Millimeter eines Kilometers

von Elena Philipp

Berlin, 13. Dezember 2012. Dokumentarisch beginnt das rumänische Festival "Many Years After ..." am Berliner Hebbel am Ufer, mit dem Doppelabend zweier junger Dramatikerinnen, deren kritische Stücke in ihren Heimatländern Rumänien und Moldau schon öfter für öffentliche Erregung sorgten: Nicoleta Esinencu und Gianina Cărbunariu. In "Clear History" montiert Nicoleta Esinencu Archivdokumente und Augenzeugenberichte zu einem Schreckenspanorama der Judenvernichtung unter Marschall Ion Antonescu, und Gianina Cărbunariu rekonstruiert in "X mm din Y km / X mm von Y km" ein Verhör, dem der dissidente Schriftsteller Dorin Tudoran 1985 in Bukarest unterzogen wurde.

Unmöglich mögliche Schizophrenie

Vier Darsteller spielen sich gegenseitig die Rollen zu in Cărbunarius Inszenierung, die auf einigen wenigen Schreibmaschinenseiten aus Tudorans 10.000 Seiten umfassender Securitate-Akte beruht. Einem Drehbuch, das "erst gespielt und dann geschrieben" wurde. Aufgrund seines Ausreiseantrags verlor er die Arbeit und wurde von der Securitate verhört, bespitzelt, gegängelt. Anlass des Gesprächs ist sein Brief an den Schriftstellerverband, in dem er mit einem Hungerstreik und Plakataktionen droht, falls er nicht einen Reisepass erhält. Offenbar unerschrocken diktiert Tudoran dem Geheimdienst sein Credo in die Aufnahmegeräte: "Ich kann das nicht wie andere Leute, etwas denken und was anderes sagen, ich kann mit dieser Schizophrenie nicht leben." Ein aufrechter Andersdenkender.

Widersprüchlicher imaginieren Regisseurin Cărbunariu und ihre Darsteller den Sekretär für Propagandaprobleme Nicolae Croitoru, der als Stellvertreter der Kommunistischen Partei Rumäniens das Verhör mit Tudoran führte. Mădălina Ghițescu, Paula Gherghe, Rolando Matsangos und Toma Dănila tauschen die Fellmütze, die als Attribut des Apparatschiks dient, platzieren ihren transportablen Tisch an anderer Stelle zwischen den locker auf der Bühne gruppierten Zuschauern und probieren unterschiedliche Sprechhaltungen.

xmm ykm1 560 voicu bojan uX mm din Y km / X mm von Y km © Voicu Bojan

Hochfahrend und überheblich verficht einer der theatral konstruierten Croitorus das Recht der Partei und des Staates, Einfluss auf Tudorans Karriere zu nehmen - das rumänische Volk habe sie mit einer Finanzierung der Ausbildung überhaupt erst ermöglicht. Eine andere Version des Geheimdienstoffiziers rät dem Schriftsteller mit paternalistischer Gutmütigkeit, seine Position noch einmal zu überdenken. Oder provoziert ihn kühl: "Ich bin geneigt zu glauben, dass du viel Lärm machen willst, damit du an deinem neuen Ort einen besseren Stand haben wirst."

Geschichte wiederholen

Skepsis gegenüber einem geschichtsrekonstruierenden Ansatz schwingt mit in Cărbunarius Inszenierung. Welcher Ton herrschte zwischen den Gesprächsteilnehmern, wer war wem überlegen, gewogen, feindlich gesinnt? Forderte der Dritte im unfreiwilligen Bunde, der Präsident des Schriftstellerverbandes Dumitru Radu Popescu, Tudoran als schwärmerischer Nationalist zum Verbleib in der Heimat auf oder als propagandatreuer Karrierist? Auf der Bühne werden unterschiedliche Varianten ausgetestet. "Noch einmal" fordern die Darsteller und wiederholen Passagen des Gesprächs in anderer Haltung, bis zu einem halben Dutzend Mal.

Der Darsteller des "T.O.", des Technischen Operateurs oder Abhörapparats, schwenkt die Kamera auf die Gesichter der Kombattanten, zoomt auf Ergänzungen oder Unterstreichungen in der Akte. Doch all dieser Aufwand verrät nicht, ob der Offizielle den Dissidenten nach einem ergebnislosen Gespräch mild mahnte, "wenigstens einen kleinen Schritt zur konstruktiven Lösung des Problems" beizutragen, ob er dem Autor drohte oder ihn sogar körperlich anging. Die Akten geben dieses Geheimnis nicht preis, sie verraten alles und doch auch nichts.

Was in Moldau geschah

Befragt Gianina Cărbunariu in ihrer Inszenierung ein einziges historisches Dokument, wenige Millimeter aus dem Kilometer umfassenden Securitate-Archiv, so perspektiviert Nicoleta Esinencu anhand von Augenzeugenberichten, Zeitungsausschnitten und Archivdokumenten ein einzelnes historisches Ereignis, die Judenvernichtung in Moldau während des Zweiten Weltkriegs.

Auch zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion wird in Moldau noch immer nicht aufgearbeitet, dass in den 1940er Jahren auf Befehl des rumänischen Diktators Ion Antonescu mehr als eine Viertelmillion rumänischer und ukrainischer Juden sowie etwa 20.000 Sinti und Roma ermordet wurden, so Esinencu. Um diese Erinnerungslücke zu schließen, recherchierte sie mit ihren Schauspielern über ein Jahr in Archiven, befragte Überlebende und Augenzeugen.

clearhistory1 560 natalia moraru uClear History © Natalia Moraru

Die gesammelten Episoden sind so entsetzlich wie sie für eine westdeutsch Sozialisierte vertraut sind: Vom Neid auf die reichen, geschäftstüchtigen Juden berichten Esinencus Gesprächspartner, von Plünderungen, Deportationen, Massenerschießungen, vom Dreck, den Krankheiten und der Hoffnungslosigkeit in den Lagern, davon, wie sich Juden ihr eigenes Grab schaufelten, wie sie gequält und gedemütigt wurden. Und zwischendurch spielt das Lagerorchester, das einigen halbwüchsigen Häftlingen das Leben rettete.

Verantwortung übernehmen

Das ganze Panorama der organisierten Entmenschlichung fächert sich auf - und man erkennt in dieser nachholenden Aufarbeitung, dass Hitlers Vernichtungsmaschinerie auch in den fernsten Ecken Europas reibungslos arbeitete, bedient von willfährigen Vollstreckern wie Antonescu, der auch jüngeren Moldauern noch als Volksheld gilt.

Aufklärung ist Esinescus Anliegen. Aus dem Wissen über die Vergangenheit heraus sollen Ihre Landsleute Verantwortung für die damaligen Geschehnisse übernehmen. Geschichtsbücher und ihre Aufenthalte in Deutschland motivierten sie, "Clear History" zu schreiben, erzählt die Autorin, Regisseurin und Theaterleiterin. Im Hintergrund ihres Textes scheint ein ganzes Korpus der Holocaust-Aufarbeitung wirksam zu sein - von Peter Weiss' dokumentarischem Theater über die atrocity movies, die die Alliierten nach dem Krieg produzieren ließen, die Shoa-Blockbuster bis hin zu den KZ- und Arbeitslager-Schilderungen von Imre Kertész, Primo Levi und natürlich Herta Müller.

Schnarrende Stimme, brüchige Stimme

In ihrer Inszenierung vertraut Esinencu auf die Kraft der Worte. Wenig fügt das Bühnengeschehen dem Text hinzu, der effektsicher einer Dramaturgie der Eskalation folgt. Toneinspielungen belegen die Authentizität der Dokumente (zumindest für rumänischsprachige Zuschauer) - da wird in schnarrendem Ton der Große Vaterländische Krieg verkündet und mit brüchiger Stimme der Befreiung aus dem Ghetto gedacht. Filmaufnahmen der Judendeportationen machen die Masse ermordeter Menschen annähernd anschaulich; aus den Stills blicken den Zuschauer einzelne Gesichter direkt an.

Am Schluss ertönt wie zu Beginn eine Schulklingel: Ende der Geschichtslektion. Und eines Abends, der die europäische Bedeutung zweier Theaterszenen belegt, die im eigenen Land einen schweren Stand haben. Die politischen Wirren in der Schwarzmeer-Republik Rumänien erfassten auch das Festival am HAU: Kuratorin Aenne Quinones hätte gerne noch mehr ästhetische Positionen gezeigt, doch nach einem wohl politisch forcierten Kurs- und Personalwechsel kürzte das Rumänische Kulturinstitut in Bukarest die Gelder. Und wieder einmal, denkt man seufzend, überholt die Wirklichkeit die Kunst.

X mm din Y km / X mm von Y km
Regie: Gianina Cărbunariu.
Mit: Mădălina Ghițescu, Paula Gherghe, Rolando Matsangos, Toma Dănila, Video: Ciprian Mureșan.
Mit Unterstützung von Administration of the National Cultural Fund Romania.

Clear History
Regie: Nicoleta Esinencu.
Mit: Veaceslav Sambriş, Doriana Talmazan, Irina Vacarciuc.
In Kooperation mit dem Deutschen Kulturzentrum Akzente, mit Unterstützung durch die ERSTE Stiftung und das Goethe-Institut.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Mehr über Nicoleta Esinencu, die seit 2010 das Teatru Spălătorie in ihrer Heimatstadt Chişinău leitet, auf dem Festivalportal des Osnabrücker Spieltriebe 3 Festivals, bei dem 2009 ihr Stück A(II)RH+ inszeniert wurde.   

Kritikenrundschau

"X mm von y km" von Gianina Carbunariu reflektiere "Möglichkeiten und Grenzen, sich Historie anzueignen", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (15.12.2012). Die Spieler tauschten im live abgefilmten Verhör immer wieder die Rollen von Dissident, Apparatschik und Opportunist, wechselten KP-Fellmütze und Perspektive, ließen die Sätze endlose Wiederholungsschleifen drehen. "Es gibt keine abgeschlossene Vergangenheit, die Geschichte stellt vielmehr Fragen an die Gegenwart." Auch Nicoleta Esinencus "Clear History" sei "eine bittere Geschichtslektion."

 
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