Gott am Apparat

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 15. Dezember 2012. "Ich hab hier eine Karte für Goethes Faust", reklamiert Mephisto, Parkett Mitte sitzend, nach gut einer Viertelstunde. Recht hat er. Goethes Verse kommen im Grazer Schauspielhaus nicht ganz so schnell in Fahrt. Dann aber umso rasanter. Doch zuerst hören wir Faust die längste Zeit hinter dem Vorhang mit sich hadern, während vorne ein Typ steht, der gerne telefoniert. "Gott?" - "Ja, am Apparat." Über Gott und die Welt plaudern die beiden, über Europa, Selbstmord und Gutmenschen. Der Mensch sei die Krone der Schöpfung, befindet der sächselnde Gott fast trotzig, während man Faust von hinten toben hört: "… und leider auch Theologie ..."

Den Berliner Rundfunk-Gott-Plauderer Ahne, Autor auch der "Reformbühne Heim & Welt", hat man nach Graz eingeladen. Könnte schließlich leicht sein, dass bei Faust I und II an einem Abend Textknappheit ausbricht. Da baut Ahne vor, und seine Handy-Intermezzi brechen die Geschichte aufs Hier und Heute herunter. Aber es ist sowieso rasch klar, dass Peter Konwitschny den Faust abklopft in Richtung Zügellosigkeit unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Klar, dass sich viel Hellsichtiges findet.

Schöpfung am Touch-Screen

Homunkulus? Eine Schöpfung am Touch-Screen. Tablet-Computer anstatt Reagenzglas, aber der erfüllt ja auch, was da geschrieben steht: "Was künstlich ist, verlangt geschloss'nen Raum." Ist erst mal die Notenpresse in Gang gesetzt – klar doch, der Regisseur hakt bei der Erfindung des Papiergelds ein – öffnen sich alle Schleusen. Walpurgisnacht und Antiken-Burlesque-Show: Da sind wir mitten drin in der virtuellen Künstlichkeit einer übersexualisierten Welt. 

Scharfer Schnitt hinüber zur Helena-Geschichte: Einsam sitzen sie da, Helena und Faust als Bewohner benachbarter Garconnieren im Plattenbetonbau, beide mit Notebook am Wohnzimmertisch. Sie träumt sich mit blonder Perücke in die (bessere?) Antikenwelt, er holt sich zwischendurch mal einen runter. Live-Begegnung ist eigentlich nicht programmiert.

faust graz1 560 lupi spuma uFaust, Mephisto und Entourage © Lupi Spuma

Wenn sie endlich zusammenkommen, ist Mephisto als Stimmungsmacher reichlich überfordert, wie überhaupt der Teufel, je weiter Gott weg rückt und je mehr sich Faust als technokratischer Macher geriert, immer schlechtere Figur macht. Der arme Teufel wird arg zernepft und trägt zuletzt eine blutige Kopfbinde. Am Ende wird er genau so am Ende sein wie Faust.

Mit künstlichem Bauch gefoppt

Diesen Mephisto hat man vom Wiener Burgtheater geborgt: Udo Samel. Anderthalb Kopf ist er kleiner als der schlacksig wirkende Jan Thümer. Faust kommt in den ersten Szenen wie ein in die Jahre gekommener 68er-Intellektueller daher, wogegen Mephisto in seinem schwarzen Anzug eher als biederer Bourgeois wirkt, als leicht herablassender, süffissanter Beobachter. Wie Udo Samel kurzbeinig und gemessenen Schrittes über die Bühne kurvt und schelmisch dreinschaut!

Im Verlauf der Gretchen-Geschichte scheint Mephisto noch absolut Herr der Lage. Gretchen landet schließlich im Bordell (Erste Walpurgisnacht), wo sie Faust mit künstlichem Bauch foppt. Die Unschuld ist ihr genommen, ordentlich. Den Faust lässt sie einfach stehen, geht durch den Zuschauerraum ab und sagt selbst, fast ein wenig keck: "Ist gerettet". Katharina Klar ist ein starker Typ für diese junge Frau mit Kanten. Das pubertäre Mädchen braucht Faust nicht erst lange zu verführen.

Eisenbetten als harte Währung

Betten, schlichte Eisenbetten, kommen reichlich und leitmotivisch vor. In jenem von Faust lässt Mephisto sich gemächlich nieder, während dieser das im Zorn umgeschmissene Bibliotheksregal wieder einräumt. Gretchen turnt in dem ihren und es hat den Anschein, dass sie, die noch Unschuldige, das Bett als eigentlich schon zu groß für sie alleine einschätzt. Betten kommen vom Schnürboden herunter und fahren per Drehbühne für die Bordell-Szene am Ende des ersten Teils herein. Auf einem Bett schweben Faust und Mephisto im zweiten über der Antiken-Show. Und ein überdimensionales Bettgestell dient dem Kaiser (Thomas Frank) und seinem Hofstaat als Podium und Vergnügungs-Areal, hier erliegt die Gesellschaft dem "Papiergespenst der Gulden", wie es bei Goethe so schön heißt.

Gegen Ende werden auch Philemon und Baucis (Rudi Widerhofer, Gerti Pall) ihre müden alten Glieder auf eine schlichte eiserne Liegestatt lagern. Die Episode mit diesen beiden nutzt der Regisseur, um den Aspekt der Natur-, ist gleich Menschenzerstörung, anzusprechen und durchzuspielen.

Erstaunlich, wie Konwitschny und sein Ausstatter Johannes Leiacker eigentlich nur mit Betten und ganz wenigen Versatzstücken respektablen Bühneneffekt generieren. Der Regisseur hat den Rotstift ordentlich wüten lassen und Rollen zuhauf eingespart – und doch fühlt man sich ganz nah an Goethe. Man wird ergötzt von Ahnes Zwiegesprächen mit Gott, die als apart-leichtgewichtige Intermezzi allfälligen Pathos augenblicklich zerstäuben oder ihn gar nicht erst aufkommen lassen.

Wider alles Pathos

Ein Text-Steinbruch? Geht ja gar nicht anders mit "Faust II", und "Der Tragödie erster Teil" ist in der Aufführung eher als Vorspann gewichtet: Mit Gretchen beginnt Fausts Spiel wider die (göttliche?) Ordnung, mit Kaiser und Hofstaat setzt er es fort, mit der Décadence virtuellen Realitätsverlusts steuert er auf eine ultra-fröhliche, aber logischerweise ruinöse Apokalypse zu. Eigentlich weist uns Peter Konwitschny an diesem Abend ins Theater als eine ziemlich moralische Anstalt ein. Wir besuchen sie mit Lustgewinn.

Und was sagt Gott zu dem Spektakel? Er verurteilt nicht, das ist in Ahnes telefonischer Comedy nicht vorgesehen. "Habt ihr wieder Krise?", fragt er höchsten leicht ironisch. Keine Identitätskrise dort oben, an Selbstmord hat Gott noch nie gedacht. Wäre, wie er sagt, "ja schon rein technisch nicht möglich". Folgert der irdische Gesprächspartner: "Du brauchtest also Sterbehilfe?" Vor solchem Background verliert auch der Chorus Mysticus allen Pathos. Er ist auf die Frauen-Personnage aufgeteilt, auf Gretchen, Baucis und die Freudenmädchen, die man in der Schauspielschule der Kunstuniversität gecastet hat. Das Weibliche eben, mit diesem Wort endet die Geschichte sehr deutungsoffen.           
        

Faust
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Peter Konwitschny, Bühne und Kostüme: Johannes Leiacker, Musik: Johannes Harneit, Choreographie: Kai Simon Stöger, Manuel Czerny, Dramaturgie: Regina Guhl, Marion Hirte.
Mit: Jan Thümer, Udo Samel, Katharina Klar, Birgit Stöger, Thomas Frank, Simon Käser, Sebastian Klein, Claudius Körber, Gerti Pall, Rudi Widerhofer.
Dauer: 3 Stunden 25 Minuten, eine Pause.

www.schauspielhaus-graz.com

 

Mehr zu Faust-Inszenierungen der jüngeren Zeit: vor einem Monat inszenierte Sebastian Hartmann in Leipzig Mein Faust, Elfriede Jelineks Sekundärdrama FaustIn and out brachte Julia von Sell im September 2012 in Frankfurt auf die Bühne und ebendort inszenierte zum Saisonauftakt im Doppelpack Stefan Pucher den ersten und Günter Krämer den zweiten Teil.

 

Kritikenrundschau

"Auf zur Weltreise nach Graz!", fordert Barbara Petsch in der Presse (17.12.2012) ihre Leser auf. Konwitschny ordne "seine Fassung seinem Konzept unter – und dieses ist überwiegend zwingend." Der Regisseur ziehe "auch Linien, die man bei Goethe nicht sieht". Und er habe "viel zu erzählen, man möchte ihm nicht in allem folgen, Freunde konservativerer Aufführungen dürften irritiert sein. Doch in der Modernität und Zeitnähe hat er Peter Steins unvergesslichen Kraftakt übertroffen. Und das ist mehr als zu erwarten war."

Margarete Affenzeller findet es im Standard (17.12.2012) "löblich", dass Konwitschny "ganz auf Deklamationstheater" setze. Er versuche "das große Ding, doch die Verse plätschern ungehört dahin. Die Sätze verpuffen meist im Nichts. Es gelingt den Schauspielern nicht, das Gewebe dieser kunstvollen Sprache aufzuschließen. Mit der Ausnahme des 'göttlichen Mephisto' von Udo Samel (Zuschauerzitat) wurden Sinn und Rhythmus im Gesprochenen kaum kenntlich." Schon Teil eins lahme trotz Kürzungen. In Teil zwei gerate dann Faust "im Taumel dieser bilderreichen Inszenierung (…) ganz in Vergessenheit. Inhaltlich geht der Abend flöten."

"Das Spiel, das ja durchaus den Namen Weltspiel verdient", verlaufe bei Konwitschny "in arger Schräglage", schreibt Werner Krause in der Kleinen Zeitung (17.12.2012). Rasch rotiere es "um eine Vielzahl von Achsen, ehe es sich selbst aus der Umlaufbahn katapultiert. Auch der rote Faden, den Regisseur Peter Konwitschny avisierte, verflüchtigt sich im Nirgendwo." Zumindest im ersten Teil dürfe Katharina Klar als Gretchen "noch beeindruckender und beklemmender brillieren, als sie es zuvor schon mehrmals im Grazer Schauspielhaus getan hatte." Im zweiten Teil habe Konwitschny "wohl die Kälte und Klarheit zeigen" wollen, "verursacht durch Naturzerstörung, Geldgier, Entmenschlichung; von Goethe einst prophezeit und längst Realität geworden. Er stellt diese Realität auf eine leichte, plakative Probe nur, er belässt es bei einem Fingerzeig mit dem Fäustling."

In der Frankfurter Rundschau (17.12.2012) schreibt Dirk Pilz: "Gott ist tot, die Götter sind geblieben, deutet Konwitschny. Immer schneller jagt sein Faust-Mensch den neuen und allerneusten Göttern hinterher." Dagegen sei Mephisto "einer, der nicht folgen kann. Der auf die Bühne stolziert, um 'denen da mal zu helfen'. Er will helfen, den Rückweg ins Übersichtliche, zu einem ordentlichen Vers-Goethe zu finden. Er findet ihn nicht, es gibt ihn nicht." Das sei der Clou dieser Inszenierung: Sie mache "'Faust' zur Tragödie des Mephisto. Sein Drama ist, dass er zusehen muss, wie Gott und damit auch der Teufel abgeschafft, aussortiert werden, wie jede Ordnung, alle Übersicht verdampft." Die Inszenierungsidee "überzeugt, erhellt, macht denken". Aber das Schau-Spiel könne "der Regie nicht immer folgen". Im Zweifelsfall flüchteten sich die Darsteller "ins Halbpathetische, den halbhohen Ton - und lassen ihre Figuren seltsam verloren klingen".

Zu erleben sei ein "zu einem wundersam glatt ablaufenden Bühnenmechanismus zusammengefügter Abend", in dem fast nur Goethe-Text gesprochen werde, "reichlich viel, nicht von jedem völlig überzeugend, aber beeindruckend stringent", findet Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (20.12.2012). Konwitschnys "Faust" sei "die konsequente Fortsetzung dessen, was Konwitschny auch in seinen Opernarbeiten anstrebt: die Antwort auf die Frage, inwieweit jedes menschliche Tun und Empfinden von den gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt ist - und auf diese zurückwirkt". Einerseits sei dieser "Faust" ein großer Theaterspaß, andererseits sei es verblüffend, wie gerade in 'Faust II' die Hybris menschlichen Tuns ausgebreitet wird. "Diese Erkenntnis ist nicht neu, war aber selten so klar wie hier in Graz."

Nach der Pause scheitere Konwitschny "ziemlich mittelmäßig", schreibt Ulrich Weinzierl in der Welt (22.12.2012). "Davor jedoch gelang ihm ein vorzügliches Konzentrat des Stoffs: Faust kompakt." Freilich solle dies Stück lieber "Mefistofele" heißen. "Mephisto ist nämlich kein Geringerer als Udo Samel." Statt Dämonie verkörpere er die Bonhomie des Bösen. "Mit ihm als ständigem Begleiter würde einem auch bei den Torturen im Tartaros gewiss nie langweilig." Über Teil II seien aber eben leider nicht viele Worte zu verlieren. "Da geht schief, was schief gehen kann." Es sei eine Menge. Billige Show mit billigen Showeffekten zu parodieren wirke wenig überzeugend, eher billig und öde. "Das Unzulängliche, hier ward's dann in der Tat Ereignis."

 

 

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