke, Yuriy Sych.
Dauer 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 
Kritikenrundschau

"Von der Sinnlichkeit der Romanorte (...) bleibt in Frankfurt ein riesiger, begehbarer Roter Stern auf der Bühne, der überdeutlich den politischen Kontext markiert, in dem Bulgakow schrieb und dem er schließlich erliegen sollte", schreibt Tilman Spreckelsen in der FAZ (10.12.2012). Das, "ws uns in der Vorlage tief berührt", sei in Bothes Fassung rar gesät. Und zwischendurch erwarte man nicht mehr allzu viel. "Dass man sich darin täuscht, ist ein beglückendes Moment dieses Theaterabends. Denn kurz darauf steht der Meister am Bühnenrand, mit nacktem Oberkörper, im Licht eines einzigen Scheinwerfers und rezitiert die Szene vom Sterben Christi aus Bulgakows Roman mit Hingabe und ernster Wucht, dass man den Dauerbeschuss der vergangenen 100 Minuten als bloßes Vorspiel werten möchte."

"Rot und Schwarz erzählen Markus Bothe und Robert Schweer 'Der Meister und Margarita'", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (9.12.2012), "blutrot und dunkelschwarz, dazwischen ab und an etwas gespenstisches Weiß, ein wenig jesushaft nackte Haut und vor allem das schmutzig-braune, absolut unverkennbare Olivgrün der glorreichen Sowjetarmee"."Wer was warum tut, vor allem aber welcher Sinn und welche Anspielung in dieser oder jener Szene stecken könnte, verschwimmt dabei wie zwei Wasserfarben im Mischglas." Bothe mache ein "Bühnenmärchen" aus dem Stoff. Allerdings ohne Verweisungszusammenhang und Sinnhorizont. "So geht ein weitgehend gedankenfreies Sinnspiel mal munter, mal melancholisch über drei Stunden dahin – mal unterhaltsam, mal langweilig, und je länger es dauert, desto öfter ist es das zweite."

"Zwar hat Bothe einige stimmige Einfälle." Langweilig sei die Inszenierung also nicht, schreibt Astrid Biesemeier in der Frankfurter Neuen Presse (10.12.2012). "Doch der erzählerischen Kraft und Vielschichtigkeit der Romanebenen hat sie wenig entgegenzusetzen." Der zur Zeit des Pontius Pilatus in Jerusalem spielende Roman im Roman "Meisters" werde bei Bothe szenisch platt als Sowjetrealität inszeniert. Vor dem Abstieg zum Satansball kapituliere Bothe. "So manches Mal ersetzt harmloser Klamauk die böse Satire."

 

 

Kommentar schreiben